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Samuel Koch auf dem Kirchentag: „Wo war ich sitzengeblieben?“

Die Menschen sind berührt von der Begegnung des Bundespräsidenten mit dem bekanntesten Rollstuhlfahrer Deutschlands, obwohl Markus Lanz dazwischen zu funken versucht.

V.l.n.r.: Moderator Markus Lanz, Bundespräsident Joachim Gauck, Schauspielstudent Samuel Koch, Paralympics-Sieger und Pfarrer Rainer Schmidt und die Geschäftsführerin der Inklusionsdienstleister, Monika Labruier beim Kirchentag in Hamburg nach der Veranstaltung "Eine starke Gesellschaft. Was braucht sie? Wie sieht sie aus?" (Foto: Christian Charisius/dpa)

V.l.n.r.: Der Moderator Markus Lanz, Bundespräsident Joachim Gauck, Schauspielstudent Samuel Koch, Paralympics-Sieger und Pfarrer Rainer Schmidt und die Geschäftsführerin der Inklusionsdienstleister, Monika Labruier, beim Kirchentag in Hamburg nach der Veranstaltung „Eine starke Gesellschaft. Was braucht sie? Wie sieht sie aus?“ (Foto: Christian Charisius/dpa)

„Welche Rolle spielt der Glauben für Dich?“, fragt der Moderator – er heißt Markus Lanz – seinen Gast Samuel Koch, der bei einer waghalsigen Aktion in der ZDF-Sendung „Wetten, dass…“ schwer verunglückte und seitdem gelähmt ist. Der 25-Jährige im Rollstuhl hält kurz inne und sagt dann, Glaube sei für ihn so etwas wie der „rettende Anker“.

Bundespräsident Joachim Gauck greift zum Mikrofon. „Ich möchte diesen Satz nicht kommentieren, aber ich möchte Gott danken, dass ich ihn höre.“ Beifall brandet auf in der Hamburger Messehalle B5, in der 7.000 Besucher des Evangelischen Kirchentags eine Diskussionsrunde über das Thema „Eine starke Gesellschaft. Was braucht sie? Wie sieht sie aus?“ verfolgen.

Der Bundespräsident ist zwei Tage lang da

Es ist ein emotionaler Moment, in dem nicht der Bundespräsident, sondern der tiefgläubige Joachim Gauck spricht, der so viele Jahre selbst Pastor einer kleinen evangelischen Gemeinde in Mecklenburg und schon in den 80er Jahren in der Kirchentagsarbeit aktiv war. Und er hat sichtbar Spaß am Kirchentag, an dem er sich weniger staatstragend, dafür unkompliziert und volksnah gibt.

Gauck trägt den blauen Kirchentagsschal über seinem grauen Sakko, Gauck winkt, Gauck geht auf die Menschen zu. Zur Eröffnung am Mittwochabend sagte er „Tja, da bin ich“, lobte die Bedeutung solcher Christentreffen für den Glauben und ihre gesellschaftliche Relevanz. Abends ging er ins Zelt der Militärseelsorge, und löffelte eine Gulaschsuppe aus der Plastikschale.

Diskussion um Inklusion

Bundespräsident Joachim Gauck (l) hält seinem Gesprächspartner Samuel Koch ein Glas Wasser zum trinken hin. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Bundespräsident Joachim Gauck (l) hält seinem Gesprächspartner Samuel Koch ein Glas Wasser zum trinken hin. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Das kommt an beim Kirchenvolk, und so wird Gauck auch am Donnerstag bei der Diskussionsrunde in der übervollen Messehalle geradezu stürmisch beklatscht. Es geht um Inklusion, das sperrige Wort dafür, dass Behinderte und Nichtbehinderte zusammenleben sollten, aufeinanderzugehen, auch wenn es oft schwer fällt.

Schwer fällt an diesem Tag manchem Besucher auch, Markus Lanz zu ertragen. Von dem muss sich Gauck anhören, er leide ja wohl auch unter der „Krankheit“ der evangelischen Pastoren, lieber zu viel als zu wenig zu sagen, was zu der pikierten Replik Gaucks führte, dann werde er sich jetzt eben kurz fassen.

Lanz macht den Kirchentag über weite Strecken zur Kopie seiner eigenen Talkshow (der Bundespräsident: „Wir könnten eigentlich gehen, oder?“). Die aus der Anhäufung von Anekdoten zwangsläufig resultierende Konfusion bekommt Lanz nicht in den Griff.

„Gleichwertigkeit des Unterschiedlichen“

Gauck macht sich stark für Behinderte, für den Abbau von Barrieren, für die „Gleichwertigkeit des Unterschiedlichen“. Und bezeichnet Menschen wie den Paralympics-Sieger und Pfarrer Rainer Schmidt, der ebenfalls mitdiskutiert (kritisiert, dass im Bildungsbereich zu sehr auf Defizite geachtet wird) als Vorbild.

Das gilt auch für Samuel Koch, der in einem Spezialrollstuhl neben Gauck sitzt, mit Headset am Mund, die Arme auf den Lehnen. Der – statt mit seinem schweren Schicksal zu hadern – Schauspiel studiert. „Und genau das braucht unser Land“, sagt Gauck.

Einen Einblick in das Prinzip Inklusion gibt Monika Labruier, Geschäftsführerin eines Inklusionsdienstleisters in Köln. Sie versucht, Menschen mit Behinderung in eine nachhaltige Beschäftigung zu bringen. „Inklusion ist für mich, dass behinderte Menschen da arbeiten, leben und wohnen, wo alle anderen Menschen das auch tun”, sagte sie und mahnt: „Wir müssen erst mal lernen, wie man mit Behinderung umgeht. Es fehlt Wissen in Unternehmen.”

Andererseits stelle ihr Unternehmen behinderten Menschen einen Coach zur Verfügung, der ihnen beim Einstieg in den Beruf helfe. Auch sie erklärte: „Inklusion darf nicht dogmatisch sein.” Behinderte müssten sich auch zurückziehen können in das Leben mit Gleichartigen.

Wäre Koch auch interessant, wenn er nicht behindert wäre?

Samuel Koch sorgt für Lacher im Publikum, als er berichtet, wie er sich mit Schmidt, dem die Unterarme fehlen, begrüßt hat: „Wir haben komisch gekuschelt irgendwie“. Später kalauert er „Wo war ich sitzengeblieben?“, sagt Sätze wie „Manchmal ist Behinderung keine Behinderung, sondern Möglichkeit.“

Doch man merkt auch, dass das neue Leben des früheren Kunstturners, der rund um die Uhr Hilfe braucht, nicht nur aus positiver Energie besteht, oft sehr anstrengend ist. Klar habe er solche Momente, in denen er an den Unfall 2010 denke, räumt er ein. „Das ist echt blöd gelaufen.“

Gauck zeigt sich beeindruckt von der Begegnung mit Koch. „Ich habe mich gefragt: Hättest Du dich mit diesem Menschen auch unterhalten, sich für ihn interessiert, wenn er ein junger gut aussehender Springinsfeld wäre? Ich weiß es nicht“, bekennt der Bundespräsident. Jetzt sei ihm das Gespräch mit Koch „unglaublich wichtig“.

(RP/Stefan Kruse/dpa)


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1 Kommentar

  • Silvia Wölki

    Aber bitte auch für die schwerst- mehrfachbehinderten Menschen ein Lob dazu, wie sie ihr eingeschränktes Leben ertragen, meistern und noch so viel positive Energie ausstrahlen .

    3. Mai 2013 at 10:46

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