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Saliya Kahawatte: „Mein Blind Date mit dem Leben“

Die Lebensgeschichte eines Mannes, der eines Tages beschloss, seine Behinderung nicht mehr zu verleugnen. Von Cordula Dieckmann

Saliya Kahawatte (Foto: ZDF)

Saliya Kahawatte (Foto: ZDF)

Saliya Kahawatte wurde 1969 als Sohn einer Deutschen und eines Singhalesen in Freiberg/Sachsen geboren. Nach der Flucht der Familie 1973 aus der DDR wuchs er in der Nähe von Osnabrück auf. Mit 15 Jahren erkrankte er an einer irreparablen Netzhautablösung. Er soll in eine Blindenschule. Aber das will er nicht. Er bleibt auf dem Gymnasium. Nachmittags lesen ihm Schwester und Mutter aus den Schulbüchern vor. Das trainiert sein Gedächtnis. „Mein Gehirn“, sagt er, „arbeitet wie ein Computer.“

Nach seiner Ausbildung zum Hotelfachmann studierte Saliya Hotelbetriebswirtschaft – und wurde Barkeeper, Restaurantchef. Das Irre an der Geschichte: Angeblich 15 Jahre lang merkte niemand, dass Saliya nahezu blind ist (er hat heute ein Restsehvermögen von fünf Prozent). Den Preis, den Saliya zahlt, um als Mensch mit Behinderung nicht aufzufallen, ist hoch: Seine Angst spült er mit Alkohol runter, nimmt Koks, um nach durchsoffenen Nächten wieder fit zu werden. Es folgt der Absturz. Psychiatrie. Suizidversuche. Schließlich rappelt er sich wieder auf. Und er fasst einen Entschluss: nicht mehr zu lügen.

Saliya hat diese beeindruckende Biografie vor acht Jahren veröffentlicht: „Mein Blind Date mit dem Leben“ (Eichborn Verlag; 208 Seiten, 24,95 Euro; ISBN-10: 3821857048, ISBN-13: 978-3821857046). Am kommenden Donnerstag (26. Januar 2017) kommt sie in die Kinos – als Gute-Laune-Komödie.

Du kannst es schaffen, wenn du willst. Ein Satz, der das Lebensmotto von Saliya Kahawatte sein könnte. Als Auszubildender in einem Luxushotel serviert er Cocktails, bezieht Betten und rackert in der Küche. Dass er fast blind ist, weiß und merkt anfangs niemand, nicht mal seine Chefs. Denn Kahawatte hat sein fehlendes Sehvermögen verschwiegen. Mit eiserner Disziplin und hartem Training hat er seine anderen Sinne aufs Äußerste geschärft, um seine schlechte Sicht damit wettzumachen. Die ungewöhnliche Lebensgeschichte des Hamburgers wurde nun verfilmt. „Mein Blind Date mit dem Leben“ mit Kostja Ullmann und Anna Maria Mühe ist eine Gute-Laune-Komödie mit einem sympathischen Helden, der unbeirrt seine Träume verfolgt und der zeigt, wie absurd die Vorurteile sind, mit denen Menschen mit Behinderungen immer noch zu kämpfen haben, trotz aller Bestrebungen um Inklusion.

„Seien Sie realistisch! Hören Sie auf zu träumen“ – ein Satz, den der junge Mann oft zu hören bekommt. Etwa, als er sich in einem Jobcenter nach Arbeitsmöglichkeiten erkundigt. „Wie soll das gehen, soll ich mir vielleicht eine Traumbehinderung zulegen?“, fragt Saliya (Kostja Ullmann) und weist empört die Jobs zurück, die nach Ansicht der Berater für Behinderte infrage kommen.

Eine Gute-Laune-Komödie

„Mein Blind Date mit dem Leben“ mit Kostja Ullmann als Saliya und Anna Maria Mühe als Laura. (Foto: StudioCanal/Jürgen Olczyk)

„Mein Blind Date mit dem Leben“ mit Kostja Ullmann als Saliya und Anna Maria Mühe als Laura. (Foto: StudioCanal/Jürgen Olczyk)

Doch den Abiturienten mit der Sehschwäche will sonst keiner haben. Also verschweigt Saliya bald sein Handicap. Beim Bewerbungsgespräch im noblen Bayerischen Hof in München hinterlässt der höfliche, zielstrebige junge Mann einen so guten Eindruck, dass er als Auszubildender engagiert wird. Dass er dafür wochenlang hart trainiert und mit seiner Schwester jeden Schritt von der Straßenbahn bis ins Hotel abgezählt hat, weiß keiner.

Endlich kann Saliya in seinem Traumberuf durchstarten, unterstützt von seinem Kollegen Max (Jacob Matschenz). Als er sich in die Gemüselieferantin Laura (Anna Maria Mühe) verliebt, scheint sein Glück perfekt. Doch dann kommt er in die Bar, die härteste Station der Ausbildung. Argwöhnisch beobachtet der unsympathische Barchef Kleinschmidt (Johann von Bülow) jede Ungeschicklichkeit und lässt Saliya bis tief in die Nacht Gläser polieren. Dabei kann Saliya die Schlieren einfach nicht sehen. Bald hält er dem Druck nicht mehr stand und sein mühsam errichtetes Leben droht zu zerbrechen.

Marc Rothemund („Sophie Scholl – Die letzten Tage“) hat Kahawattes Lebensgeschichte einfühlsam inszeniert. Schade nur, dass sich der Film stark auf die Hotelausbildung konzentriert und die Stationen vom Zimmerservice über die Küche bis hin zur Bar der Reihe nach abspult. Gerne hätte man noch mehr Persönliches über Saliya erfahren, der sich nicht in eine vermeintlich behindertengerechte Ecke abdrängen lassen will.

„Ich bin ein reicher Mensch. Ich genieße jeden Tag“

Trotzdem ist der Film sehr vergnüglich. Temporeich, humorvoll und ohne moralischen Zeigefinger schildert er die Probleme, mit denen Saliya zu kämpfen hat. Ullmann spielt die Rolle beeindruckend. Er ließ sich von dem echten Saliya schulen, deckte unter dessen Anleitung Tische ein und servierte Drinks an der Bar, alles mit einer Simulationsbrille, mit der er nur verschwommen Umrisse erkannte. Auch Matschenz als hilfsbereiter und feierfreudiger Max und Mühe als hübsche und warmherzige Laura spielen hervorragend und bilden mit Ullmann ein Freundesgespann, dem man gerne zusieht.

Der echte Saliya Kahawatte ist heute Unternehmenscoach und Berater, er hat ein Kochbuch geschrieben und setzt auf die Ayurveda-Künste seiner sri-lankischen Vorfahren. Er sieht den Film als Ermutigung für andere Menschen, habe er selbst sein Handicap trotz Rückschlägen und scheinbarer Hoffnungslosigkeit doch als Herausforderung angenommen.

Dass zu seiner Sehschwäche eine Gehbehinderung hinzugekommen ist, sei zwar „ein ziemlich großer Scheiß“, schreibt der Deutsch-Singhalese in der Autobiografie „Mein Blind Date mit dem Leben“. Trotzdem fühle er sich privilegiert. „Mein Leben hat noch so viel mehr glückliche, wunderschöne Seiten, dass ich aus tiefster Überzeugung sagen kann: Ich bin ein reicher Mensch. Ich genieße jeden Tag.“

Webseite: Saliya Kahawatte

(RP/dpa)

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