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Schmerzhaft und oft lebensgefährlich: Entzündung der Bauchspeicheldrüse

Für Ärzte unberechenbar kann das Organ beginnen, sich selbst zu verdauen. Meist sind Gallensteine oder Alkohol die Ursache. Von Alexandra Bülow

Eine Entzündung der Bauchspiecheldrüse zeigt sich mit heftigen Schmerzen im Oberbauch (Foto: dpa)

Eine Entzündung der Bauchspiecheldrüse zeigt sich mit heftigen Schmerzen im Oberbauch (Foto: dpa)

Wenn sie von der Diagnose Bauchspeicheldrüsenentzündung hören, reagieren viele Menschen so: „Das ist aber gefährlich!“ Warum, können allerdings die wenigsten beantworten. Vielleicht, weil die auch als Pankreatitis bezeichnete Krankheit selten ist. „Auf 100.000 Einwohner der Gesamtbevölkerung in westlichen Ländern kommen pro Jahr 10 bis 20 Fälle“, sagt Prof. Richard Raedsch vom Berufsverband Deutscher Internisten in Wiesbaden.

Die Entzündung entwickelt sich binnen weniger Stunden. Betroffene leiden unter heftigen Schmerzen im Oberbauch. Diese sind gleichzeitig stechend, ziehend und reißend, gürtelförmig in den Rücken ausstrahlend und oft begleitet von Fieber und Erbrechen. Ein hoher Wert des Pankreasenzyms Lipase verrät die Entzündung. „Per Ultraschall oder Computertomografie (CT) kann die Schwellung des Organs ebenso erkannt werden wie Gallensteine“, erklärt Raedsch.

Das sind die Ursachen

Gallensteine sind nach Angaben der Gastro-Liga in etwa 60 Prozent der Fälle die Ursache für eine akute Entzündung: Sie rutschen aus der Gallenblase in den Gallengang und verstopfen den Pankreasgang, der in den Gallengang mündet. Die Folge: Das Bauchspeicheldrüsensekret fließt nicht ab, die enthaltenen Verdauungsenzyme können aktiv werden und die Bauchspeicheldrüse zersetzen.

Ein weiterer häufiger Auslöser für die Erkrankung ist Alkoholmissbrauch, wobei nicht nur Alkoholiker betroffen sind. Auch hie und da ein Glas zu viel kann reichen. Denn Alkohol und seine Abbauprodukte schädigen das Pankreasgewebe, und einige Menschen reagieren sensibler als andere – Mediziner vermuten genetische Ursachen.

So erfolgt die Behandlung

Ist ein Gallenstein eingeklemmt, wird ein Endoskop durch den Mund des betäubten Patienten bis zum Zwölffingerdarm geführt, ein Kontrastmittel in die Gallenwege injiziert und der Bereich geröntgt. Gallensteine oder Gallengries werden über das Endoskop entfernt, aufgestaute Verdauungssäfte können abfließen. Wochen später, nach der Ausheilung, wird die Gallenblase entfernt, damit keine weiteren Gallensteine gefährlich werden können.

Rund 80 Prozent der Patienten leiden unter einer akut ödematösen Pankreatitis, Mediziner sprechen von einem milden Verlauf. „Mild“ bedeutet, dass die Entzündungs- und Lipasewerte nach ein bis zwei Tagen sinken und die Krankheit komplett ausheilt.

Lebensgefährliche Nekrosen

Bei 20 Prozent der Patienten kommt es zu einer akut nekrotisierenden Pankreatitis: „Das Gewebe des Organs zersetzt sich, und kein Kraut kann diesen Prozess stoppen“, erklärt Raedsch. Es bleibt nur die Hoffnung, dass der Körper das Absterben selbst beendet.

„Erst nach vier Tagen können wir Nekrosen auf dem CT erkennen“, sagt Prof. Waldemar Uhl, Leiter des Pankreaszentrums am St. Josef-Hospital Bochum. Infiziert sich das zersetzte Areal, wird es mit Drainagen gespült.

„Die besten Chancen für einen Eingriff ergeben sich vier bis sechs Wochen nach Erkrankungsbeginn, um das abgestorbene und infizierte Gewebe zu entfernen“, erläutert Uhl. Die Patienten bleiben oft mehrere Monate in der Klinik, die Sterblichkeit liegt bei 15 bis 20 Prozent. Wird ein Teil des Organs entfernt, unterstützen Enzyme in Kapselform die Verdauung, die Blutzuckerwerte können mit Insulin reguliert werden.

Im schlimmsten Fall droht Multiorganversagen

Da erst innerhalb von 48 Stunden erkennbar ist, welche der beiden Formen sich entwickelt, werden die Patienten auf der Intensivstation beobachtet. „Wir können den Patienten nur stabilisieren, um Komplikationen zu verhindern“, sagt Prof. Thomas Seufferlein von der Gastro-Liga in Gießen.

Sie erhalten starke Schmerzmittel. Blutdruck und Sauerstoffsättigung werden überwacht. Über eine Vene läuft literweise eine isotonische Lösung in den Körper, da sich Flüssigkeit im Gewebe um die Bauchspeicheldrüse sammelt, die Menge des in den Gefäßen zirkulierenden Blutes abnimmt und daher ein Schock bis hin zu Multiorganversagen droht.

Viele Ärzte geben Antibiotika, um möglichen Infektionen zu begegnen. Auch der Darm muss in Bewegung gehalten werden. „Er ist wie gelähmt, wenn man nichts isst. Dann können Keime durch die Darmwand hinaufwandern und eine Infektion auslösen“, erläutert Seufferlein. Daher wird der Patient über eine Magensonde ernährt oder erhält fettfreie Schonkost.

Richtig ernähren nach der Entlassung

Nach und nach wird die Ernährung aufgebaut, beginnend mit Kohlenhydraten, dann kommt Eiweiß hinzu. Experten empfehlen eine Ernährungsberatung, damit der Patient zu Hause zur Erholung des Organs selbst beitragen kann.

„Jeder Betroffene muss zudem herausfinden, was er verträgt“, sagt Renate Holz-Larose, Ernährungsmedizinische Beraterin/DGE am St. Josef-Hospital Bochum. „Ich rate zu kleinen Portionen. Und gut gekaut ist halb verdaut.“

Alkohol und Zigaretten sind zunächst tabu

Da die akut entzündete Bauchspeicheldrüse nicht in vollem Umfang arbeitet, helfen Enzyme bei der Verdauung. Auf Wein, Bier und Co. sollte mindestens ein halbes Jahr verzichtet werden. War Alkohol die Ursache, sind ein Leben lang nur noch alkoholfreie Getränke erlaubt – sonst droht eine erneute Pankreatitis. Auch rauchen ist tabu, egal ob es eine schwere oder milde Verlaufsform war.

Ein halbes Jahr nach der Ausheilung sollte ein Gastroenterologe die Bauchspeicheldrüse mittels Laborwerten sowie Ultraschall oder Magnetresonanztomografie (MRT) kontrollieren. Nach einem schweren Verlauf muss der Patient einmal pro Jahr untersucht werden. Schließlich war die Krankheit – ob schwer oder mild – das, was die meisten Menschen mit ihr verbinden: gefährlich.

(dpa/tmn)

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