RSV Lahn-Dill kann es doch noch – Sieg gegen Meister Thuringia Bulls

Die hessischen Rollstuhlbasketballer gewinnen Gipfeltreffen mit 71:59 und kehren nach über einem Jahr an die Tabellenspitze zurück. Von Andreas Joneck

Piotr Luszynski (#11) von RSV Lahn-Dill kann sich gegen Jens Eike Albrecht (#12) und Teemu Partanen (#13) von Thuringia Bulls durchsetzen. (Foto: Armin Diekmann)

Piotr Luszynski (#11) von RSV Lahn-Dill kann sich gegen Jens Eike Albrecht (#12) und Teemu Partanen (#13) von Thuringia Bulls durchsetzen. (Foto: Armin Diekmann)

Der zwölffache Deutsche Meister RSV Lahn-Dill ist durch einen verdienten 71:59 (13:18/35:31/50:46)-Heimsieg über den amtierenden Titelträger erstmals nach über einem Jahr an die Tabellenspitze der Rollstuhlbasketball-Bundesliga (RBBL) zurückgekehrt. In einem hochklassigen Spiel vor großer Kulisse haben die Mittelhessen dem Doublegewinner aus Thüringen damit national die erste Niederlage seit dem 13. Februar überhaupt beigebracht und haben damit im Kampf um den wichtigen Platz eins in der RBBL-Hauptrunde die Nase zunächst leicht vorne.

Eine starke Leistung boten dabei vor allem Kapitän Michael Paye, der sich neben seinen 16 Punkten sieben Rebounds und stolze zwölf Assists sicherte, sowie Neuzugang Piotr Luszynski, der bei 19 eigenen Punkten zum Topscorer avancierte und zudem sechs Fouls zog. Der Erfolg des RSV Lahn-Dill basierte an diesem siebten Spieltag aber keineswegs auf individuellen Leistungen, sondern auf einem taktisch wie spielerisch geschlossenen Mannschaftspiel, bei dem das ganze Team seinen wichtigen Beitrag geleistet hat.

Doch zunächst hatten die Mittelhessen vor rund 1.300 Zuschauern in der Wetzlarer August-Bebel-Sporthalle enorme Mühe mit der Verteidigung der thüringischen Gäste. Die Bulls stellten zu diesem Zweck den polnischen RSV-Center Luszynski unter Sonderbewachung und hielten den Topscorer der Wetzlarer damit effizient vom eigenen Korb fern. Doch die sich dadurch Philipp Häfeli bietenden Freiräume nutzte der Schweizer gekonnt aus, wie beim 4:6 (3.) und 6:8-Anschluss (5.) aus Sicht der Gastgeber. Dennoch hatte der zuletzt dreimal gegen Lahn-Dill siegreiche Titelverteidiger zunächst die Nase vorn, letztmalig jedoch beim Dreier von Spielmacher André Bienek zum 9:12 (7.).

Hohe Foulbelastung

André Bienek (#10) ist von seiner Unschuld überzeugt, während Lahn-Dills Kapitän Michael Paye (#5) eine spektakuläre Flugeinlage präsentiert; links Aliksandr Halouski (#14). (Foto: Armin Diekmann)

André Bienek (#10) ist von seiner Unschuld überzeugt, während Lahn-Dills Kapitän Michael Paye (#5) eine spektakuläre Flugeinlage präsentiert; links Aliksandr Halouski (#14). (Foto: Armin Diekmann)

Danach schien die Mannschaft des Trainergespanns Nicolai Zeltinger und Ralf Neumann einen Weg gefunden zu haben, aus einer sicher stehenden Defensive auch offensiv mehr Durchschlagskraft zu entwickeln. Thomas Böhme mit zwei schönen Korberfolgen markierte so beim 13:12 (8.) die erste RSV-Führung, ehe die Thuringia Bulls ihr Selbstbewusstsein mit einem 8:0-Konter zum 13:20 (11.) noch einmal eindrucksvoll demonstrierten.

Doch der Weg, wie der amtierende Titelträger zu knacken ist, war auf Seiten des RSV Lahn-Dill längst gefunden. Und so gehörte das zweite Spielviertel ganz den Hausherren, die damit ihre große Kulisse so richtig wachküssten. Unter Szenenapplaus drehten die Wetzlarer binnen sechs Spielminuten das 15:23 (12.) nach einem Dreier des Letten Raimund Beginskis in eine eigene 30:27-Führung (18.). Sechs Punkte von Luzynski ließen Junioren-Nationalspieler Nico Dreimüller und Kapitän Paye zwei Dreier folgen, die so für die knappe 35:31-Pausenführung verantwortlich waren.

