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Russlands eiskalte Propaganda mit Behinderten

Countdown für Sotschi 2014: Putin & Co. planen die teuersten olympischen Spiele aller Zeiten. Und ausgerechnet unsereins wird eingespannt, um das Land glänzen zu lassen.

In einem Jahr schaut die Welt auf Sotschi und Russland.

Als Wladimir Putin im August vor den Paralympics 2012 Russlands 163 Behindertensportler persönlich im Kreml verabschiedete (ROLLINGPLANET berichtete: Paralympics: Bach erwartet großartige Spiele, Putin macht auf nett, DBS versagt), war das ein Akt mit – Hintergedanken.

Denn ähnlich wie China will Russland mit fragwürdigen Methoden international glänzen – und die Asiaten haben es in den vergangenen Jahren vorgemacht: Die Regierung in Peking investierte „große Mengen Geld“ (Jin Shan, Direktor am Studienzentrum für Sportkultur der Akademie der Sozialwissenschaften) in die geschätzten 2,7 Mio. behinderten Sportler des Landes, damit ihre Spitzenathleten für ein wenig weltweiten Ruhm und ein menschliches Antlitz sorgen.

Wie es daheim wirklich für Menschen mit Behinderung aussieht, so hoffen die Mächtigen, wird die internationale Gemeinschaft nicht nachfragen. Tatsächlich belegte China bei der Nationenwertung der Paralympics 2012 mit 95 Gold-, 71 Silber- und 65 Bronzemedaillen und großem Vorsprung Platz 1. Der Zweitplatzierte hieß: Russland (36/38/28). Doch trotz dieses Erfolgs: Die Behinderten in China haben nichts davon. Ausgegrenzt leben sie am Rande der Gesellschaft – von Inklusion redet da niemand (siehe ROLLINGPLANET-Bericht: Chinas große Paralympics-Propaganda).

Countdown für die olympischen Winterspiele

Es sollen „seine“ Spiele werden: Wladimir Putin (Foto: dpa)

Die Strategie scheint aufzugehen – und wird nun auf russisch wiederholt. Zu beobachten ist das beim derzeitigen Countdown für die ersten russischen Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, die unter Palmen stattfinden sollen und bei denen Behinderten ungewollt eine ganz besondere Rolle zukommt.

Die Eisarenen an der Schwarzmeer-Küste sind in Betrieb. 45 Kilometer weiter im Kaukasusgebirge bei Krasnaja Poljana fahren Gondeln zu den alpinen Wettkampfstätten. In den Bergen liegt Schnee. Ein Jahr vor dem Start sei Sotschi zu rund zwei Dritteln bereit – „als Schaufenster für ein neues Russland“, tönte der Chef des Organisationskomitees, Dmitri Tschernyschenko. Die XXII. Olympic Winter Games finden vom 7.2. bis 23.2.2014 statt, die XI. Paralympic Winter Games vom 7.3. bis 16.3.2014.

Tschernyschenko, der als Funktionär mit dem kahlen Kopf bekannt geworden ist, spricht gern von „Kremlchef Wladimir Putins Spielen“. Der russische Präsident wird an diesem Donnerstag mit IOC-Chef Jacques Rogge den Startschuss für „ein Jahr bis Olympia“ geben. Parallel zu den Feierlichkeiten treffen sich die Teamchefs aller Länder bis Freitag zu organisatorischen Meetings in Sotschi. Dabei vertritt Michael Vesper, erneut Chef de Mission der deutschen Olympia-Mannschaft, die Interessen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Jagd nach Medaillen und Ehre

Das deutsche Team, mit 30 Medaillen (10 Gold, 13 Silber, 7 Bronze) Zweiter im globalen Wettstreit von Vancouver 2010, will bei den Sotschi-Spielen wieder um den Gesamtsieg in der Nationenwertung mitkämpfen. Gastgeber Russland plant nach der historischen Pleite in Kanada mit nur drei Goldmedaillen diesmal den Sprung an die Spitze. Dafür seien etwa 15 Goldmedaillen nötig und auch möglich, prophezeit Alexander Schukow, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Russland.

