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Schmerztherapie bei Arthrose: Risiken und Alternativen

Schmerzmittel haben bei Langzeiteinnahme ausnahmslos sehr schwere Nebenwirkungen. Doch gibt es verträgliche Alternativen? Von Dr. Marcus Mau

Arthrose: Seinen Anfang nimmt das Leiden bereits in jungen Jahren (Foto: Borea, Giovanni/pixelio.de)

Arthrose: Seinen Anfang nimmt das Leiden bereits in jungen Jahren (Foto: Borea, Giovanni/pixelio.de)

Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung in Deutschland und meist ist das Knie betroffen. Im Spätstadium kommt es zu schweren und oft langwierigen Entzündungen, die die Gelenke anschwellen lassen und zu Bewegungseinschränkungen sowie unerträglichen Schmerzen führen.

Die Mehrzahl der Patienten in diesem Stadium der Erkrankung ist auf Schmerzmittel angewiesen. Diese haben bei Langzeiteinnahme jedoch ausnahmslos sehr schwere Nebenwirkungen. Doch gibt es verträgliche Alternativen? Wenn ja, wie wirken diese und für wen sind sie am besten geeignet?

Nicht nur ältere Menschen betroffen

Etwa fünf Millionen Betroffene leben in Deutschland und entgegen der allgemeinen Auffassung ist die Arthrose keine reine Erkrankung älterer Menschen. Seinen Anfang nimmt das Leiden bereits in jungen Jahren. Die Arthrose ist eine degenerative, das heißt zerstörerisch fortschreitende Abnutzung der Gelenkknorpel.

Als Ursachen sind meist Überbeanspruchung und jahrzehntelange Fehlbelastung zu nennen. Da zerstörte Knorpelanteile mit heutigen Mitteln noch nicht regeneriert werden können, kommt es über Jahre und Jahrzehnte hinweg ebenso zu Verformungen an den das Gelenk bildenden Knochen. Das Gelenk wird unbeweglich, schwillt durch schwere Entzündungen an und verursacht kaum noch zu ertragende Schmerzen.

Schmerzmittel und Entzündungshemmer

In der langfristigen Schmerztherapie von Arthrosepatienten werden je nach Schweregrad der Schmerzen Medikamente aus drei Gruppen verwendet. Für leichtere Anfangsbeschwerden reicht häufig der Klassiker Aspirin aus.

Bei stärkeren Schmerzen werden standardmäßig die nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Naproxen eingesetzt. Diese haben jedoch bei Langzeiteinnahme sehr schwere Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich oder etwa den Nieren.

Aus diesem Grund entwickelte die pharmazeutische Industrie die COX-2-Hemmer, welche auch als selektive NSAR bezeichnet werden. Diese schädigen zwar zum Teil weniger Magen, Darm und Nieren, sind jedoch nachweislich nicht für Herz-Kreislaufpatienten geeignet. Doch wie wirken eigentlich diese Medikamente?

Wie die Medikamente wirken

Die Wirkung der Medikamente basiert im Wesentlichen auf der Hemmung zweier Eiweiße im Körper.

Das eine, COX-1 genannt, ist wichtig zum Beispiel für den Schutz des Magens und die Funktion der Nieren. Das andere, die COX-2, spielt eine entscheidende Rolle für Entzündungsprozesse. Es nutzt die aus tierischen Fetten stammende Arachidonsäure, um daraus Prostaglandine zu bilden, die unter anderem im arthritischen Gelenk Entzündungsprozesse hervorrufen.

Aus diesem Grund ist es so wichtig, bei Arthrose eine strenge Diät mit wenigen tierischen Fetten einzuhalten. Damit wird dem Enzym im Körper der Ausgangsstoff entzogen, sodass sich die Entzündungen zurückbilden können. Die nicht-steroidalen Medikamente setzen ebenfalls an den Enzymen an und hemmen sie. Jedoch verursacht im Grunde diese Hemmung auch die Nebenwirkungen, die bei Langzeiteinnahme der Schmerzmittel auftreten.

Risiken und Nebenwirkungen

Obgleich sie weltweit verbreitet sind, haben Arthrosemedikamente sehr starke Nebenwirkungen, weshalb derzeit nur eine kurzzeitige Anwendung empfohlen wird. Prinzipiell können alle Organsysteme von den Nebenwirkungen betroffen sein, doch besonders zahlreich sind Schädigungen im Bereich von Herz-Kreislauf sowie im Magen und Darm.

Zu den am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen der Arthrose-Schmerzmittel zählen:

  • Arteriosklerose und Herzinfarkt (z. B. Diclofenac, Celecoxib > 200 mg/Tag)
  • Blutungsneigung (z. B. Aspirin)
  • Nierenfunktionsschäden (z. B. Naproxen, Celecoxib)
  • Störungen in Magen und Darm bis hin zu Blutungen (z. B. Aspirin, Diclofenac, Piroxicam, Ketoprofen)

Gefährliche Magengeschwüre

Die Störungen des Magen-Darm-Traktes können von Sodbrennen über Übelkeit und Bauchschmerzen bis hin zu Geschwüren reichen. Solche Geschwüre führen nicht selten zu schwersten Blutungen sowie zum Magendurchbruch, der lebensbedrohlich ist.

