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Schuften gegen die innere Uhr: Diese Rechte haben Sie als Schichtarbeiter/in

Rund sechs Millionen Menschen arbeiten im Schichtdienst – oft mit negativen Folgen für die Gesundheit. Von Claudia Holder

Nachtdienst im Großraumbüro eines Verschiebebahnhofs (Foto: erysipel/pixelio.de)

Nachtdienst im Großraumbüro eines Verschiebebahnhofs (Foto: erysipel/pixelio.de)

Arbeiten, wenn andere schlafen – für viele Angestellte ist das ganz normal. Bei der Polizei, der Feuerwehr oder im Krankenhaus muss der Betrieb rund um die Uhr aufrechterhalten werden. Auch in der Gastronomie, im Handel oder im Transportwesen arbeiten viele nachts. In den letzten Jahren ist die Zahl der Schichtarbeiter kontinuierlich gestiegen: 2011 waren es rund sechs Millionen – 2001 erst 4,8 Millionen, teilt das Statistische Bundesamt mit.

Doch das Arbeiten gegen die innere Uhr ist auf Dauer nicht gesund. „Nacht- und Schichtarbeit ist fast immer mit negativen Folgen für die Gesundheit verbunden“, sagt Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Chronische Schlafstörungen und Magen-Darm-Beschwerden sind die häufigsten gesundheitlichen Probleme. Doch gesetzliche Regelungen und der Betriebsrat sollen Arbeitnehmer vor zu großen Belastungen schützen.

Maßgebliche Klauseln sind schwer zu finden

Bei Schichtarbeit müssen sich mindestens zwei Arbeitnehmer nach einem Plan ablösen. Grundsätzlich könne jeder Arbeitgeber dieses Modell einführen, solange er sich an die rechtlichen Vorgaben hält, erklärt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Die maßgeblichen Klauseln zu finden, ist aber nicht leicht. Regelungen enthalten sowohl das Arbeitszeitgesetz, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen als auch die einzelnen Arbeitsverträge.

Für Schichtarbeiter gilt im Grundsatz nichts anderes als für andere Angestellte: Pro Tag dürfen sie im Schnitt maximal 8 Stunden arbeiten. In Ausnahmefällen sind auch 10 Stunden täglich erlaubt. Außerdem muss zwischen den Schichten eine ununterbrochene Ruhezeit von 11 Stunden liegen.

Bei Verstößen an den Betriebsrat wenden

Wird häufiger gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen, sollten Arbeitnehmer sich an den Betriebsrat wenden, rät Nathalie Oberthür, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Köln. Zwar sei bei einem Verstoß auch eine Klage denkbar. In der Praxis sei das aber nicht empfehlenswert, weil ein Gerichtsverfahren das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer belastet.

Über den Betriebsrat können Arbeitnehmer auch Einfluss darauf nehmen, wie der Schichtdienst konkret aussieht. Zwar habe der Arbeitgeber grundsätzlich das Direktionsrecht und bestimme über die Gestaltung des Schichtdienstes. Doch der Betriebsrat habe hier ein Mitspracherecht, erläutert Oberthür (Paragraf 87 Betriebsverfassungsgesetz).

Entscheidend ist das Arbeitszeitgesetz

Der Hebel liegt im Arbeitszeitgesetz. Es bestimmt, dass bei der Dauer und Art der Schicht- und Nachtarbeit die „gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse“ zu berücksichtigen sind.

Was das bedeutet, weiß Arbeitsschutzexperte Brenscheidt. Es sollten möglichst wenige Nachtschichten aufeinander folgen – maximal drei. Außerdem werde Arbeitnehmern nach der letzten Nachtschicht eine Ruhezeit von mindestens 24 Stunden empfohlen.

Studien zeigen außerdem, dass die Vorwärtsrotation im Schichtwechsel – also Früh-, Spät-, Nachtschicht – am wenigsten belastet, erklärt Brenscheidt. Der Betriebsrat kann sich für die Berücksichtigung dieser Erkenntnisse einsetzen.

Große Belastung für Beschäftigte

Doch all das ändert nichts daran, dass Schicht- und vor allem Nachtarbeit eine große Belastung für Beschäftigte ist. Es ist auf Dauer ungesund, wenn man zu lange gegen den eigenen Biorhythmus arbeitet.

Nachtarbeiter, die zwischen 23.00 und 6.00 Uhr im Einsatz sind, haben deshalb einen gesetzlichen Anspruch darauf, sich alle drei Jahre ärztlich untersuchen zu lassen – auf Kosten des Arbeitgebers (Paragraf 6 Arbeitszeitgesetz). Ab einem Alter von 50 Jahren steht ihnen sogar eine jährliche Untersuchung zu. Diesen Anspruch sollten Arbeitnehmer unbedingt wahrnehmen, rät Brenscheidt.

Anspruch auf Tagesarbeitsplatz

Wird bei Nachtarbeitern eine Gesundheitsgefährdung durch ihre Tätigkeit festgestellt, haben sie sogar einen Anspruch auf einen Tagesarbeitsplatz (Paragraf 6 Arbeitszeitgesetz). Gleiches gilt für Alleinerziehende, die ein Kind unter 12 Jahren zu betreuen haben.

Vorschnell sollten Schichtmodelle übrigens nicht aufgegeben werden. Oft hat das zunächst negative Folgen. „Schichtarbeiter haben sich auf den bestehenden Rhythmus eingestellt und ihren Alltag danach gerichtet“, erläutert Brenscheidt. Er empfiehlt deswegen, unbedingt einen Probelauf zu machen, bevor vollständig auf ein neues Schichtsystem umgestellt wird.

(dpa/tmn)

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