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Samuel Koch, bitte beachten: Rasen mit dem E-Rollstuhl verboten

Kaum wagen wir uns total inklusionswillig auf den Bürgersteig, erfahren wir: Passanten dürfen wir nicht überfahren. Auf Gehweg gilt Schritttempo. Und Radwege sind auch tabu.

Da aktivieren wir doch mal lieber gleich die Bremse, bevor er zur nächsten Wette rast: Papa Christoph Koch und Samuel (Foto: Robert Schlesinger dpa/lbn)

Gestern haben wir gelernt, dass ein E-Rollstuhl ein “Kraftfahrzeug” im Sinne der Straßenverkehrsordnung ist und man keine Schaufenster zu Schrott fahren sollte. Heute unterrichten wir, wie wir uns auf dem Gehweg bewegen müssen. Echt kompliziert, so ein Leben als Behinderter. Dabei haben wir nie nach einem Führerschein für unseren E-Rolli gefragt. Trotzdem müssen wir jetzt ein wenig Fahrschule betreiben:

Mit einem motorisierten Rollstuhl dürfen Behinderte auf dem Fußweg nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren, auch wenn das Fahrzeug mehr Tempo machen könnte. Die Fahrer müssen darüber hinaus Rücksicht auf Passanten nehmen. „Radwege sind nicht erlaubt“, erklärt Peter Glowalla von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände.

Samuel Koch wird sich laut ROLLINGPLANET-Informationen daran halten (elftes Gebot: Du sollst nicht mit dem E-Rollstuhl rasen), Stephen Hawking dagegen sieht sein Gefährt vermutlich nach wie vor als Waffe, mit der man Zweibeiner von den Beinen holt – in Cambridge heißt es deswegen: „Er hat immer Vorfahrt“.

Wann ist ein E-Rollstuhl ein Krankenfahrstuhl?

Für Rollstühle mit Elektromotor brauchen Behinderte keinen Führerschein. Rechtlich gelten die Fahrhilfen als Krankenfahrstühle (auch ein komisches Wort). Sie dürfen nur einen Sitz haben, nicht breiter als 110 Zentimeter sein und nicht schneller als 15 Stundenkilometer fahren. Das Leergewicht mit Batterie darf 300 Kilogramm nicht übersteigen, mit Fahrer sind 500 Kilo erlaubt. Auf das Heck gehört eine dreieckige, rote Warntafel. Wer jünger als 15 Jahre ist, darf nur einen Krankenrollstuhl mit maximal 10 km/h Spitzentempo fahren.

Mit den Elektrorollstühlen dürfen Behinderte streng genommen zwar auch auf der Straße fahren. „Das habe ich aber noch nie gesehen, und das würde ich auch niemandem raten“, sagt Glowalla. Ersteres stimmt mit den ROLLINGPLANET-Beobachtungen gar nicht überein, zweiterem pflichten wir jedoch bei. Krankenfahrstühle seien nur sehr eingeschränkt zulassungspflichtig, so der Experte. Sie brauchen etwa keine Blinker, Rückscheinwerfer oder Bremsleuchten.

Glowalla äußerte sich nicht dazu, ob man als nicht-motorisierter Rolli Fußgänger überholen und überfahren darf.

(dpa/RP)

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2 Kommentare

  • Juliane Braun

    Ich musste so lachen, als ich den Bericht gelesen hatte. Er erinnert mich an meine erste Zeit mit meinen E-Rolli „Herbi“, wie ich mit meinem „sportlichen“ Fahrstil meiner damaligen Therapeutin so einige Tropfen Schweiß gekostet habe. Sie wunderte sich immer nur noch.

    26. Juli 2012 at 10:05
  • Helge Blankenstein

    Es ist schon sehr Seltsam.
    Hat doch der Herr Peter Glowalla von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände viele Informationen für E-rollstuhlnutzende Mitmenschen parat. Aber dass ein Fahrschulmitarbeiter mit Geschäftsfahrzeug unberechtigter Weise auf einem Behindertenparkplatz stand, der Inhaber der Fahrschule sich dann vor Gericht aufregt und der Meinung ist, dass er selber viel für „Behinderte“ leistet um sich durch dieses vorgeschobene, mitleiderweckende Verhalten versucht sich von den Verfehlungen freizukaufen? Sollte der Herr Glovalla nicht den Sumpf in seinem Verband beseitigen statt sich um derartige Dinge zu kümmern?
    Da sollte der Herr Glowalla besser seine Mitglieder Informieren und auf die Folgen solcher Verfehlungen hinweisen bevor er sich als „vermeintlicher Gutmensch“ präsentiert.

    26. Juli 2012 at 21:13

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