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Schützen verzweifelt gesucht: Inklusion im Visier

Der Ansturm beim Schützenfest in Hannover ist gewaltig. Im bundesweiten Vereinsalltag macht sich der Nachwuchs aber rar. Sollen deshalb wir Menschen mit Behinderung ran?

Das Schützenfest in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover (Foto: Wolfgang Weihs dpa/lni)

Das Schützenfest in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover (Archivfoto: Wolfgang Weihs dpa/lni)

Um die Jugend wieder für den Schießsport zu begeistern, lässt der Schützenverein Boitwarden im niedersächsischen Brake nichts unversucht: Geschossen wird zum Spaß auf aufgeblasene Luftballons oder der Schießstand wird in Nebel gehüllt.

Nur noch neun der 139 Vereinsmitglieder sind unter 21 Jahren alt. Brake gehen die Schützen aus – eine Entwicklung, über die Schützenvereine bundesweit klagen. Im niederrheinischen Voerde winken die Schützenbrüder deswegen sogar mit einer Babyprämie. Ist das vielleicht auch ein Grund, weshalb wir Menschen mit Behinderung ans Gewehr oder an die Pfeile sollen?

Blinder Bogenschütze


London Olympics Archery Men
Dong-Hyun Im bei den Paralympics 2012 in London (Foto: Marcio Jose Sanchez/AP/dapd)

Gucken kann er kaum, trotzdem trifft er fast immer: Der 27-jährige Dong-Hyun Im (manche Medien schreiben auch Dong-Hyung Im) gilt gesetzlich als blind – seine Sehfähigkeit beträgt im linken Auge zehn Prozent, im rechten Auge 20 Prozent. Er muss zehnmal so nah an einem Gegenstand sein wie ein normal Sehender, um ihn gleich gut zu erkennen. Er kann keine Zeitung lesen, auch wenn er sie in Armweite vor sich hält. Trotzdem ist er Bogenschütze – und zwar einer der weltweit Besten.

1,3 Millionen Besucher erwartet

Die Traditionspflege steht beim 484. Schützenfest in Hannover im Mittelpunkt. Der Ansturm ist gewaltig. Zum traditionellen Ausmarsch werden rund 5000 Schützen und 100 Musikkapellen aus dem In- und Ausland erwartet. Begleitet wird das Ereignis von einem zehntägigen Volksfest mit erwarteten 1,3 Millionen Besuchern.

Schießwettkämpfe finden in Hannover schon lange nicht mehr statt. Ähnlich ist es in den Vereinen, wo es einerseits das Königsschießen, die Uniformen und die Musikkapellen und andererseits den Leistungssport gibt.

"Hau den Lukas": Schausteller auf dem diesjährigenSchützenfest (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

„Hau den Lukas“: Schausteller auf dem diesjährigen Schützenfest (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Kampagne, um neue Mitglieder zu gewinnen

„Die Mitgliedergewinnung ist problematisch wie in allen Sportvereinen“, sagt der Sprecher des Deutschen Schützenbundes in Wiesbaden, Birger Tiemann. Anders als früher dürften Kinder nicht mehr mit acht, sondern erst mit zwölf Jahren ein Luftgewehr in die Hand nehmen. „Da ist die Entscheidung für einen anderen Sport schon gefallen.“

Bundesweit ist die Zahl der Schützen vom Spitzenwert 1,59 Millionen 1997 auf 1,37 Millionen im vergangenen Jahr gesunken. Gegensteuern will der Schützenbund mit der Kampagne „Ziel im Visier – Zukunft Schützenvereine“.

„Die Jugend hat nicht mehr so viel Draht zur Tradition“, meint der Geschäftsführer des niedersächsischen Sportschützenverbandes, Manfred Kamm, in Hannover. Dass Amoktaten wie in Erfurt oder Winnenden die Schützen in ein schlechtes Licht rückten, glaubt er weniger. „Den Amokläufen würde ich das weniger zuschreiben wollen.“

Eher machten die in Folge verschärften Vorschriften den Sportschützen zu schaffen. Waffen müssten in besonders sicheren Schränken aufbewahrt werden, deren Aufstellung müsse der Vermieter gestatten.