Neben dem knappen Spielstand sorgte vor allem die Intensität und damit hohe Foulbelastung im Spitzenspiel für zusätzliche Spannung und Kopfzerbrechen auf beiden Trainerbänken. Kassierte im zweiten Spielabschnitt zunächst RSV-Wirbelwind Thomas Böhme sein drittes Foul (18.), folgte ihm nur Sekunden später RSB-Guard André Bienek (19.), ehe sich die Reihenfolge nach dem Seitenwechsel umdrehte: Bieneks viertes Foul ahndeten die Unparteiischen in der 22. Minute, ehe sein Nationalmannschaftskollege Böhme in der 24. Spielminute folgte. Doch auch ohne die beiden Leistungsträger ließ die Partie weder an Klasse noch an Spannung nach, während der RSV Lahn-Dill über 41:35 (24.) seine knappe Führung bis zum Ende des Viertels behaupten konnte.

Revanche geglückt

Maßgeblichen Anteil daran hatte auch der jetzt eingewechselte Joe Bestwick, der sich sofort in die Partie einfand und mit sechs Punkte binnen zwei Minuten aus dem Feld wie von der Freiwurflinie fehlerlos blieb. Doch der Deutsche Meister aus Thüringen gab das Spiel längst noch nicht verloren, kam mit großer Kampfkraft und einem Drei-Punkte-Spiel durch Aliaksandr Halouski zum 58:55-Anschluss (35.), ehe unter dem Jubel der Besucher der Gastgeber den Sack zu machen konnte. Häfeli, vor Augen des ehemaligen RSV-Akteurs und heutigen Schweizer Nationaltrainers Nicolas Hausammann, Luszynski und Paye zeigten sich von der Freiwurflinie nervenstark, während die Gäste mit der Brechstange keine Wirkung mehr erzielen konnten und eine am Ende mit zwölf Punkten Differenz auch klare Niederlage einstecken mussten.

„Nach einigen Minuten der Eingewöhnung haben wir zu unserem Spiel gefunden und vor allem defensiv ein Klassespiel gezeigt“, so RSV Head Coach Zeltinger zufrieden und glücklich, ob der ersten gelungenen Revanche nach den zwei Endspielniederlagen im Frühjahr dieses Jahres gegen die Thuringia Bulls: „Entscheidend war heute vor allem, dass unsere Bank jederzeit auf den Punkt da war und wichtige Impulse setzen konnte“, hob der 45-Jährige noch einmal die Teamleistung hervor.

Die Gäste, die keineswegs enttäuschten, hatten im Schweden Joakim Linden und Center Halouski, der zudem noch zehn Rebounds sammelte, mit 14 und 13 Punkten ihre stärksten Offensivspieler. Dagegen konnte André Bienek in der Offensive weniger Akzente setzen als zuletzt, führte aber trotzdem glänzend Regie. Doch unter dem Strich konnte der RSV Lahn-Dill die Foulbelastung bei Böhme mit einer starken Teamleistung besser kompensieren, als es den Gästen im Fall des 30-jährigen Bieneks gelungen ist. Neben den genannten Luszynski und Paye verdienten sich auch Häfeli, Bestwick und Dreimüller gute Noten, in einem Team, dass am Ende gemeinsam die Tabellenführung mit dem eigenen Publikum feiern konnte. Minutenlang stand die Kulisse Beifalls spendend und hatte am Ende als „sechster Mann“ ihren Anteil am gelungenen Gipfeltreffen des siebten Spieltages in der RBBL.

Lahn-Dill: Piotr Luszynski (19), Michael Paye (16/1 Dreier), Thomas Böhme (12), Philipp Häfeli (9), Joe Bestwick (6), Nico Dreimüller (5/1), Dirk Köhler (4), Annabel Breuer, Jan Haller, Björn Lohmann, Christopher Huber (n.e.).

Thüringen: Alikasandr Halouski (14), Joakim Linden (13/1), Jens-Eike Albrecht (8), Raimund Beginskis (7/1), André Bienek (7/1), Vasily Kochetkov (6), Teemu Partanen (4), Vanessa Erskine, Benjamin Kenyon, Marcus Kietzer (n.e.), Marvin Malsy (n.e.).

Der Autor ist Geschäftsführer von RSV Lahn-Dill.

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