Sascha Grammel – der Mann, der auch für taube Menschen bauchredet

Interview: Der „Comedian des Jahres“ plant mit seinen Puppen eine Show nur für Gehörlose.

Sascha Grammel und seine Puppe Freiherr Frederic von Furchensumpf (Foto: Holger Hollemann/dpa)

Sascha Grammel und seine Puppe Freiherr Frederic von Furchensumpf (Foto: Holger Hollemann/dpa)

Der Comedian und Bauchredner Sascha Grammel (41) lässt im Fernsehen und auf der Bühne mit Erfolg die Puppen tanzen. Im TV holt er als Puppenspieler Millionenquoten, seine Bühnenshows sind meist ausverkauft. Als „Comedian des Jahres“ erhält Grammel am Freitag im Europa-Park in Rust bei Freiburg einen Radio Regenbogen Award.

Der Künstler bereitet derzeit seine neue Tournee vor. Sie startet im Januar 2016. Es ist dann das 20. Jahr seiner Bühnenkarriere. Der Berliner ist Deutschlands erster Komiker, dessen Programm mit Deutscher Gebärdensprache erschien (ROLLINGPLANET berichtete: Der Mann hat Anhung). In unserem Interview kündigt Grammel eine Show nur für Gehörlose an, die am 1. Dezember 2015 im Tempodrom in Berlin stattfinden soll. Die Fragen stellte Jürgen Ruf.

Interview mit Sascha Grammel

Einen Bambi und den Deutschen Comedypreis haben Sie schon. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Ich laufe keinen Preisen hinterher. Die größte Auszeichnung ist für mich der Zuschauer. Wenn er sich eine Karte kauft und den Weg auf sich nimmt, weil er einen schönen Abend verbringen will – mit mir. Ich bin jahrelang aufgetreten und konnte froh sein, wenn überhaupt jemand kam. Heute abendfüllend vor Publikum spielen zu können und Applaus zu bekommen – dafür bin ich dankbar.

Sie zieht es also nur noch in große Hallen?

Mich persönlich zieht es eher in kleine Hallen. Ich mache ja eigentlich Kleinkunst. Auch begrenze ich meine Auftritte auf maximal 80 pro Jahr und achte darauf, dass ich nicht allzu oft im Fernsehen zu sehen bin – und dort auch längstens 60 Minuten am Stück. Ich möchte mich nicht selbst verbrennen. Wenn mein ganzes Programm im Fernsehen zu sehen wäre, kommt vielleicht keiner mehr in meine Shows. Und die Live-Auftritte sind das, was mir am meisten Spaß macht.

Sascha Grammel mit seinem Bambi (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Sascha Grammel mit seinem Bambi (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Sie planen Ihre neue Tour. Wieso brauchen Sie so lange für die Vorbereitung?

Ich möchte meinen Zuschauern eine perfekte Show bieten. Aktuell haben wir zum Beispiel mehr als 140 Lichtstimmungen und 70 Musikeinspieler in der Show. Das kostet viel Vorbereitungszeit. Zudem wird es zwei neue Puppen geben. Und diese brauchen – von der Idee bis zur Fertigstellung – mehr als ein Jahr.

Warum so lange?

Es sind hoch komplizierte Wesen mit viel Technik – mit Hebeln und Bowdenzügen, die speziell auf meine Hand abgeformt werden. Und ich muss, wenn ich eine neue Puppe habe, trainieren. Das ist, wie als Musiker von Trompete auf Klarinette umzusteigen.

Und die Sprache?

Einfach losreden aus dem Bauch heraus funktioniert leider nicht. Zumindest, wenn man es perfekt machen möchte. Es muss genau einstudiert und immer wieder geübt werden. Es ist so, wie eine neue Sprache zu lernen. Das Reden, die Mimik, die Bewegungen – alles muss aufeinander abgestimmt und geübt werden. Ein großer Aufwand, damit es am Ende dann leicht und spontan wirkt.

Sie haben Zahntechniker gelernt. Können Sie sich eine Rückkehr in Ihren früheren Beruf vorstellen?

Ich habe zwar Zahntechniker und damit etwas Solides gelernt. Doch für den Job war ich schon damals als Lehrling zu langsam, weil ich auch da alles perfekt machen wollte. Zudem fehlte mir der Umgang mit Menschen. Die Ausbildung war aber nicht umsonst, weil ich Präzision und Disziplin gelernt habe. Davon profitiere ich. Heute sehe ich Zähne, wenn meine Zuschauer über meine Gags lachen. Das ist ein schönes Gefühl.

Was ist das Highlight der neuen Tour?

Es gibt zwei neue Puppen, doch mehr verraten mag ich noch nicht. Die Tour startet im Januar nächsten Jahres, Mitte Mai beginnt der Vorverkauf. Am 1. Dezember 2015 plane ich im Tempodrom in Berlin übrigens eine Show nur für Gehörlose.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Als Jugendlicher war bei einem meiner Auftritte mal eine Gruppe Gehörloser im Publikum. Die hatte einen derartigen Spaß, dass ich das nie vergessen habe. So habe ich mich jetzt für eine Sondervorstellung entschieden. Eine Gebärdendolmetscherin wird mich dabei auf der Bühne simultan übersetzen. Mit Applaus kann ich an diesem Abend allerdings nicht rechnen. Denn Gehörlose klatschen nicht. Sie winken, wenn ihnen etwas gefällt. Ich freue mich drauf.

Zur Person

Sascha Grammel (41) ist geboren und aufgewachsen in Berlin. Er hat sich als Comedian, Bauchredner, Puppenspieler und Illusionist einen Namen gemacht. Das Zaubern war schon früh sein Hobby. Seit seiner Ausbildung zum Zahntechniker konzentriert er sich auf seine Bühnenkarriere. Seit 1997 tritt Grammel öffentlich auf. Mit seiner ersten RTL-Show im Februar 2011 wurde er einem Millionenpublikum bekannt. Derzeit ist er mit seinem Soloprogramm „Keine Ahnung“ auf Tournee. Die neue Tour startet im Januar 2016.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

4 Kommentare

  • Stefan Gerhardt

    Toller Artikel über Sascha!
    Durfte ihn letzte Woche mal wieder treffen. Und passend zu Eurem Portal – Sascha hat vor kurzem den Darmstädter Florian Sitzmann getroffen – zwei echt sympathische Menschen!
    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10203097162060632&set=a.1491949229387.2060606.1553712298&type=1&theater

    22. April 2015 at 13:55
  • Mareike Kenzler

    Die Show für Gehörlose im Tempodrom ist am 01.12.2015! Da hat sich wohl der Fehlerteufel eingeschlichen…

    24. April 2015 at 18:41
  • ROLLINGPLANET
    Rollingplanet

    Oops, richtig! Danke! Wir haben die Angabe korrigiert.

    24. April 2015 at 18:53
  • BollyOK

    Tolles Interview. Meines Wissens heißt aber Sascha Grammels Programm „Keine Anhung“. Ist das jetzt eine doppelte „Verdrehung“? 😉 😀

    25. April 2015 at 14:42

KOMMENTAR SCHREIBEN