Für diese Vorgabe musste er sich von internationalen Spitzenfunktionären schon Größenwahn vorhalten lassen, aber seine Ankündigung passt zu den allgemeinen Ambitionen. Mit bisher 37,5 Milliarden Euro kostet Sotschi 2014 schon jetzt fünfmal mehr als ursprünglich geplant und ist das teuerste Spektakel der olympischen Geschichte. Alles nicht so wild, meinte Vizeregierungschef Dmitri Kosak unlängst.

Mehr als die Hälfte des Geldes komme von Investoren wie den Staatskonzernen und superreichen Oligarchen. Der Kreml hat sie zur Mithilfe verdonnert für Olympia 2014. Organisator Tschernyschenko, der selbst aus der Stadt mit rund 400.000 Einwohnern stammt, betont, dass der Sommerkurort nun endlich ein echtes Wintersportziel sei.

2014 will der Kreml in Sotschi zudem die Führer der Welt zum G8-Gipfel empfangen. Der Sicherheitsaufwand gegen Terroristen ist gigantisch. Die Region liegt in der Nähe von Konfliktgebieten wie dem islamisch geprägten Nordkaukasus und Abchasien, das Russland nach einem Krieg mit Georgien 2008 als unabhängigen Staat anerkannte.

Baulärm, verpesste Luft, giftiger Bauschutt

Kann sich sehen lassen: Modernes Geschäftsviertel in Sotschi

In Sotschi will sich Russland mit einem neuen Flughafen, Straßen und Bahnstrecken, Luxushotels und atemberaubender Natur von seiner besten Seite zeigen. Bei den aktuellen internationalen Wettbewerben loben schon jetzt westliche Sportler die neuen Sportstätten. Doch bei vielen Einheimischen hält sich die Begeisterung in Grenzen.

In Internet-Blogs klagen genervte Bürger über Baulärm rund um die Uhr, verpestete Luft und giftigen Bauschutt, Staus durch Lastwagen und über angeblich mehr Kriminalität wegen der vielen Gastarbeiter. Auch Menschenrechtler etwa von der Organisation Human Rights Watch oder Umweltschützer prangern immer wieder schwere Rechtsverstöße auf dem Weg zu Olympia an.

Die Vorwürfe drehen sich um Umweltsünden, zwangsumgesiedelte Bürger, die sich nicht gerecht entschädigt fühlen, und um Gastarbeiter aus den zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken, die wie Sklaven ausgebeutet würden. Russische Journalisten berichten über Druck von Behörden, kritische Berichte lieber zu unterlassen.

Sotschi als Modell für behindertengerechtes Leben

Die Organisatoren wischen solchen Missklang gerne beiseite. Tschernyschenko redet viel lieber über die Vorzüge Sotschis. Da wären etwa die von der Regierung festgeklopften Hotelpreise, um den in Russland beliebten Preiswucher zu brechen. Der Funktionär preist die Olympiastadt als leuchtendes Beispiel für ganz Russland. Sotschi sei ein Modell für behindertengerechtes Leben. Tschernyschenko ist sicher, dass nicht zuletzt die Paralympischen Spiele im Anschluss dazu führen werden, Russland „mental zu verändern“.

Tschernyschenko spricht offensichtlich von barrierefreien Neubauten – die sozialen und gesellschaftlichen Umstände für Menschen mit Behinderung in Russland kann er nicht gemeint haben. „Behinderte sieht man hier nie. Das liegt daran, dass sie mit ihren Rollstühlen weder in die U-Bahn, noch in Geschäfte kommen. Es gibt keine Rampen oder Aufzüge, die ihnen zu einem eigenständigen Leben verhelfen könnten. Es gibt auch keine Heime für Behinderte, in denen sie gepflegt werden und sie werden finanziell kaum unterstützt. Sie sind darauf angewiesen, dass die Familien sie pflegen“, schreibt der ehemalige Zivi Roman Zitlau in einem „Spiegel“-Bericht.

Erik Stock vom Förderkreis Iwanuschka e.V. aus Hamburg berichtet: „Behinderte Kinder erhalten in Russland leider auch heute noch keine professionelle Hilfe. Viele werden als lernunfähig eingestuft.“ Gegenwärtig gibt es laut des Experten Alexander Lysenko in Russland 13,3 Millionen behinderte Menschen (Gesamtbevölkerung: 143,1 Mio.), darunter etwa 500.000 Kinder.

