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Schluss mit lustig und Inklusionsträumen: DLV nominiert Rehm nicht für EM

Beinprothese verschafft nach Meinung der Funktionäre im Wettstreit mit Nichtbehinderten einen Vorteil. Von Ulrike John und Andreas Schirmer

Markus Rehm ((Foto: Ralf Kuckuck/Dbs-Akademie Ggmbh/dpa)

Markus Rehm ((Foto: Ralf Kuckuck/Dbs-Akademie Ggmbh/dpa)

Paralympics-Sieger Markus Rehm darf nicht als erster Behinderter bei der Leichtathletik-EM in Zürich antreten. Diese Entscheidung gab der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) am Mittwoch in Frankfurt/Main bekannt. „Wir leben die Inklusion. Die Grenze der Inklusion ist die Vergleichbarkeit der Leistung, die Chancengleichheit im Wettkampf“, erklärte DLV-Präsident Clemens Prokop. Biomechanische Messungen der Weitsprünge von Rehm und der Konkurrenten bei seinem Sieg bei den deutschen Meisterschaften in Ulm hätten erhebliche Bedenken an einer Chancengleichheit geweckt.

„Die in Ulm gemessenen Werte zeigen auf, dass sich Anlauf und Absprung signifikant unterscheiden“, sagte Prokop. „Es besteht der deutliche Zweifel, dass Sprünge mit Beinprothese und mit einem natürlichen Sprunggelenk vergleichbar sind.“ DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska betonte, dass man sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat: „Wir haben in dieser Situation wirklich sehr sorgfältig abgewogen und viel abzuwägen gehabt.“

Rehm hält sich weitere Schritte offen

Der unterschenkelamputierte Rehm hatte bei den nationalen Titelkämpfen am Samstag mit 8,24 Metern gewonnen. Entgegen seiner Ankündigung, den DLV-Beschluss zu akzeptieren, hält er sich nach seiner Nichtnominierung weitere Schritte offen. „Wenn es eine kluge Entscheidung ist, ist das keine Option. Wenn ich Zweifel an der Begründung habe, werde ich mich beraten“, sagte Rehm der dpa. Die biomechanische Analyse könne keine Grundlage für seine Nichtberücksichtigung sein: „Das halte ich für schwierig und unseriös.“ Rehm weiter zu seiner Nichtberücksichtigung: „Ich finde es schade und enttäuschend.“

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hatte signalisiert, kein Verständnis für eine Nichtnominierung zu haben. „Natürlich setzt sich der DBS für die Behindertensportler ein. Ich hoffe, dass er das Engagement bei der Problemlösung fortsetzt“, sagte Prokop.

Tatsächlich respektiert der DBS die Entscheidung. „Es ist schade, ich hätte dem DLV gewünscht, mutiger zu sein“, sagte DBS-Vizepräsident Karl Quade. „Aus meiner Sicht ist die Untersuchung in Ulm keine solide Basis. Dass man daraus valide ableiten kann, Markus Rehm hätte einen Vorteil, weiß ich nicht“,
Ein Vorgehen gegen den DLV-Beschluss hält er allerdings nicht für sinnvoll. „Das würde ich Markus Rehm nicht empfehlen. So etwas hat er nicht nötig“, sagte Quade. „Er wird nicht von der Bildfläche verschwinden.“ Nun solle er sich auf die Behinderten-EM der Leichtathleten vom 14. bis 24. August in Swansea konzentrieren.

Das ist Markus Rehm


Markus Rehm (Foto: Agentur Heimspiele)
Markus Rehm (Foto: Agentur Heimspiele)

Geburtstag: 22. August 1988 in Göppingen

Verein: TSV Bayer 04 Leverkusen

Trainerin: Steffi Nerius (Speerwurf-Weltmeisterin von 2009)

Beruf: Orthopädietechnik-Meister

Erfolge: Weitsprung-Gold bei den IWAS World Games 2009 in Bangalore, der WM der Behinderten 2011 in Christchurch und 2013 in Lyon, der EM 2012 in Stadskanaal und bei den Paralympics 2012 in London (Klasse T/F 44).

