""

Samuel Koch

Quelle “Foto: Adeo Verlag”

Quelle “Foto: Adeo Verlag”

Gestern lief auf ZDF die Dokumentationsreihe „37°“. Thema dieses Mal: Samuel Koch – Das zweite Leben. Eigentlich ignoriere ich aus reinem Desinteresse solche Dokumentationen. Aber nach einem grandiosem Spiel und Sieg meines Lieblingsvereins BVB Dortmund gegen Neapel war ich so guter Laune und machte eine Ausnahme und schaute mir die Doku einfach mal an.

Über Samuel Koch spalten sich die Meinungen …. ja, es tun sich Fronten auf. Die einen mögen ihn, die anderen hassen ihn. Die einen bewundern seine Stärke und sein Durchhaltevermögen, die anderen finden, dass ihm alles in den Allerwertesten gesteckt wird und er zum Vorzeigekrüppel mutiert, während sie um jede Genehmigung bei der Kasse kämpfen und jeden Cent zweimal umdrehen muss.

Heute möchte ich für ihn eine Lanze brechen. Denn was will man ihm ehrlich zum Vorwurf machen? Den Unfall in der Show „Wetten dass..?“? Gewollt war er ganz sicher nicht, aber sein Glück im Unglück. Als ich nach meinem Sturz die Augen öffnete, lag ich im Dreck und schaute in die verdutzten Gesichter meiner Freunde und nicht in das Dekolleté von Michelle Hunziker. Ich finde, für die Geburtsstunde seines „Zweiten Lebens“ ist das schon einmal ein gelungener Anfang.

Lasst uns mal etwas philosophisch sein und uns die Zukunft versinnbildlichen und als Zug vorstellen. So hat z.b. mein Zug bei meinem Unfall eine Vollbremsung hingelegt und nichts ging mehr …. Endstation. Da lag nicht einfach nur ein Stein vor dem Zug, nein, es war ein ganzer Hang, der ins Rutschen geriet und den Weg versperrte. So hat es sich bestimmt auch für Samuel Koch angefühlt.

Der Unterschied aber war, dass mein Zug in der Walachei zum stehen kam und niemanden dort groß störte. Samuel wiederum hatte das Glück, dass sein Zug in der Öffentlichkeit unter Millionen von Augen zum Stehen kam. Dieser Zug konnte natürlich auch nicht mehr weiter, aber die Öffentlichkeit hatte ein Interesse daran, dass es trotzdem weiter geht.

ZDF und die Medien allgemein, nennen wir sie Bahngesellschaft, standen also unter einem gewissen Druck und stellten nun zwar keinen neuen Zug, aber dafür ein anderes Gleis zur Verfügung. Will damit sagen, sie gaben ihm keine neue Zukunft, aber sie ebneten ihm den Weg. Das Gleis führte nun natürlich nicht in dieselbe Richtung wie das alte, und es war auch nicht der gleiche Zug, aber es war eine Alternative … eine Chance, und warum sollte man es Samuel übel nehmen, dass er nun dieses Gleis genutzt hat. Er nimmt wieder Fahrt auf, und das ist in so einer Situation doch das Beste.

Warum darüber meckern, dass er die Reha in der Schweiz nur bekam, weil das ZDF dies ermöglichte? Hätte wirklich einer von uns nein danke gesagt? Ist das nicht das Mindesteste, was man vom ZDF erwarten kann? Ein Buch schreiben …. warum denn nicht? Ich kann die Qualität des Buches nicht beurteilen, da ich es nicht gelesen habe. Ich lese ja nicht einmal die Anleitung von meinem Fernseher, warum also dann von einer Querschnittslähmung… dazu noch von einer anderen?

Aber vielleicht hilft das Buch dem einen oder anderen Betroffenen ja doch etwas, zu mindestens aber den Angehörigen. Die lesen so etwas ja scheinbar sehr gerne. Und es gibt den Fußgängern wieder die Möglichkeit, uns Rollstuhlfahrern etwas zu schenken. Nach dem Motto: „Das musst du unbedingt lesen. Es hat mich so berührt. Diese Kraft….einfach bewundernswert. Das hilft dir bestimmt bei deinem Leben“ und schon stehen 90 % der verkauften Bücher bei uns Rollis im Regal. Ok, so gesehen nehme ich es zurück … das Buch war eine blöde Idee.

