RSV Lahn-Dill gewinnt Giganten-Duell gegen RSB Thuringia Bulls

Rollstuhlbasketball: Warum sich trotzdem beide Teams sowohl als Sieger als auch als Verlierer fühlen.

Vierfach synchronisierte Schieflage: Steve Serio (#11), Joakim Linden (#15), Thomas Böhme (#13) und André Bienek (#10). (Foto: Armin Diekmann)

Vierfach synchronisierte Schieflage: Steve Serio (#11), Joakim Linden (#15), Thomas Böhme (#13) und André Bienek (#10). (Foto: Armin Diekmann)

Für Titelverteidiger RSV Lahn-Dill dürfte der Samstagabend in die Kategorie „fast alles richtig gemacht“ fallen, denn nach einem durchwachsenen Start spielte der zwölffache Meister die bis dato ungeschlagenen Thüringia Bulls streckenweise schwindelig und siegte am Ende verdient mit 68:61 (14:17/34:33/52:41) im Topspiel. Aber die Betonung liegt auch auf dem Wörtchen „fast“, denn trotz einer zwischenzeitlichen hohen Führung reichte es am Ende nicht, den wichtigen direkten Vergleich der beiden nun punktgleichen Kontrahenten zu gewinnen, nachdem das Hinspiel im Herbst mit 61:69 verloren ging.

Irgendwie durften sich an diesem Abend somit alle als Sieger, aber gleichzeitig auch ein wenig als Verlierer führen. Zum einen hat das mittelhessische Wetzlar einmal mehr bewiesen, dass es die Basketball-Hauptstadt in Deutschland ist und dem Topspiel mit 1.750 Zuschauern einmal mehr ein fantastisches Ambiente bot. Der RSV Lahn-Dill selbst hat der einzigen Mannschaft Deutschlands, der man zutraut, die jahrelange Dominanz der Hessen brechen zu können, eine klare Niederlage eingeschenkt. Die allerdings konnten sich ihrerseits wiederum hauchdünn den besseren direkten Vergleich sichern.

Thüringen hatte den besseren Start

Besser in die Partie in der ausverkauften August-Bebel-Sporthalle fand der Tabellenführer aus Elxleben, der schnell mit 6:0 (2.) und nach einem Dreier des bärenstarken Raimund Beginskis mit 13:7 (7.) führte. Dieser gute Start der Gäste sollte bis zum 22:27 (14.) aus RSV-Sicht bestand haben, ehe sich nach einer zweiten Auszeit der RSV Lahn-Dill gefunden hatte und nun Schritt für Schritt das Heft des würdigen Topduells in die Hand nahm. Zwei Dreier von US-Guard Steve Serio sorgten für den 30:33-Anschluss (18.), ehe Thomas Böhme wenige Sekunden vor der Halbzeit unter dem frenetischen Beifall der großen Kulisse die erste Führung für seine Farben erzielen konnte.

Joe Bestwick (#4) von RSV Lahn-Dill setzt sich gegen André Bienek (#10) und Jens-Eike Albrecht (#12, dahinter) durch. Vorne beobachtet Thomas Böhme (#13), links Annabel Breuer (#12), Michael Paye (#5) und Steve Serio (#11) die Szene. (Foto: Armin Diekmann)

Joe Bestwick (#4) von RSV Lahn-Dill setzt sich gegen André Bienek (#10) und
Jens-Eike Albrecht (#12, dahinter) durch. Vorne beobachtet Thomas Böhme
(#13), links Annabel Breuer (#12), Michael Paye (#5) und Steve Serio (#11) die Szene. (Foto: Armin Diekmann)

Nach dem Seitenwechsel knüpften Michael Paye & Co. dann nahtlos an spielte die Gäste in Weltklasse-Form streckenweise an die Wand. Ein 11:0-Lauf, bei dem Topscorer Böhme inklusive eines Drei-Punkte-Spiels alleine neun Punkte erzielen konnte, führte zum 47:35 (27.). Maßgeblichen Anteil daran hatten vor allem die beiden US-Amerikaner Serio und Paye, die zusammen auf 15 Assists kamen und das Spiel intelligent lenkten. Nur 60 Sekunden später drohte dem Gast beim 52:37 sogar eine empfindliche Niederlage, doch genau in dieser Phase versäumten es die Hausherren, den Sack zuzumachen. Alleine vor dem Ende des dritten Spielviertels vergab der RSV unter dem gegnerischen Korb drei gute Chancen in Serie, die die Thüringer im Gegenzug zum 52:41 nach 30 Spielminuten nutzte.