Ein „epischer Kampf“ für Behinderte

Natalia Barkhatova lebt in Jekaterinburg (Foto: privat)

Die 27-jährige Natalia Barkhatova lebt in Jekaterinburg und schilderte ROLLINGPLANET ihr Leben: „Seit meiner Geburt bin ich gehbehindert, ich habe Arthrose und eine Wirbelsäulenverklemmung. Heutzutage bewege ich mich mit Gehstock, draußen brauche ich Begleitung. Ich bin Single, lebe mit meiner Mama zusammen und lerne Deutsch, indem ich durchs Internet surfe. Als meine Oma 1995 wegen einer zu spät diagnostizierten Krebserkrankung starb, stand Mama unter Schock. Mit einem Küchenmesser in der Hand schrie sie, dass sie Selbstmord machen will. Meine Mutter und ich weinten jeden Tag, ich wollte nicht mehr zur Schule gehen. In dieser Zeit hatte ich einen neuen Lehrer, der sagte, dass ich dumm sei und kranke Kinder zu Hause bleiben müssten. ,Schule ist etwas für normale Leute, die das Leben vor sich haben!‘, sagte er.“

„Leben mit einer Behinderung in Russland ist ein epischer Kampf“, schreibt der britische „Telegraph“ und beschreibt den Alltag der Rollstuhlfahrerin Nehmen Liliana Fyodorova: „Um zu ihrer Wohnung zu kommen, muss sie sechs steile und schmale Stufen bewältigen. Dabei ist schon drei mal hingefallen und musste ins Krankenhaus. Die Dinge haben sich in den letzten Jahren verbessert, aber nur ein bisschen. Russlands Streben nach internationaler Anerkennung und Akzeptanz führte zumindest auf dem Papier zu Lösungsvorschlägen. Aber der Fortschritt ist langsam und schmerzhaft, Betroffene wie Fyodorova Reise brauchen, um ihren Alltag zu meistern, außergewöhnlich großen persönlichen Willen oder Einfallsreichtum.“

Nehmen Liliana Fyodorova erzählt: „In Russland ist eine behinderte Person vom Leben mit ganz wenigen Ausnahmen ausgeschlossen. Wenn die Regierung ein Ghetto und Exil alle Behinderte zu schaffen könnte, würde sie es tun. Aber weil wir wie ein zivilisiertes Land behandelt werden wollen, tun sie es nicht.“

Reden wir doch lieber übers Wetter

Dmitri Tschernyschenko, Chef des Organisationskomitees, kündigt Spiele der Superlative an (Foto: Mikhail Formichev/dpa)

Ohnehin hat die russische Regierung derzeit eigentlich ganz andere Sorgen als Menschen mit Behinderung. „Das größte Risiko für die Winterspiele ist das Wetter“, sagt Tschernyschenko. Satte Plusgrade sind möglich – die wärmsten Winterspiele der Historie, denn das Klima im Süden ist subtropisch zwischen Meer und Gebirge. Deshalb horten die Gastgeber schon seit Jahren in riesigen Depots tonnenweise Schnee für die Wettkämpfe. 430 Schneemaschinen stehen bereit.

Die öl- und gasreiche Rohstoffgroßmacht nehme eine horrende Energieverschwendung in Kauf, um den Winter nach Sotschi zu bringen, kritisieren Umweltschützer. Vor allem aber mussten die Organisatoren fast alle Sportstätten neu bauen – mit extremen Eingriffen in die Natur.

Zehn Jahre dauerte die Vorbereitung auf „das wichtigste Ereignis des Planeten“ im Februar 2014, wie Tschernyschenko betont. Schon jetzt gehe es darum, das Erbe auch nach der Schlusszeremonie am 23. Februar lebendig zu halten. Viele der Wettkampfstätten sollen später abgebaut und an anderen Orten wieder errichtet werden.

(Thomas Stark, RP/Ulf Mauder, dpa, kleines Foto Geschäftsviertel: Wikipedia/Vir2oz. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

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