Aber egal, ich hätte es wahrscheinlich auch gemacht, wenn man es mir angeboten hätte. Und wenn es nur aus dem einfachen Grund ist, dass ich später von mir sagen kann „Ich hab ein Buch geschrieben“. Wir sollten es einfach entspannter betrachten und uns sogar für seine Möglichkeiten freuen. Warum den anderen immer etwas neiden? Bei meiner Vorliebe für Gummibärchen hätte ich mir Gottschalks Bestürzung sogar noch zunutze gemacht und mir einen Vorrat fürs Leben gesichert. So lange Samuel keine Werbung für Windeln macht und ich dadurch den Leuten auf der Straße die Frage, ob ich wohl auch eine trage, förmlich von der Stirn ablesen kann, hat er meinen Segen und ich wünsch ihm alles Glück der Welt…sogar einen 12 Km/h schnellen Rollstuhl. Und NEIN, ich trage keine Windeln!!!

Übrigens: Gleich nach dem Unfall hatte ich Samuel Koch geschrieben… so eine geistige Arschtritt-Email von Tetra zu Tetra mit dem Motto: „Heulen kannst du später, jetzt musst du erst einmal hart kämpfen“. Es gab zwar nie eine Antwort (hab ich auch nicht erwartet), aber er hat sich daran gehalten 😉

Diesen Artikel teilen:
avatar

Stephan K.

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Mein Name ist Stephan und ich wurde 1977 geboren. 1994 hatte ich einen schweren Unfall mit dem Moped und bin seitdem ab dem 3. Halswirbel inkomplett querschnittsgelähmt. 6 Jahre später lernte ich meine Frau kennen und 2006 kam unsere Tochter auf die Welt. Mein großes Hobby ist neben Motorsport, die Fotografie. Unter dem Namen ”Perspektive” können sie Bilder von mir auf Facebook sehen. www.facebook.com/StephanK.Perspektive In meiner Heimatstadt engagiere ich mich ehrenamtlich für die Vereine.

23 Kommentare

  • Stephan K.

    Dies ist meine Premiere…ich hoffe es gefällt euch

    27. November 2013 at 19:07
    • Patrizia

      Ich liebe es. Danke!

      28. November 2013 at 16:06
      • Stephan K.

        Dankeschön…das freut mich

        29. November 2013 at 23:04
  • Friederike B Aus B

    Weniger Neiddebatten, mehr mit anderen mitfreuen!

    27. November 2013 at 20:26
  • Kai Phoebe

    … genau, du hast nie eine antwort bekommen. der samuel hat doch weiterhin nie ruhe gehabt. ist immer mit anderen umgeben, dazu die doch mehr als „richtige“ familie. der schnallt doch bis heute nicht was los ist, ansonsten hätte er mal was für die anderen getan….+

    27. November 2013 at 20:36
  • Roland

    Aha, Kai Phoebe. Was hast du denn schon so für andere getan?

    27. November 2013 at 20:54
  • Eva

    Er soll meinte wegen alles in den Arsch geblasen bekommen, aber ich will es nicht ständig medial vorgeführt bekommen. Was ist das für eine Stärke?

    27. November 2013 at 21:15
  • Karoline Kuhn

    @Kai Phoebe:Du selbst opferst dich bestimmt von morgens bis abends für die Belange anderer auf. Danke @Stephan Kindler, sehr differenzierter Artikel.

    27. November 2013 at 21:37
  • Maik

    so ist es halt. Jeder hätte das genutzt was ihm geboten wird. Und wenn so ein Unfall in der Öffentlichkeit geschehen ist, so ist es doch heut zu tage normal. Das die Öffentlichkeit wissen möchte, wie es mit Samuel weiter geht. Ich wünscht mir auch manchmal ich hätte die Öffentlichkeit hinter mir. So das ich irgendwann mal zu meinen Geld komme um was ich betrogen wurde.

    28. November 2013 at 09:03
  • Heidi

    Sich am Glück Anderer zu erfreuen war mal eine Tugend und ich frage, warum es das nicht mehr ist!

    Ich habe Samuel Koch übrigens die gleiche Botschaft wie Stephan K. geschickt. Aber nur in Gedanken. Mir war klar das er mit solchen Botschaften bombardiert wird und gar nicht alle lesen, geschweige denn beantworten kann. Wer nach so einem schweren Unfall in einer Klinik liegt, der hat genügend andere Probleme denen er sich stellen muß. Sich jeder einzelnen Botschaft zu widmen kostet Kraft, die man unter solchen Umständen gar nicht übrig hat. Das Stephan K. und andere Tetras Samuel Koch diese Botschaft persönlich zukommen ließen hatte mit Sicherheit seine Wirkung. Zu sagen „Du mußt kämpfen!“, vor allem wenn es von in gleicher Weise Betroffenenen kommt die aber deutlich weiter sind, baut in dieser deprimierenden Zeit nicht nur auf, es kann auch ein Katapult für den Start ins neue Leben sein. Zu sehen das Samuel Koch sich die Botschaft „Weine nicht sondern kämpfe!“ wirklich sehr zu Herzen nimmt und sich die Freude am Leben trotz seiner extremen körperlichen Einschränkung nicht nehmen läßt, ist für mich viel wichtiger, als jedes persönliche Antwort von ihm. Auch das ein guter Teil seiner positiven Lebenseinstellung seiner guten finanziellen Absicherung geschuldet ist und einem Gottvertrauen, daß vielen Menschen fremd geworden ist, stört mich nicht. Mich stört auch nicht sein Glück im Unglück als Wetten Dass? Kandidat ziemlich gut versichert und Kandidat eines sehr erfolgreichen Promis gewesen zu sein. Im Gegenteil, ich freue mich für ihn. Man muß auch gönnen können.