Deutscher Weitsprung-Meister bei den Leichtathletik-Titelkämpfen 2014 in Ulm

Zudem Gold mit der 4 x 100-Meter-Staffel 2009 in Bangalore und Bronze 2012 in London.

Leistungsentwicklung: 6,75 Meter (2009), 7,09 (2011), 7,35 (2012), 7,54 (2013), 8,24 (Behinderten-Weltrekord/2014)

Motto: „Ich lasse mich nicht behindern“ (Er verlor mit 14 Jahren am 10. August 2003 sein rechtes Bein unterhalb des Knies, als er beim Wakeboarden auf dem Main von einem Motorboot überfahren wurde)

Webseite: www.markus-rehm-88.de[/box]

Howard statt Rehm

Im Fall Rehm hatte der DLV nicht nur zu entscheiden, ob seine Nominierung im Sinne der Chancengleichheit gerecht ist. Vielmehr ging es auch um den dritten EM-Startplatz, für den ebenso Julian Howard aus Karlsruhe die Normanforderungen erfüllte. Der Meisterschaftsdritte hatte zwar die A-Norm für die EM mit 8,04 Metern um einen Zentimeter verfehlt, in Ulm aber mit 7,90 Metern sein Leistungsvermögen bestätigt. „In Abwägung der Umstände und dass er die Norm knapp verfehlte, haben wir Howard nominiert“, sagte Prokop.

Unstrittig war die EM-Berufung des früheren und des aktuellen Europameisters, Christian Reif (Rehlingen) und Sebastian Bayer (Hamburg). „Es ging im Fall Rehm nicht allein darum, einen freien Startplatz nicht zu besetzen, sondern auch um die Frage Howard oder nicht Howard. Und da kommt das Fair Play und die Chancengleichheit in den Blickpunkt, wenn man zwischen zwei Athleten zu entscheiden hat“, so der Verbandschef.

DLV versäumte umfassendes Gutachten

Eine Grundlage der DLV-Entscheidung gegen eine Berücksichtigung von Rehm waren die biomechanischen Messungen seiner Sprünge in Ulm. Dabei stellten die Trainingswissenschaftler des Olympiastützpunkte Frankfurt/Main fest, dass es bei Anlauf und Absprung zwischen Prothesenträger Rehm und dem mit 8,20 Meter nahezu gleich weit gesprungenen Reif erhebliche Unterschiede gibt.

Rehm sei langsamer angelaufen, habe aber eine „überdurchschnittlich hohe Vertikalgeschwindigkeit beim Verlassen des Bodens“ gehabt. Dies könnte auf einen möglichen Katapulteffekt der Karbon-Feder der Prothese schließen lassen.

Dem DLV war vorgeworfen worden, sich nicht eher um den Fall und um eine Begutachtung gekümmert zu haben. Nun musste der Verband unter Zeitdruck entscheiden, weil für ein umfassendes Gutachten, das eine fünfstellige Summe kosten würde, keine Gelegenheit mehr war.

Nun soll der Weltverband entscheiden

„Es kann keine datenbasierte und seriöse Beurteilung sein“, hatte Gert-Peter Brüggemann, Biomechaniker an der Deutschen Sporthochschule in Köln, zu den biomechanischen Messungen von Ulm erklärt. „Was im Wettkampf gemacht werden kann, reicht absolut nicht aus, um zu beurteilen, ob und wie eine Prothese im Vergleich zu gesunden, leistungsfähigen Gelenken funktioniert“, sagte Brüggemann. „Da muss man etwas mehr machen als Videoaufnahmen und etwas Geschwindigkeit messen.“

Der DLV will das Thema nach dem Fall Rehm nicht zu den Akten legen. „Die letzte Lösung kann nur auf der Ebene des Weltsports getroffen werden. Wir werden an den IAAF herantreten und dringend um eine Lösung bitten“, meinte Prokop. Der DLV will sich deshalb dafür einsetzen, dass beim Kongress des Weltverbandes IAAF 2015 in Peking eine klare Regel für das Problem des Startrechts von behinderten Sportlern bei den Wettkämpfen der Leichtathleten ohne Handicap beschlossen wird.

