Schildbürgerstreich am Bahnhof: So geht barrierefrei

Im niedersächsischen Bad Bentheim müssen Zuggäste Hürden überwinden, um auf die barrierefreien Bahnsteige zu gelangen. Von Christina Sticht

Bad Bentheim:  Die Zuggleise sind jetzt barrierefrei... (Foto: Friso Gentsch/dpa)

Bad Bentheim: Die Zuggleise sind jetzt barrierefrei… (Foto: Friso Gentsch/dpa)

...doch um zu den Zuggleisen zu gelangen, müssen Fahrgäste (wie hier die beiden Studentinnen Lara Wiencke und Lilith Wallisch-Prinz) durch ein geöffnetes Fenster klettern oder um das Gebäude herumgehen, um zu ihren Zügen zu gelangen. Nach der Erhöhung des Bahnsteiges lassen sich die Bahnhofstüren zu den Gleisen nicht mehr öffnen. (Foto: Friso Gentsch/dpa)

…doch um zu den Zuggleisen zu gelangen, müssen Fahrgäste (wie hier die beiden Studentinnen Lara Wiencke und Lilith Wallisch-Prinz) durch ein geöffnetes Fenster klettern oder um das Gebäude herumgehen, um zu ihren Zügen zu gelangen. Nach der Erhöhung des Bahnsteiges lassen sich die Bahnhofstüren zu den Gleisen nicht mehr öffnen. (Foto: Friso Gentsch/dpa)

Der einst Kaiserliche Bahnhof von Bad Bentheim soll wieder ein wichtiges Drehkreuz werden, doch aktuell stellen sich dort profane Probleme: Die Türen zu den Gleisen lassen sich nicht öffnen, seit die Bahnsteige im Zuge einer Modernisierung um rund 40 Zentimeter erhöht wurden. Weil die neuen Plattformen alle Türen blockieren, müssen Reisende durch ein geöffnetes Fenster klettern oder um das Gebäude gehen, um zu ihren Zügen zu gelangen. Was aussieht wie ein Schildbürgerstreich, ließ sich nach Auskunft des Bürgermeisters von Bad Bentheim, Volker Pannen, nicht verhindern.

„Es muss erst schlechter werden, bevor es besser wird“, sagt der SPD-Politiker. „Die große Mehrheit der Leute nimmt es mit Humor.“ Ob er damit auch Rollstuhlfahrer/innen und andere gehbehinderte Menschen gemeint hat, ist ROLLINGPLANET nicht bekannt. Die Stadt ist Besitzerin des historischen Bahnhofs und will ihn an die Verkehrsgesellschaft Bentheimer Eisenbahn verkaufen, sobald Fördermittel der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LVNG) in Höhe von 1,1 Millionen Euro bewilligt worden sind. Dann könne der Umbau des Gebäudes starten, für den 3,3 Millionen Euro veranschlagt sind, berichtet Pannen. Der Boden des Gebäudes sowie der Vorplatz sollen erhöht werden. Die Arbeiten werden nach seiner Einschätzung bis Ende 2017 dauern.

Absicht oder einfach nur Fehlplanung?

Pannen selbst ist Bahnfahrer, aber noch nicht durchs Fenster geklettert. „Das ist auch mehr ein Notausstieg“, sagt er. Die Sprecherin der Deutschen Bahn (DB), Sabine Brunkhorst, findet die Situation gar nicht lustig. „Ich halte es wegen der Unfallgefahr für völlig absurd, Leute durchs Fenster zu lassen“, meint sie. „Wir werden den Eigentümer und den Nachnutzer des Gebäudes eindringlich darauf hinweisen, dafür zu sorgen, dass die Reisenden ausschließlich den sicheren und barrierefreien Weg um das Gebäude herum zum Bahnsteig nehmen.“

4,6 Millionen Euro investieren die DB, der Bund und die LNVG in den Umbau des Bahnhofs des Kurortes an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden. Die Arbeiten seien mit dem Eigentümer des Bahnhofsgebäudes abgestimmt gewesen, sagt die Bahnsprecherin. Die Stadt verweist darauf, dass die langfristigen Planungen der Bahn nicht mehr nach hinten zu schieben waren.

Türen zugemauert

Schon seit April sind die Türen zu den Gleisen zugemauert. Erst berichtete die Lokalpresse, in der vergangenen Woche brachte das NDR-Satiremagazin „Extra 3“ einen Fernsehbeitrag in der Rubrik „Realer Irrsinn“. Darin sind Senioren zu sehen, die ein Ticket ziehen, dann erst ihre Koffer durchs Fenster hieven und hinterherklettern.

Lara Wiencke, die regelmäßig von Enschede in ihre Heimat Hamburg pendelt, macht es auch so. „Ich finde es eher lustig. Mir macht das nichts aus“, sagt die Studentin. Walter Eberhard aus Nordhorn meint: „Meine Frau ist sportlicher als ich, die springt auch durchs Fenster.“

(RP/dpa)

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5 Kommentare

  • Erika Hoffmann-Zbranek

    das kenne ich nur zu gut das ist leider nicht nur in bad bentheim so .

    30. August 2016 at 18:12
  • Hartmut Smikac

    Also studierte Bauingenieure sollten doch wohl bessere Lösungen finden können, auch falls das „nur Zwischenlösungen“ sein sollen.

    31. August 2016 at 11:10
  • Andrea Bröker

    In Karlsruhe haben sie für viel Geld neue Straßenbahnen gekauft, deren „barrierefreier“ Einstieg über eine mehrere Centimeter hohe Kante verfügt. Mit dem Aktivrollstuhl mag das für einige Rollifahrer noch überwindbar sein, mit dem E-Rollstuhl kommt man dagegen nicht in die Straßenbahn hinein. Unglaublich!

    31. August 2016 at 16:28
  • Wolfsspitz

    Der SPD Politiker sollte mal überlegen was er da sagt, das bedeute nämlich hart gesagt mir gehen die Probleme meiner mobilitätseingeschränkten Wähler am Arsch vorbei.

    31. August 2016 at 21:55
  • Andreas Lindlar

    Wenn ein Bürgermeister so etwas dann auch noch mit einem dummen Spruch abtut sollte man als Bürger der Gemeinde überlegen ob man so einem wirklich noch im Amt haben möchte. Hier hätte ich einen temporäre Lösung und keinen dummen Spruch erwartet.

    31. August 2016 at 21:59

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