Auf des Messers Spitze

Und dennoch war der RSV in dieser Phase nicht nur klar auf der Siegerstraße, sondern hatte bis zum 62:50 (36.) auch den Gewinn des direkten Vergleichs ganz dicht vor Augen. Doch nun sollten sich, wie so oft im Basketball, die liegengelassenen Punkte im Nachhinein rächen. Und dies insbesondere, wenn man einen Gegner eines solchen Formates wie die RSB Thuringia Bulls als Gegenüber hat. Eiskalt nutzten die Gäste in Person von Jens-Eike Albrecht und Center Aliaksandr Halouski, der bis dato von der RSV-Defensivabteilung perfekt aus dem Spiel genommen werden konnte, ihre Chancen clever aus. Beim 62:57 (38.) sah die großartige Kulisse nun die Mannschaft von Trainer Josef Jaglowski im direkten Vergleich wieder knapp in Front liegend.

Nun war das hochklassige Topspiel längst zu einem sich auf des Messers Spitze bewegenden Drama geworden. Zwei erfolgreiche Freiwürfe von Joe Bestwick bedeuteten 36 Sekunden vor dem Spielende beim 68:59 dann wieder Platz eins in der RBBL-Tabelle für den RSV Lahn-Dill, ehe Teemu Partanen den Schlusspunkt setzen konnte und die sich anschließende letzte Chance für die Wetzlarer 2,2 Sekunden vor der Schlusssirene ungenutzt blieb. Das Drama hatte ein Ende und beide Seiten durften sich gleichermaßen als Sieger wie Verlierer fühlen.

Fantastische Atmosphäre

„Wir haben ein tolles Spiel gesehen, dass von seiner Athletik und Intensität auf Champions League Niveau war“, so RSV-Trainer Nicolai Zeltinger nach 40 Minuten intensive Werbung für die Sportart: „Wir hatten uns vorgenommen auf Sieg zu spielen, ohne zu früh an den direkten Vergleich zu denken. Obwohl wir sehr nervös und ohne ausreichend Aggressivität ins Spiel gestartet sind, haben wir den festen Glauben gehabt zurück zu kommen und dies auch eindrucksvoll geschafft. Dennoch trauern wir der vertanen Chance nach, den direkten Vergleich und damit den Heimvorteil in einer möglichen Finalserie gesichert zu haben. Andererseits wissen wir aber auch, dass wir uns bis zu den Playoffs noch deutlich steigern können und werden“, so der 44-Jährige weiter, der zum Schluss auch die Fans nicht vergaß: „Ich möchte mich bei jedem einzelnen Fan für die grandiose Unterstützung bedanken. Diese Atmosphäre ist fantastisch und die Beste, die es im Rollstuhlbasketball gibt“.

Tabellenerster bleibt nach dem 16. Spieltag RSB Thuringia Bulls, punktgleich gefolgt von RSV Lahn-Dill. Dritter und Vierter und damit die favorisierten Playoff-Teilnehmer drei und vier sind unverändert BG Baskets Hamburg und Doneck Dolphins Trier. Außenseiter-Chancen auf die Halbfinals um die Deutsche Meisterschaft haben außerdem Aufsteiger USC München und BSC-Rollers Zwickau.

Lahn-Dill: Thomas Böhme (26), Michael Paye (19), Steve Serio (14/2 Dreier), Joe Bestwick (6), Dirk Köhler (3), Annabel Breuer, Björn Lohmann, Nico Dreimüller (n.e.), Jan Haller (n.e.), Christopher Huber (n.e.), Felix Schell (n.e.).

Thüringen: Raimund Beginskis (16/1 ), André Bienek (16/1), Joakim Linden (10), Aliaksandr Halouski (9), Jens Eike Albrecht (4), Teemu Partanen (4), Dan Highcock (2), Venckus Nerijus, Marcus Kietzer (n.e.).

(RP/aj)

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