Die IAAF war mit dem Problem vor den Olympischen Spielen 2012 in London konfrontiert gewesen: Damals klagte der beidbeinig amputierte südafrikanische Sprintstar Oscar Pistorius seine Olympia-Teilnahme mit Erfolg ein.

(RP/dpa)


Deutscher Behindertensportverband: Wir labern – und ducken uns weg
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8 Kommentare

  • das_mondkalb

    Eine ernüchternde Entscheidung, aber wie kommentiert es ein Blogger ironisch: „Sportwelt atmet auf! Behinderter bleibt vorerst behindert!“

    (http://herrnilsenskopfsalat.wordpress.com/)

    30. Juli 2014 at 15:30
  • Thomas Reitemann

    Wundert mich in Anbetracht der mangelnden Inklusion nicht.

    30. Juli 2014 at 15:46
  • Scharik

    Ich weiß nicht, aber ich habe ein bißchen das Gefühl, dass hier im Vorfeld der Wettkämpfe dafür gesorgt wird (oder werden soll), dass es in jedem Fall ausgeschlossen ist und bleibt, das möglicherweise ein Beinqamputierter mit Prothese möglicherweise besser ist, als ein Zweibeiner.

    Das wäre ja auch peinlich, wenn so ein Behinderter als Sieger hervor gehen könnte, oder?

    30. Juli 2014 at 20:20
  • Scharik

    Nachsatz:
    Bevor meine Erkrankung auch die Arme mitnahm, war ich in meinem alten Sopur in der Regel auch schneller als ein gewöhnlicher Fußgänger.
    Im normalen Leben hat mich trotzdem Keiner beneidet. Wie das aber ausgesehen hätte, hätte ich bei einem Schnellgeher-Wettbewerb teilgenommen, habe ich leider nicht ausprobiert 😉

    30. Juli 2014 at 20:26
  • Dani

    Wenn wundert diese Entscheidung denn tatsächlich?
    Solange der Behinderte brav den achten bis elften Platz belegt, ist er herzlich willkommen, denn der DLV kann sich scheinheilig und gefahrlos die „Inklusion“ auf die Fahne kritzeln. Wehe aber, er siegt. Was dann passiert, sieht man nun. Wenn die Prothese tatsächlich einen derartigen Wettbewerbsvorteil darstellt, würden dann nicht mehr Amputierte diese Weiten schaffen? Markus Rehm selbst ist sicher der Letzte, der durch unfaire Mittel gewinnen will, aber so hat das Ganze einen faden Beigeschmack.
    Dann wäre es fast besser gewesen, das Versäumnis, nicht rechtzeitig entsprechende Gutachten eingeholt zu haben, einzugestehen und ihn (dieses Mal) nicht starten zu lassen. Jetzt wird sogar noch über die Aberkennung des Titels entschieden – tolles Signal.

    30. Juli 2014 at 20:27
  • Andrea Bröker

    Da haben wohl ein paar Leute Angst, dass ein „Krüppel“ bessere sportliche Leistungen bringen könnte als sie selbst. Die Begründung, die Prothese sei ein Vorteil ist echt hanebüchen; im Umkehrschluss wären ja dann Amputationen als Doping zu betrachten.

    31. Juli 2014 at 01:14
  • Mathias Kaiser

    Jetzt hätte man ein Zeichen setzen können, aber die Behinderungen in den Köpfen tut schon weh…
    …mit einem Bein weiter springen, wie mit 2 geht einfach nicht.

    31. Juli 2014 at 07:26
  • Mathias Kaiser

    Eigentlich müssten sich die anderen Weitspringer schämen….

    31. Juli 2014 at 07:27

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