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Rollstuhlfahrer Jürgen und sein Kumpel Bernd wollen Sex – ist das lustig?

Der ARD-Film „Jürgen – Heute wird gelebt“ (Mittwoch, 20.15 Uhr) will uns überzeugen: Wahre Komik braucht Tragik. Von Fabian Nitschmann

Suchen in Polen ihr Glück: Jürgen und Bernd. (Foto: ARD)

Suchen in Polen ihr Glück: Jürgen und Bernd. (Foto: ARD)

Es gibt sie noch, diese Wortspiele und Klugscheißer-Sprüche, die so schön aus der Zeit gefallen sind, dass man doch wieder über sie lachen kann. Und es gibt diese Typen, die sich mit „Ceausescu“ verabschieden und Weisheiten verbreiten wie „Qualität kommt von Qual“ oder „Luftschlösser brauchen keine Baugenehmigung“. Der ARD-Spielfilm „Jürgen – Heute wird gelebt“ an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) stellt zwei von ihnen in den Mittelpunkt und nimmt den Zuschauer mit in die lustig-tragische Welt der gesellschaftlichen Mittelmäßigkeit.

Jürgen Dose (Heinz Strunk, 55, „Der goldene Handschuh“) und Bernd Würmer (Charly Hübner, 44, „Polizeiruf 110“) sind zwei Eigenbrötler, zwei mehr als schwierige Typen gefangen in ihrem Schicksal und einem völlig unspektakulären Leben. Jürgen wohnt bei seiner bettlägerigen Mutter, Bernd sitzt wegen eines Hirnschadens im Rollstuhl, ihr soziales Umfeld beschränkt sich vor allem auf ihre Freundschaft. Wirklich erwachsen geworden sind die beiden nie, sie erinnern eher an zwei Jungs, die sich von Mutprobe zu Mutprobe hangeln.

Auf der Suche nach der Liebe (oder Sex)

Doch abgeschrieben haben sich die beiden noch nicht, die Sehnsucht nach einer Frau an ihrer Seite – oder zumindest nach Sex – ist groß. Eine Reise nach Polen soll nun alles besser machen. Dass der schmierige Partnervermittler Herr Schindelmeister (Peter Heinrich Brix, 62, „Neues aus Büttenwarder“) aber offensichtlich nur das eigene Portemonnaie im Kopf hat und nicht das Liebesglück gescheiterter Seelen, ist Jürgen und Bernd irgendwie entgangen.

Und so reisen die beiden mit einer kleinen Gruppe ebenfalls sehr spezieller Herren nach Polen und landen – so wie es das Schicksal will – vor allem im Chaos. Nur kurz fliegt ein flüchtiger Hauch Romantik durch den Film, denn in erster Linie wird die Reise zu einer Bewährungsprobe für die Freundschaft.

Viele Überraschungen in der Handlung bietet das Drehbuch von Heinz Strunk dabei nicht – und auch der Bereich des Klamaukigen ist zeitweise nicht mehr fern. Stattdessen lebt der Film vom tiefen Abtauchen in eine Welt, die vermutlich nicht die des ganz normalen ARD-Zuschauers ist – oder vielleicht auch doch.

Auf Kosten zweier gescheiteter Typen

Dieses Entführen in andere Lebenswelten, mitten rein in allzu oft vergessene Teile der deutschen Gesellschaft, ist die bekannte Stärke des Autors Strunk. Der Film ist angelehnt an seinen jüngsten Roman „Jürgen“, seinen seit Jahren immer wieder auftauchenden Alter Ego Jürgen Dose spielt er dabei natürlich selbst – und das überzeugend.

Darüber hinaus ist der Spielfilm mit bekannten Fernsehgesichtern wie Charly Hübner, Friederike Kempter (38, „Tatort“) und Peter Heinrich Brix bestens besetzt – sie alle halten, was man sich von ihnen verspricht. Entertainer Klaas Heufer-Umlauf (33) und Musiker Olli Schulz (43) sorgen zudem mit Kurzaufritten als selbstbewusste Charaktere für herrlich paradoxe Situationen mit den schrägen Vögeln um sich herum.

Viel Spaß für den Zuschauer also – allerdings in erster Linie auf Kosten zweier vermeintlich gescheiterter Typen aus irgendeinem Plattenbau in Hamburg. Regisseur Lars Jessen (48, „Fraktus“) sieht darin kein Problem. Die Geschichte stelle „eine gesellschaftliche Schicht in den Mittelpunkt, die ansonsten nur im Sozialdrama oder im Kriminalfilm vorkommt“, sagt er. Und lobt Autor und Schauspieler Strunk: „Heinz Strunk beweist mit jeder Pore seine These, dass wahre Komik vor allem der Tragik geschuldet ist.“ Nur gut, dass auch Jürgen und Bernd über ihre eigene Geschichte lachen können.

(dpa)

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