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Schwarze Augen, Maria – Niemand hier ist behindert, sondern besonders

In Hamburg entführte die dänisch-österreichische Theatergruppe Signa die Besucher in ein Haus mit seltsamen Bewohnern. Von Carola Große-Wilde (Text) und Erich Goldmann (Fotos)

Siri Nase

Siri Nase

Eine junge Frau im weißen Kommunionkleid mit Schleifchen im Haar und seltsamen Zuckungen begrüßt die Zuschauer am Eingang der ehemaligen Elise-Averdieck-Schule. Neben ihr steht eine Ärztin im weißen Kittel und sagt: „Guten Tag!“ Im Eingangsflur warten weitere Mädchen in weißen Kommunionkleidern auf die Gäste, eines hüpft aufgeregt in seinem Rollstuhl auf und ab.

Im großen Saal werden die Besucher von sanfter Orgelmusik empfangen, auf der Bühne stehen weiße Plastiktannen, an der Decke hängen weiße und rosafarbene Luftballons. Neben den Mädchen stehen jetzt auch Jungen und ihre Eltern in abgewetzten T-Shirts und Jogginghosen und singen Michael Jacksons „Earth Song“: Willkommen im „Haus Lebensbaum“!

Spielzeit am Deutschen Schauspielhaus eröffnet

Mit ihrer neuesten Produktion „Schwarze Augen, Maria“ hat die dänisch-österreichische Theatergruppe Signa am Samstagabend die erste Spielzeit von Intendantin Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg eröffnet.

In der fast sechsstündigen Performance-Installation erschaffen 32 Schauspieler eine Parallelwelt im fiktiven „Haus Lebensbaum“, eine Art „betreutes Wohnen“. Die ebenfalls für das Eröffnungswochenende geplante Premiere des Antiken-Marathons „Die Rasenden“ unter der Regie von Karin Beier musste nach einem schweren Bühnenunfall im großen Haus auf den 18. Januar verschoben werden.

Verstörende Parallelwelten

Özlem Cosen

Özlem Cosen

Siri Nase, Simon Steinhorst

Siri Nase, Simon Steinhorst

Anne Hartung, Arthur Köstler

Anne Hartung, Arthur Köstler

Signa sind für dafür bekannt, dass sie kein klassisches Theater machen. Als „Psychospiele, verstörende Parallelwelten oder soziale Experimente“ bezeichneten Kritiker die Inszenierungen an ungewöhnlichen Orten.

2007 hatte Signa die Kölner Intendanz von Karin Beier mit „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ eröffnet – ein Hüttendorf mit Wirtshaus, Wahrsager und Peepshow, das zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Danach folgten in Köln „Die Hades Fraktur“ in einer ehemaligen Travestiebar, „Die Hundsprozesse“ nach Kafkas „Der Prozess“ und zuletzt „Club Inferno“ nach Dantes „Göttliche Komödie“ an der Berliner Volksbühne.

Sechs verhaltensauffällige Familien

In „Schwarze Augen, Maria“ werden die Zuschauer zu einem „Tag der offenen Tür“ ins „Haus Lebensbaum“ eingeladen. Dort wohnen sechs verhaltensauffällige Familien mit ihren Kindern, betreut von einem Arzt und zwei Schwestern. Sie alle waren vor 20 Jahren in einen Verkehrsunfall verwickelt, und die Besucher müssen herausfinden, was damals passiert ist.

Wie Dr. Mittag (Sebastian Sommerfeld) bei der Begrüßung erklärt, wurden die Kinder zuerst als autistisch diagnostiziert, er sei jedoch auf die Spur eines besonderen Syndroms gekommen, das er „Teiresias-Syndrom“ nennt und das im Prinzip alle Familienmitglieder miteinbezieht.

„Niemand hier ist behindert, sondern besonders“

Steven Reinert

Steven Reinert

Signa Köstler

Signa Köstler

Nach der Erläuterung der Hausregeln – „Niemand hier ist behindert, sondern besonders“ – werden die 42 Zuschauer in sechs Gruppen eingeteilt, um die Familien in ihren Wohnungen zu besuchen. Bei Familie Kiebuzinski erwartet die Besucher ein Kitsch-Alptraum in beige, die Möbel in dem völlig zugestellten Zimmer scheinen alle vom Sperrmüll zu stammen.

Es gibt Kaffee und schrecklich süßes Zeug, und in der Sofaecke erzählt Mutter Kiebuzinski (Ilil Land-Boss) von ihren drei Töchtern, während eine sich auf der Fensterbank versteckt, eine andere ihrem Vater beim Spülen der Gläser hilft und die dritte die Namen der Gäste auswendig lernt: „Und wie heißt Du?“

Berührungsängste verlieren

Nach und nach lernen die Besucher – soweit sie sich darauf einlassen und keine Berührungsängste haben – alle Bewohner des Hauses kennen, auch die schwer depressive Maria Maria (Signa Köstler), die allein in einer Abstellkammer haust und die Schuldgefühle plagen, da sie einst den traumatischen Unfall verursacht hat.

Sie können am „Kummertee“ mit Dr. Mittag teilnehmen oder an der „Marienrunde“, wo die Mütter über ihre Probleme mit den Kindern sprechen. Am Ende sind alle eingeladen, am großen Abschlussfest teilzunehmen, die Kinder führen „Die große Reise – eine Tragikomödie in sieben Bildern“ – auf. Fazit: So authentisch und bewegend war Theater selten.

(dpa)

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2 Kommentare

  • Daniel Horneber

    das Motto des hauses find ich schwierig denn es veharmlost Diskriminierung denn natürlich ist niemand behindert aber auch nicht besonders sondern man wird behindert Behinderte Menschen sind auch nicht anders artig Begabt sondern sie werden von Gesellschaftlichen Strukturen behindert.

    17. November 2013 at 15:08
  • Katharina

    Das ist vollkommen wahr. Durch eine „Behinderung“ wird man nicht besonders. Nur das Leben gestaltet sich ab und an besonders schwierig….

    8. Dezember 2013 at 12:16

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