Schafft der selbstfahrende Einkaufswagen für Behinderte den Durchbruch?

Messe zeigt Läden der Zukunft: Eine der spektakulärsten Neuheiten stammt von einem 29-jährigen Rollstuhlfahrer. Von Uta Knapp

Präsentation des Einkaufswagens WiiGo bei der Handelsmesse EuroCIS in Düsseldorf. Der Shopper fährt selbstständig und folgt dem Kunden durch den Supermarkt – praktisch beispielsweise für Rollstuhlfahrer. (Foto: Maja Hitij/dpa)

Präsentation des Einkaufswagens WiiGo bei der Handelsmesse EuroCIS in Düsseldorf. Der Shopper fährt selbstständig und folgt dem Kunden durch den Supermarkt – praktisch beispielsweise für Rollstuhlfahrer. (Foto: Maja Hitij/dpa)

Einkaufswagen rollen wie von Geisterhand gesteuert durch die Gänge und Kunden stehen nicht mehr hilflos vor riesigen Regalen. Die Läden der Zukunft sollen das Einkaufen bequemer und einfacher machen. Auch die Händler wollen von der neuen Technik profitieren, die nach der Prognose von Experten schon bald für viele Kunden zum Alltag werden könnte.

Bei der Düsseldorfer Fachmesse Eurocis zeigten bis gestern 410 Aussteller aus 29 Nationen, wie sie sich die Läden der Zukunft vorstellen. Neueste Technik steht dabei im Vordergrund. „Digitalisierung ist das große Thema im Handel“, sagt Ulrich Spaan vom Handelsforschungsinstitut EHI.

Selbstfahrender Einkaufswagen

Noch in diesem Jahr soll nach dem Willen des portugiesischen Herstellers „Follow Inspiration“ der erste selbstfahrende Einkaufswagen an den Start rollen. Entwickelt wurde das zunächst speziell für Menschen mit Behinderung gedachte Produkt vom 29-jährigen Firmenchef Luis Dematos, der selbst seit seinem 14.Lebensjahr im Rollstuhl sitzt.

Innerhalb weniger Sekunden soll eine im Einkaufswagen eingebaute Kamera das Gesicht des Kunden erkennen und dann dem Verbraucher auf seinem Weg durch den Laden folgen. Noch dürfen sich die Kunden dabei nicht zu schnell bewegen und auch der Preis von derzeit rund 4.000 Euro pro Wagen dürfte viele Händler vorerst abschrecken. Doch schon bald könnte die Neuentwicklung in einer zweiten Generation nicht nur deutlich billiger werden, sondern auch beim Einkauf vor dem Kunden herfahren, berichtet Unternehmenssprecher Ricardo Silva.

Bereits vor vier Jahren hatte ROLLINGPLANET auf diesen Einkaufswagen aufmerksam gemacht (Wi-Go: Ein Einkaufswagen, der Sie verfolgt) und empfohlen: Herr Tengelmann, hier ist eine dufte Idee: Sofort investieren und unterstützen.

Werbeclip von „Follow Inspiration“ – Erfinder und Rollifahrer Luis Dematos ist ganz am Ende des Videos zu sehen:

High-Tech-Mobil für Supermärkte

Mögliche Händlerträume von einem durch den Einkaufswagen auf seinem Weg durch den Laden ferngesteuerten Konsumenten sieht jedoch der Handelsexperte Gerrit Kahl vom Innovativen Retail Institut (IRL) kritisch. An einer gelenkten Rundfahrt quer durch den Laden seien Kunden nicht interessiert. „Wenn die Kunden erkennen, dass der Einkaufswagen Zickzack fährt, werden sie ihn nicht mehr verwenden“, warnt er.

Doch auch Kahl forscht zusammen mit den Mitarbeitern des zum Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz (DFKI) gehörenden Instituts an der Umrüstung des seit knapp 80 Jahren in den Läden üblichen Drahtgestells auf Rädern zum High-Tech-Mobil. Denkbar seien etwa Entwicklungen, bei denen der Einkaufswagen die Waren bereits beim Hineinlegen erfasst und so das Bezahlen an der Kasse ohne umständliches Auspacken möglich macht, meint er.

Verbraucher müssten sich künftig in den Läden auf Überraschungen gefasst machen, sagt der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung IFH, Boris Hedde. Der Computer, der Kunden aus einer Säule heraus gezielt anspricht und Informationen zu dem gerade angesehenen Produkt übermittelt, sei schon keine Zukunftsvision mehr, so der Experte. Dabei müsse man jedoch darauf achten, dass vor allem ältere Kunden nicht überfordert würden.

Und immer wieder Datengrabscherei

Nur durch die Analyse von Gesicht und Mimik soll ein auf der Messe vorgestelltes Computerprogramm individuelle Werbung möglich machen und auch gleich Daten über den Erfolg der Botschaft sammeln. „Es ist in Zukunft sehr wichtig, dass der Kunde die Entscheidung hat, welche Daten von ihm erfasst werden“, mahnt Kahl.

Auch ganz praktische Probleme sollen mit den auf der Messe vorgestellten Neuheiten gelöst werden. Wer hilflos vor einem riesigen Regal steht und etwa eine spezielle Druckerpatrone oder eine bestimmte Glühbirne sucht, soll mit Unterstützung einer sogenannten Findbox zum Erfolg kommen. Entweder könne ein mitgebrachtes Produkt in die Box gelegt werden, oder der Computer helfe bei der Auswahl, verspricht Findbox-Geschäftsführer Michael Unmüßig. Die ständige Suche nach einem Verkäufer könnte da zur Nebensache werden.

(RP/dpa)

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