Schäuble will es noch einmal wissen

„Das könnt ihr mir nicht auch noch nehmen“: Der Rekord-Rollstuhlfahrer tritt zur Bundestagswahl wieder an. Was treibt den 73-Jährigen an?

Wolfgang Schäuble im Januar 2016, als er im Bundeskanzleramt in Berlin zur Sitzung des Bundeskabinetts rollt. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Wolfgang Schäuble im Januar 2016, als er im Bundeskanzleramt in Berlin zur Sitzung des Bundeskabinetts rollt. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

An diesem Sonntag wird Wolfgang Schäuble 74 Jahre alt. Und wenn der Bundestag im Herbst 2017 neu gewählt und eine neue Regierung gebildet ist, will der dann 75-jährige CDU-Politiker auch wieder mitmischen. Der Kreisverband Ortenau jedenfalls teilte jetzt mit, was kaum überrascht: Schäuble – seit 2009 Bundesfinanzminister und damit einer der dienstältesten auf dem internationalen Parkett – wolle sich bei der CDU wieder für das Direktmandat im Wahlkreis Offenburg bewerben.

Jetzt ist es also offiziell: Schäuble, der seit fast 45 Jahren deutsche Politik mitbestimmt, hängt noch eine Legislaturperiode dran. Schließlich liegt der an der Basis geschätzte Politiker im Popularitätsranking weit vorne – zumindest in Deutschland.

Der am 18. September 1942 in Freiburg geborene Jurist sitzt seit 1972 im Bundestag. Der Rollstuhlfahrer ist damit in der Geschichte der Bundesrepublik der am längsten amtierende Bundestagsabgeordnete. Über seine politischen und intellektuellen Fähigkeiten ist viel geschrieben worden. Schäuble war Manager der deutschen Einheit, Fraktionschef, Parteivorsitzender, Innenminister. Er ist einer der prägendsten Politiker des Landes – obwohl er nie Kanzler war. Nach Machtspielen und Intrigen wurde er auch als Bundespräsident verhindert.

Finanzminister, Sphinx und Reservekanzler

Als Finanzminister ist Schäuble Merkels wichtigster Verbündeter in der Euro-Krise. Er schaffte es als erster Kassenwart seit 1969, wieder einen ausgeglichenen Haushalt ohne neue Schulden vorzulegen. Als maßgeblicher Krisenmanager kämpft Schäuble für den Erhalt Europas und die Gemeinschaftswährung. Weniger in der Rolle des Vertrauten Merkels, sondern vielmehr als loyale und eigenständige Autorität. Was auch in der Flüchtlingskrise deutlich wird. Womit der Kabinettssenior seine Extra-Stellung bedient: Schäuble – die Sphinx, der politisch wie persönlich Unabhängige, der Reservekanzler.

Wer den CDU-Politiker dieser Tage erlebt, der kann keinerlei Amtsmüdigkeit erkennen. Den Vielleser und Konzertbesucher reizen Taktik-Manöver mit ökonomischen, politischen, juristischen und strategischen Finessen. Der Mann hat Spaß an seinem Job und kann nicht loslassen – auch wenn er mit seinem Alter immer mal kokettiert. Politik ist sein Leben. Was nach dem Attentat im Oktober 1990 deutlich wurde, das Schäuble in den Rollstuhl zwang. Als seine Familie ihn damals drängte, mit der Politik aufzuhören, wies er dies zurück: „Das könnt ihr mir nicht auch noch nehmen.“

Diszipliniert, optimistisch, sturköpfig

Schon wenige Wochen nach dem Anschlag kehrte der protestantische Pflichtmensch in den Politik-Betrieb zurück. Im Herbst 2010, nach gesundheitlichen Rückschlägen, dachte Schäuble allerdings ernsthaft ans Aufgeben. Merkel überredete ihn zu bleiben – und gab ihm Zeit. Mit eiserner Disziplin, Optimismus und Sturköpfigkeit fährt der Vater von vier Kindern seinen Stil – immer mit scharfem Verstand, mal witzig, charmant in Plauderlaune und rücksichtsvoll, aber auch rechthaberisch, launisch, mit beißendem Spott und reichlich Häme.

Peer Steinbrück – selbst ein Meister der Ironie und bald nicht mehr im Bundestag – lobte seinen Nachfolger im Finanzministerium jüngst als „ausgezeichneten Mann“ und rechnete vor, dass Schäuble bisher die stolze Zahl von 23 Auszeichnungen erhalten habe: vom „Bambi“ über den renommierten Karlspreis für den Europäer Schäuble bis zur Walter-Eucken-Medaille für den Ordnungspolitiker.

Schäuble stehe, und das noch im Amt, an der Schwelle zur Legende, meinte Steinbrück. Schäuble gehöre zur Kategorie des untypischen, sehr respektierten Politikers, der für stückweise politische Veränderung stehe, statt für politische Umerziehung. Steinbrück merkte auch an, Schäubles Sinn für medial ausgefeilte Auftritte zur Schärfung des Profils als wissende Sphinx seien nicht zu verachten.

(dpa)

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