Nebenwirkungen mit Magenbeteiligung treten überwiegend bei der Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika auf. Durch die gleichzeitige Hemmung der Enzyme COX-1 und COX-2 wird die Magenschleimhaut gegenüber Säuren weniger geschützt. Dies führt in der Folge zu Entzündungen und Geschwüren, da die Magensäure das Magengewebe angreift
.
Magengeschwüre entstehen Studien zufolge in zwei von drei Patienten, die langfristig mit NSAR behandelt werden. Jeder dritte Schmerzpatient entwickelt sogar Magen-Darm-Blutungen, die eine Anämie (Blutarmut) auslösen können.

“Kein Schutz vor Schädigung des Darms“

Im Dünndarm führen Schleimhautschäden zu Verwachsungen, die das Darmlumen einengen. „Insbesondere vor der Schädigung des Darms können wir die Schmerzpatienten, die auf NSAR angewiesen sind, praktisch auch heute noch nicht schützen“, sagte Prof. Dr. Markus Gaubitz aus Münster. Einer Studie aus den USA zufolge könnte die Dunkelziffer der Betroffenen sogar höher sein. Die amerikanischen Wissenschaftler schätzen, dass etwa 30 Prozent der Krankenhausaufenthalte im Jahr auf Nebenwirkungen des langfristigen NSAR-Konsums zurückgehen.

Die selektiven NSAR, oder auch COX-2-Hemmer genannt, wirken gezielt nur auf eines der beiden Enzyme ein und verursachen deshalb auch nicht die mit den anderen NSAR beobachteten Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich. Jedoch arbeiten im Gefäßsystem die beiden Enzyme COX-1 und COX-2 in einem Gleichgewicht zusammen. Wird nun COX-2 durch die COX-2-Hemmer ausgeschaltet, überwiegt die Funktion des anderen Enzyms.

In der Folge kommt es zu Ablagerungen in den Gefäßen, was als Arteriosklerose bezeichnet wird. Nach Jahren der Anwendung droht ein teilweiser oder vollständiger Verschluss der Herzkranzgefäße, was schließlich den gefürchteten Herzinfarkt mit tödlichem Ausgang auslösen kann. Daher wird der Einsatz von nicht-steroidalen Antirheumatika für Herz- und ebenso für Nierenpatienten nach heutigem Wissen nicht mehr uneingeschränkt empfohlen. Doch gibt es überhaupt Alternativen?

Auf natürliche Weise: verträgliche Alternativen

Als eine alternative Möglichkeit zu den nicht-steroidalen Schmerzmitteln bei der Behandlung von Arthrosepatienten werden derzeit beispielsweise die Omega-3-Fettsäuren diskutiert. Diese sind die natürlichen Gegenspieler der Arachidonsäure, welche zur Gruppe der Omega-6-Fettsäuren gehört. Die Cyclooxygenasen sind nicht in der Lage, Omega-3-Fettsäuren in Prostaglandine umzuwandeln. Dadurch werden die Enzyme sehr effektiv gehemmt.

Durch die Blockierung der COX-1 und COX-2 werden weniger Prostaglandine gebildet, und die Entzündungen im betroffenen Gelenk gehen zurück. Somit wird auch das Schmerzempfinden verringert. Die Wirksamkeit der Omega-3-Fettsäuren in Arthritispatienten wurde bereits in einer aktuellen Meta-Studie nachgewiesen. Die Patienten benötigten zudem deutlich weniger Schmerzmittel, wenn sie über drei Monate hinweg täglich mehr als 2,7 g Omega-3-Fettsäuren über die Nahrung zu sich nahmen.

Kombination von Omega-3-Fettsäuren mit Glucosaminsulfat

Ein besonders aussichtsreicher Ansatz ist überdies die Kombination von Omega-3-Fettsäuren mit Glucosaminsulfat. In einer Studie erhielten die Teilnehmer 1500 mg Glucosaminsulfat pro Tag in Kombination mit Omega-3-Fettsäuren. Anschließend befragten die Wissenschaftler die Patienten über 26 Wochen hinweg zu ihrem persönlichen Schmerzempfinden.

Im Ergebnis hatten die Patienten mit kombinierter Therapie deutlich weniger Schmerzen und Bewegungseinschränkungen als die vergleichend mitgeführte Glucosaminsulfat-Gruppe. Die Kombination aus Glucosaminsulfat und Omega-3-Fettsäuren konnte das Fortschreiten der Arthrose verlangsamen. Darüber hinaus zeigten weder Glucosaminsulfat noch Omega-3-Fettsäuren Langzeitnebenwirkungen, sodass sich dieser Ansatz zu einer sicheren oder zumindest risikoärmeren Behandlung weiterentwickeln ließe.

Eine neuartige und ebenfalls schmerzlindernde Behandlung bieten Cremes mit Phospholipiden, die den arthritischen Knorpel stabilisieren und „einfetten“ und so das Reiben der Gelenkflächen sowie Entzündungen verringern. In Studien zeigte sich, dass diese Cremes in der Schmerzlinderung mit dem häufig angewendeten COX-2-Hemmer Celecoxib konkurrieren können und tatsächlich eine nebenwirkungsarme Alternative zur konventionellen Schmerzbehandlung darstellen.

Dr. Marcus Mau ist freier Autor und Wissenschaftsjournalist

Quellen

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