    Bevor hier jemand Samuel Kochs Buch oder seine Wetten Dass? Teilnahme in Frage stellt, sollte er sein Buch gelesenbhaben. Ich habe das Buch gelesen. Freiwillig gekauft oder aus eigenem Antrieb gelesen, hätte ich es mir aber nicht. Eine Freundin gab es mir, also las ich es. Er beschreibt darin wie es zu dieser Wetten Dass? Teilnahme kam, wie das sechsmonatige Training ablief und wie es ist von heute auf morgen als Tetraplegiker ganz von Vorne anfangen zu müssen. Es ist ein sehr privater Einblick den sonst nur Betroffene und Angehörige haben. Ich sehe dieses Buch als Bereicherung für unsere Gesellschaft, denn es erlaubt einen Einblick in eine Welt, die den meisten Nichtbehinderten fremd ist und die in den Medien häufig verzerrt und einseitig dargestellt wird.

    28. November 2013 at 12:08
  • Thomas Hahn

    @Eva: Alles in den Arsch geblasen bekommen? Das ist ebenso respektlos wie geschmacklos formuliert. Und niemand zwingt Sie, nicht umzuschalten, wenn Samuel Koch angeblich „ständig medial“ erscheint.

    28. November 2013 at 19:42
  • Jenny

    @Stephan K.: finde den Artikel super!!!

    28. November 2013 at 21:45
    • Stephan K.

      Dankeschön 🙂

      29. November 2013 at 23:04
  • Steffi

    Mein „Problem“ mit Samuel Koch ist, dass sich er das Bild prägt, was Durchschnittsmenschen sich von Rollifahrern bzw. Querschnittsgelähmten machen.
    Er ist – bedingt durch die gute finanzielle Absicherung – aber kaum repräsentativ für die genannten Gruppen.
    Es ist leichter, sich der Herausforderung einer plötzlichen schweren Behinderung zu stellen, wenn man nicht noch gleichzeitig in eine finanzielle Krise kommt. Wenn dann existentielle Probleme auftauchen und die finanziellen Mittel zur Lösung fehlen, wird es richtig eng.
    Ich gönneSamuel Koch jede Hilfe und jede Unterstützung, die er bekommt. Ich habe auch kein Problem mit der medialen Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird.
    Ich würde mir nur wünschen,dieser junge Kerl, der ja irgendwie zum Quotenkrüppel geworden ist, sich mehr mit der Situation der „Normalbehinderten“ auseinandersetzt und sich für die stark macht, die um jedes Hilfsmittel und jeden Cent kämpfen müssen.

    29. November 2013 at 15:51
  • Handbiker

    Ich finde das nicht nur dieser Bericht über Samuel Koch, sondern das Leben als Rollstuhlfahrer überhaupt sehr verzerrt dargestellt wird. Mir findet viel zu wenig Differenzierung statt. Es wird immer nur darüber berichtet wie beschwerlich der Rollstuhl das Leben angeblich macht. Da ist zwar was dran, aber eigentlich ist es nicht der Rollstuhl, sondern die Behinderung, die das Ausmaß der Bewegungseinschränkungen und den Umfang an Assistenz diktieren. Außer einer kleinen Gruppe von privilegierter Rollstuhlfahrer weiß kaum ein deutscher Rollifahrer seinen Rollstuhl richtig ein zu setzten und wie er die Einschränkungen seiner Behinderung kompensieren kann. Das man das Rollstuhlfahren und die damit verbundene Alltagsselbständigkeit in speziellen Rehakliniken oder Mobilitätskursen erlernen kann und wie man mit den Krankenkassen und Behörden richtig kommuniziert, wird nie gezeigt. Ich war lange in den USA. Dort ist das ganz anders. Dort sieht man den Rollstuhl als Mobilitätshilfe und nicht als Mobilitätsbremse. Man erzählt in den Medien das ein Leben im Sitzen nicht zwangsläufig der Verlust eines aktiven Lebens sein muß. Man motiviert die Rollifahrer positiv zu denken, zeigt ihnen die Ziele und Möglichkeiten und wie sie an sich arbeiten können, um ihre Fähigkeiten zu verbessern. Folge, Rollstuhlfahrer zeigen ihr Können auf youtube. (sucht mal nach wheelchair skills) Hier zu Lande demotiviert man Rollifahrer lieber. Erzählt ihnen wie schlimm alles ist und du kannst nichts mehr alleine. Hier bringen die Medien einem bei zu sehen was angeblich nicht mehr geht und nicht was man aus sich alles machen kann. Das nimmt nicht nur Lebensmut sondern auch Lebensqualität.