Gemeinsam in der höchsten Spielklasse

Der Deutsche Schützenbund (DSB) in Wiesbaden erhielt im April die Fair Play-Plakette von der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) wegen seinen Bemühungen um Inklusion. Seit der 15. Luftgewehr-Bundesliga-Saison 2011/2012 treten in der höchsten Spielklasse Nichtbehinderte und Rollstuhlfahrer (Behindertensportler der Startklasse SH 1) gemeinsam an.
Zuvor war das Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule Köln in einem Gutachten zu dem Schluss gekommen, dass Rollstuhlfahrer aufgrund ihrer sitzenden Position keine Vorteile bei der statischen Sportart Stehendschießen gegenüber nichtbehinderten Sportlern haben.

ISCH setzt ganz auf Inklusion

„Der Bogensport hat Zulauf“, stellt Kamm indes fest. Hier seien Kinder von Anfang an dabei, da Pfeil und Bogen nicht dem Waffengesetz unterliegen. Damit auch die Jüngeren „zum Schuss“ kommen, gibt es auch Wettkämpfe mit Lichtpunkt-Gewehren. Gerade erst nahmen 450 Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren an einem Landeswettbewerb in Hannover teil.

Bei den „International Shooting Competitions of Hanover“ (ISCH) hat man sich inzwischen die Inklusion auf die Fahnen geschrieben – Behinderte und Nichtbehinderte schießen zusammen.

Die Veranstalter betonen: „Die ISCH ist die einzige internationale Veranstaltung, die die Idee der Inklusion nicht nur durch die gleichzeitige Durchführung verschiedener Wettkämpfe lebt, sondern tatsächlich auch die vergleichbaren Klassen zusammen wertet. So dürfen wir uns bestimmt wieder auf gemischte Finale freuen und der Welt zeigen, dass Inklusion keine hohle Idee ist, sonderen tatsächlich gelebt wird, hier in Hannover!“

Die meisten entscheiden sich für Ballsport

Die Heraufsetzung des Mindestalters für den Griff zur Sportwaffe sieht auch in Brake Schützensprecher Torsten Tormählen als Grund für Nachwuchsprobleme. „Da sind die schon im Fußball-, Handball- oder Volleyballverein.“

Allerdings seien nach den Amokläufen auch manche Eltern skeptisch bei der Wahl dieses Sportes. Ähnlich wie die Feuerwehr ständen Schützen auch wegen angeblich hohen Alkoholkonsums in einem schlechten Licht. „Das ist alles weniger geworden“, beteuert der Sprecher. Der monatliche Frühschoppen sei deshalb auch schon in Sonntagstreffen umgetauft worden.

Die Babyprämie

Mit einer besonders pfiffigen (oder verzweifelten?) Idee versuchen die Schützen im niederrheinischen Voerde, Nachwuchs zu gewinnen.

Der Verein „Alter Emmelsumer 1868“ zahlt Eltern, die seit mindestens drei Jahren aktive Mitglieder sind, für jedes neu geborene Kind ein Jahr lang monatlich 50 Euro – vorausgesetzt, der Nachwuchs wird auch gleich im Verein angemeldet.

Im vergangenen Jahr verzeichnete die Statistik dadurch immerhin zwei „Jungmitglieder“, wie der Jahresbericht vermeldet.

(RP/ Michael Evers/dpa)


Inklusion in Gesellschaft, Sport & Freizeit
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1 Kommentar

  • Mario Oehme

    Ist doch klar das Thüringen verzweifelt nach Schützen sucht. Lange Jahre haben Schützen und ganz besonders Bogenschützen in Thüringen eine untergeordnete oder keine Rolle gespielt. Und nun, nun hat der Schützenbund die WM nach Suhl geholt und man bemerkt das dieser Sportart im Land keine Bedeutung beigemessen wurde. Dies ist ein Hausgemachtes Problem in Thüringen.

    16. September 2013 at 12:21

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