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Schlampige Daten: Kann man dem Sozialbericht Mecklenburg-Vorpommern vertrauen?

Wer hat recht? Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Mecklenburg-Vorpommern widerspricht dem Sozialbericht des Landes, demzufolge 90 Prozent ihrer Arztpraxen für Rollstuhlfahrer nicht geeignet seien.

Sozialministerin Manuela Schwesig

Sozialministerin Manuela Schwesig (Foto: SPD/Marco Urbanhatte)

Diese Aussage entspreche nicht den Tatsachen, teilte eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mit. Nach eigenen Ermittlungen der KV bei Ärzten und Psychotherapeuten seien mehr als zwei Drittel der Praxen auch für Rollstuhlfahrer zu erreichen.

Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) hatte den Bericht zur Situation von Menschen mit Behinderungen im Land am Dienstag in Schwerin vorgestellt. Das Ausmaß der nicht rollstuhlgerechten Arztpraxen habe sie überrascht, hatte sie betont und dazu ein Gespräch mit der KV angekündigt.

Ziel der Kassenärztlichen Vereinigung ist es nach Angaben der Sprecherin, die Zahl der behindertengerechten Arztpraxen zu erhöhen. Für noch mehr Menschen mit Handicap als bisher solle der Zugang zu ihren Ärzten und Psychotherapeuten so leicht wie möglich gestaltet werden. Die KV wolle gemeinsam mit dem Sozialministerium nach Lösungen suchen, heißt es in einem Bericht der Ostsee Zeitung.

Gravierender Fehler im Sozialbericht?

Tatsächlich heißt es in dem Sozialbericht: „In Mecklenburg-Vorpommern sind mehr als 90 Prozent der Arztpraxen der Fachrichtungen Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Kinderheilkunde, Frauenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Augenheilkunde, Radiologie, Urologie, Zahnmedizin sowie Psychiatrie und Psychotherapie nicht rollstuhlgerecht und rund 99 Prozent der Praxen nicht barrierefrei.“

ROLLINGPLANET kennt nicht einen einzigen Arzt in Mecklenburg-Vorpommern – kann sich aber unmöglich vorstellen, dass dort – selbst bei größter Ignoranz der Mediziner und Architekten – nur eine von zehn Praxen mit dem Rollstuhl zugänglich sein soll. Weist der von der Prognos AG für das Land recherchierte Sozialbericht also einen gravierenden Fehler auf?

Schwerpunkt des Landessozialberichts ist die Situation der Menschen mit Behinderungen in Mecklenburg-Vorpommern. Dort leben etwa 303.000 Menschen mit einer anerkannten Behinderung. „Die Ergebnisse dieser Studie werden maßgeblich die künftige Politik für eine inklusive Gesellschaft in unserem Land beeinflussen“, kündigte Schwesig an.

„Deutliche Verbesserung“

Während die Praxen schlecht weg kommen, gibt es grundsätzlich Lob: „Die Lebenssituation im Land für Menschen mit Behinderungen hat in den vergangenen Jahren deutlich verbessert“, sagte Ministerin Schwesig. So liege zum Beispiel die Zahl der Kinder mit besonderem Förderbedarf, die eine integrative Kindertagesstätte besuchen, sehr hoch. „Von den 2.043 Kindern haben im Jahr 2010 ca. 91 Prozent eine solche Kindertagesstätte besucht. Im Bundesdurchschnitt lag die Quote bei knapp 80 Prozent.“ Positiv wertete die Ministerin den Einsatz der Expertenkommission zur inklusiven Bildung.

Der demographische Wandel hat auch Auswirkungen auf Menschen mit Behinderungen in Mecklenburg-Vorpommern. Derzeit haben 9,3 Prozent der Menschen im Land einen Behinderungsgrad von mehr als 50 Prozent. Im Jahr 2005 waren es noch 8,3 Prozent. Da ein Großteil der Behinderungen erst im Laufe des Lebens auftritt, ist dieser Anstieg vor allem mit der älter werdenden Bevölkerung zu begründen.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich für schwerbehinderte Menschen laut des Sozialberichts leicht entspannt. Zusätzliche Anstrengungen der Wirtschaft seien aber trotzdem weiterhin nötig.

