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Schwarzbuch Inklusion vorgestellt: Hessen am Pranger

Blockiert das Bundesland systematisch das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Schülern?

Scharfe Kritik an Kultusministerin Nicola Beer (FDP) (Pressefoto)

Scharfe Kritik an Kultusministerin Nicola Beer (FDP) (Pressefoto)

Der Verein „Politik gegen Aussonderung, Koalition für Integration und Inklusion“ hat heute Abend im Rahmen einer Pressekonferenz sein „Schwarzbuch Inklusion“ vorgestellt, das „Fälle verdeckter und offener Verhinderung von gemeinsamer Erziehung und Bildung behinderter und nichtbehinderter Kinder und Jugendlicher“ anprangert.

Der Termin wurde bewusst gewählt – kurz vor der hessischen Landtagswahl und der Bundestagswahl (gleichzeitig am 22. September) erhofft sich der Verein besondere Aufmerksamkeit für sein Schwarzbuch: „Die Erwartungen und Herausforderungen, vor allem aber auch die auftretenden Probleme in der Umsetzung inklusiver Bildung in Hessen, sollen öffentlich gemacht und diskutiert werden.“

65 Beispiele gesammelt

Dr. Anne-Dore SteinZu diesem Zweck wurden unter der Leitung der Vereinsvorsitzenden Professor Dr. Anne-Dore Stein (Foto) – sie lehrt an der Evangelischen Hochschule Integrative Heilpädagogik/Inclusive Education – und mit Unterstützung der „Gruppe InklusionsBeobachtung“ (GIB) 65 Beispiele gesammelt.

Zu den Einzelfällen gehören Lernbehinderte und Kinder mit Down-Syndrom, blinde und taube Schüler sowie Autisten, denen es verwehrt worden sei, eine normale Schule zu besuchen, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention vorschreibt. Auch ROLLINGPLANET-Leser/innen waren aufgerufen worden, vermeintliche oder tatsächliche Missstände zu melden.

Stein kommt zu dem Schluss: „Alle reden darüber, wie man Inklusion möglich machen kann, wir wollten mal zeigen, wo sie verhindert wird“. Es gebe „eine verdeckte, aber gleichwohl systematische Blockade von inklusivem Lernen“.

500 Schüler mit Behinderung abgelehnt

Das zuständige Kultusministerium räumte im Vorfeld der Veranstaltung laut „Spiegel Online“ auf Anfrage ein, dass in Hessen auch im Jahr 2012 wieder über 500 Schüler mit Handicaps (von über 2600, die einen Antrag auf inklusive Schule gestellt hatten) zurückgewiesen worden seien.

In fast 400 Fällen sei das einvernehmlich mit den Eltern geschehen. 140 mal haben die Behörden aber entschieden, dass das Kind auf die Förderschule gehen muss, die landläufig noch häufig Sonderschule genannt wird.

Im Vorfeld der heutigen Präsentation des Schwarzbuchs beklagte eine Sprecherin von Hessens Kultusministerin Nicola Beer (FDP): „Ich finde es ein Problem, nur die misslungenen Fälle hochzuziehen. Wo sind die Erfolgsgeschichten?“

Was Ministerin Beer sagt

Bereits am Nachmittag hatte sich Beer in einem Interview mit Deutschlandfunk gegen Kritik gewehrt. „Aber warum setzen Sie auf zwei Systeme, die beide irgendwie unterfinanziert arbeiten müssen, statt konsequent zu sagen, wir schaffen alle Förderschulen ab und lassen die qualifizierten Förderlehrer an die Regelschulen?“ wurde sie gefragt.

Beer antwortete: „Wir steuern ja sukzessive nach dem Wahlverhalten der Eltern die Förderschullehrkräfte in die Regelschulen um. Aber noch einmal, es gibt Beeinträchtigungen und Behinderungsformen, die können an der Förderschule besser, effektiver unterstützt werden, und letztendlich wollen wir, dass die Eltern hier auswählen können, denn es geht um das Wohl des Kindes.“

Expertin fordert: Lernhilfeschulen auflösen

So lange Regelschulen behinderte Kinder mit Verweis auf fehlendes Personal ablehnen dürften, hinke Hessen (CDU/FDP-regiert) beim gemeinsamen Unterricht hinterher, sagte Wiltrud Thies vom Expertenkreis Inklusion der Deutschen UNESCO-Kommission (ebenfalls im Deutschlandfunk).

Das Beharren darauf, die Förderschulen parallel zu erhalten, entziehe dem inklusiven System das nötige Geld. Die frühere Leiterin der inklusiven Grund- und Gesamtschule der Lebenshilfe in Gießen schlägt vor, als Erstes die Lernhilfeschulen aufzulösen.

(RP)

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1 Kommentar

  • Manuela Grochowiak-Schmieding

    Zeit für GRÜNEN Wandel in Hessen! (Team MGS)

    5. September 2013 at 16:46

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