    @ Stephan King, deinen Bericht finde ich aber trotzdrm richtig gut!

    30. November 2013 at 11:10
    • Stephan K.

      Also King musst du mich jetzt noch nicht nennen, aber das Kompliment nehme ich natürlich gerne dankend an 🙂

      30. November 2013 at 11:25
  • Handbiker

    Ich dachte du merkst mein Wortspiel vielleicht nicht. 😉

    30. November 2013 at 22:23
    • Stephan K.

      Ich bin zwar auf den Kopf gefallen, aber dann doch nicht sooo stark 🙂

      30. November 2013 at 23:42
  • Handbiker

    Schön das du Spass verstehst. 🙂 Trübsal und Selbstmitleid ändern schließlich nichts an der Behinderung. Aber mit Humor lässt sich die Behinderung leichter ertragen.

    1. Dezember 2013 at 10:17
  • Rosé

    Es ist natürlich alles Selbstdarstellung, was im TV passiert hat wenig mit der Realität zu tun und auch sein Buch dürfte entsprechend aufgehübscht worden sein. Ist auch nicht schlimm, weder geht es uns etwas an, noch interssiert es mich persönlich, was in ihm vorgeht, deswegen schaue ich mir die Sendungen nicht an. Was mich nervt ist der täglich Kampf mit diesem „Guck mal, was der Sammy geschafft hat“, und der zweite unausgesprochene Teil lautet, guck mal, was du alles nicht hinbekommst. Das geht mir dermaßen auf die Nüsse, dass ich versuche, diese ganzen Sendungen, Bücher, Interviews mit den Behindi-Helden auszublenden, ich switche weg, ich klicke weg, ich ignoriere Tweets. Ich wollte es nur mal erklären, es ist kein Neid, sondern einfach Überdruß. Es ist auch so schon schwer genug, mit der Behinderung umzugehen, ohne dass einem ein strahelnder Held vorgehalten wird.

    1. Dezember 2013 at 18:39
  • Lothar Schwarz

    Koch, Kulle u.a. werden als Vorzeige-Behinderte durch die Medien gezogen. Als „Hoffnungsträger“, als Menschen mit Willen, die andern Behinderten Mut machen sollen. Was aber nicht ausgesagt wird sind die Privilegien, die solche „Promis“ unter den Behinderten haben ! Ja, ich wurde Zeuge als ein Passant eine querschnittsgelähmte junge Frau fragte, ob sie nicht den gleichen „eisernen“ Wille hätte wie Kulle….das ist dann die Kehrseite der ganzen Angelegenheit. Deshalb muß Kritik erlaubt sein ! Das geht doch nicht gegen die Genannten. Das geht gegen Alle die nicht differenzieren können oder wollen und auch nicht sehen wollen, dass auch hier Geld viel bewirken kann !

    2. Dezember 2013 at 17:47
  • Marion

    Blöde vorurteile
    Ich möchte nur mal erwähnen, das Samuel nicht besonders gut versichert war und ist.
    Es wird ihm auch nichts besonders „hinten rein “ gesteckt .
    Um Hilfsmittel muss er genau so kämpfen wie alle,vielleicht sogar noch ein bisschen mehr,weil er als Fallbeispiel dienen könnte…ein Auto hat er aus autoscout24 und wer ihn beneidet weiß nichts!
    Ach noch was -sein Vater hat seine Arbeit verloren und so dient der Erlös des Buches jetzt der gesamten Familie…

    8. Dezember 2013 at 16:58
  • Lothar Schwarz

    „Blöde“ Vorurteile. Genau das ist die Sprache, die spaltet. Es gibt Menschen, die sehr lange beobachten, was im Behindertenbereich vor sich geht und sehr wohl eine Aussage machen können. Sie oder ihre Meinung als „blöd“ zu bezeichnen ist arrogant und keineswegs zielführend. Zielführend aber ist es schon, wenn Privilegien zumindest angesprochen werden. Samuel Koch soll also keine gehabt haben ? Gut, wir werden recherchieren !

    24. März 2014 at 12:19

KOMMENTAR SCHREIBEN