„Wir sind seit Jahren im Dialog mit Menschen mit Behinderungen. Schließlich gilt es, Politik gemeinsam mit den Betroffenen zu gestalten und auf ihre speziellen Bedürfnisse einzugehen“, sagte Schwesig. Sie dankte in diesem Zusammenhang dem Integrationsförderrat des Landes.

Die Ministerin verwies darauf, dass Inklusion bedeutet, dass sich die Gesellschaft an den Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung zu orientieren hat und nicht umgekehrt.

Sie können den Sozialbericht hier herunterladen: http://www.regierung-mv.de/

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3 Kommentare

  • Kanzlei Niehof

    Sehr geehrte Damen und Herren von Rollinplanet,

    das Hauptproblem ist die subjektive Wahrnehmung ob eine Praxisa nun Rollstuhlgerecht ist oder nicht.

    Wenn man strenge Maßstäbe anlegt ist jede Praxis ohne Rollstuhlrampe nicht Rollstuhlgerecht. In Neckarsulm und Heilbronn kenne ich insgesamt 97 Praxen von denen 5 Praxen über Aufzüge und 3 Praxen über eine sogenannte Rollstuhlrampe verfügen.

    Sie sehen also, daß bei strenger Begutachtung der Sachlage durchaus solche Zahlen existieren können.

    Mit freundlichen Grüßen
    Andreas Niehof

    25. März 2012 at 20:24
    • Helge Blankenstein

      Sehr geehrter Herr Niehof,
      es tut mir Leid wenn ich Ihnen bei Ihrer Bewertung des Themas „Arztpraxis Barrierefrei“ entschieden widersprechen muss. Der Begriff „Barrierefrei“ bezieht sich, gemäß geltender, rechtlicher Vorgaben, auf selbständige Nutzung aller Menschen gleich ihrer jeweiligen Behinderung. Diese, zugegeben unglückliche Festschreibung, wurde durch die Bundesregierung getroffen. Wenn nun die Landesregierung resp. Frau Ministerin Schwesig / PROGNOS AG Barrierefrei ausschließlich auf Rollstuhlnutzung bezieht kann dies nur zu falschen Erwartungen / Ergebnissen und daraus abzuleitend falschen Planungen führen.
      Ergo ist festzustellen, dass es wohl bundesweit keine „barrierefreie“ Arztpraxis geben wird. Man also solche FALSCHMELDUNGEN auch nicht veröffentlichen darf. Gern teile ich Ihnen mit, dass ich bereits in dieser Angelegenheit Kontakt zu der Landesregierung M-V aufgenommen habe, jedoch derzeit noch keine abschließende Antwort erhalten habe. Nur soviel, dass man umgehend prüfen werde und einige der durch uns aufgezeigten Irrtümer und falschen Datengrundlagen nebst den daraus abgeleiteten Ergebnissen und Planungsansätze prüfen werde.
      Die irrige Einstellung, dass „Barrierefei“ sich auf Rollstuhlnutzung bezieht, ist tägliches Brot unseres Unternehmens. Es bedarf immer wieder der Erläuterung. Eine weniger festgeschriebene Bezeichnung oder genauerer Kenntlichmachung wäre deutlich besser und würde einer Veränderung in den Köpfen der Entscheider sicherlich von Vorteil sein. Wir haben daher den Sprachgebrauch „Nutzeroptimiert für …“ gewählt und sind dadurch in der Lage den Nutzern schon im Voraus entscheidende Infos geben zu können.
      Im Gegensatz zu einer Möglichkeit wie sie von Thüringischen Tourismus-Verband gewählt wurde (Barrierefrei für Rollstuhlnutzer) bedeute dies keine Krebstaktik. Zunächst größtmögliche Nutzung (Barrierefrei) vorgeben diese dann wieder einschränken (für Rollstuhlnutzer).

      27. März 2012 at 20:49

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