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Schwerbehinderte Arbeitnehmer: Das große Versagen (und Schweigen) der DAX-Unternehmen

Positiv-Arbeitgeber: Die Deutsche Telekom beschäftigt 6,7 Prozent schwerbehinderte Arbeitnehmer

Positiv-Arbeitgeber: Die Deutsche Telekom beschäftigt 6,7 Prozent schwerbehinderte Arbeitnehmer

Eine ROLLINGPLANET-Recherche zeigt: Nur fünf von 30 DAX-Firmen bekennen sich dazu, die Schwerbehindertenquote zu erfüllen.

Inklusion in der Berufswelt: Alle privaten und öffentlichen Arbeitgeber mit 20 oder mehr Arbeitsplätzen sind verpflichtet, wenigstens fünf Prozent der Belegschaft mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen – ansonsten wird die seit 1. Januar 2012 erhöhte Ausgleichsabgabe fällig.

ROLLINGPLANET wollte wissen, wie die großen Unternehmen mit der Schwerbehindertenquote umgehen – und hat bei allen DAX-Firmen nachgefragt. Im Deutschen Aktien-Index (DAX) sind die 30 größten und umsatzstärksten, an der Frankfurter Wertpapierbörse gelisteten Unternehmen zusammengefasst.

Konkret fragten wir: „Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie in Deutschland?“ und „Wie viele dieser Mitarbeiter sind schwerbehindert?“ Bei dieser Gelegenheit erkundigten wir uns außerdem: „Ist Ihr Internetangebot barrierefrei (nach W3C)?“

Die wochenlangen Recherchen waren wie befürchtet mühsam. In vielen Fällen mussten wir nachhaken. Das Ergebnis ist ernüchternd: Offensichtlich nur fünf DAX-Firmen – Daimler, Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Metro und RWE – erfüllen die gesetzliche Vorgabe. 6 Unternehmen geben zu, dass sie zulegen müssen. Und 19 Konzerne wollten keine Auskunft geben.

Nachfolgend die detaillierte Aufstellung mit den Original-Antworten der Firmen (jeweils alphabetisch). Die genannten Arbeitgeber sind ab sofort auch in unserer Watchlist zu finden.

DAX-UNTERNEHMEN, DIE DIE QUOTE ERFÜLLEN

Daimler AG

Mitarbeiter in Deutschland: 164.000 (Stand 31.12.2010). Der Anteil schwerbehinderter Mitarbeiter liegt bei rund 5,7%.

Internetangebot: Aktuell noch nicht barrierefrei (nach W3C), aber in Vorbereitung.


Deutsche Bank

Die Deutsche Bank hat weltweit 102.000 Mitarbeiter (einschließlich Postbank und Sal. Oppenheim), davon etwa die Hälfte in Deutschland. (Stand 30. Juni 2011)

Der Anteil der schwerbehinderten Mitarbeiter der Bank sowie das Volumen der Aufträge, die die Bank an Behindertenwerkstätten vergibt, sind so hoch, dass die Deutsche Bank keine Ausgleichsabgaben zu leisten hat.

Unser Ziel ist es, alle Inhalte auf den Webseiten der Deutschen Bank so aufzubereiten, dass jeder Nutzer die gewünschten Informationen leicht auffinden kann. Dies bestimmt unser Handeln. Wir folgen bei der Erstellung unserer Webseiten den Richtlinien des W3C Konsortiums.


Deutsche Telekom

123.174 Beschäftigte in Deutschland. In Deutschland beschäftigen wir 6,2 Prozent Mitarbeiter mit Schwerbehinderung (konzernweit 6,7 Prozent)

Unser Internetangebot ist nach W3C barrierefrei.

Und noch eine kurze Zusatzinfo: Alle freien Stellen im Konzern, die extern ausgeschrieben werden, melden wir über eine elektronische Schnittstelle der Bundesagentur für Arbeit, um gezielt die Bewerbungen arbeitssuchender Menschen mit Schwerbehinderungen zu fördern. Im Geschäftsjahr 2010 haben wir rund 900 Maßnahmen zur behindertengerechten Einrichtung und Unterhaltung der Arbeitsplätze unserer schwerbehinderten Kolleginnen und Kollegen durchgeführt. Diese Maßnahmen reichen von der Beschaffung spezieller Arbeitsmöbel bis hin zum barrierefreien Ausbau unserer Büro- und Geschäftsräume.


Metro Group

Mitarbeiter in Deutschland:
 Rund 108.000. Davon schwerbehindert: 5.725, dies entspricht einer Quote von 5,3 Prozent.

Wir achten auf W3C Konformität und auf eine möglichst hohe Barrierefreiheit unseres Internetauftritts.


RWE

Zum 31.12.2010 umfasste die Belegschaft des RWE-Konzerns Deutschland 44.989 Mitarbeiter/innen (Köpfe) und Auszubildende (Köpfe).

Die Schwerbehinderten-Belegschaft lag zu diesem Zeitpunkt bei 2.405 Mitarbeiter/innen (Köpfe) und Auszubildende (Köpfe); dies entspricht einer Schwerbehindertenquote von 5,6.

Leider ist unser Internetangebot noch nicht nach W3C barrierefrei. Einen konkreten Zeitplan gibt es zur Zeit nicht. Das Internet barrierefrei zu gestalten wurde geprüft und Maßnahmen dazu entwickelt, die noch nicht umgesetzt wurden.

DAX-UNTERNEHMEN, DIE DIE QUOTE NICHT ERFÜLLEN, ES ABER ZUGEBEN

Allianz

Mitarbeiter in Deutschland: 31.788 (31.12.2010). Gemäß gesetzlicher Berechnung betrug zum 31.12.2010 der Anteil der Mitarbeiter mit Behinderung in den deutschen Allianz Gesellschaften 4,1%.

Sowohl unsere internen (Intranet) als auch externen (Internet) Onlineangebote entsprechen aktuell nur in einzelnen Funktionalitäten der nach W3C bzw. in Deutschland nach BITV definierten Barrierefreiheit. Diese Problematik ist uns bewusst und wir versuchen, die Zugänglichkeit zu unseren Onlineanwendungen sowohl für Mitarbeiter und Kunden mit Behinderungen als auch ältere Menschen schrittweise zu erhöhen.


BASF

Die BASF beschäftigte zum 31.12.2010 50.801 Mitarbeiter in Deutschland. Bezogen auf die Beschäftigungsverhältnisse gesamt hatten wir zum 31.12.2010 insgesamt 1.762 Schwerbehinderte in der BASF-Gruppe Deutschland. (Anm.d.Red.: Dies entspricht eine Quote von 3,47 Prozent.)

BASF möchte, dass die im Internet vorhandenen Informationsangebote des Unternehmens jeder/jedem Interessierten zugänglich sind. Die vom World Wide Web Consortium W3C erarbeiteten Empfehlungen zur Barrierefreiheit nutzen wir zur Orientierung und berücksichtigen diese bei der Planung und Weiterentwicklung unserer Internet-Auftritte.

Unsere Internetseite www.basf.com ist so gestaltet, dass Menschen mit Behinderungen sich möglichst frei darauf bewegen können. Beispielsweise bieten wir dort eine Lupenfunktion an, mit der Nutzer die Inhalte auf der Webseite vergrößern können. Für wichtige Publikationen wie unseren Online-Bericht (www.basf.com/bericht) besteht darüber hinaus eine Vorlesefunktion, mit der beispielsweise Sehbehinderte wichtige Kapitel anhören können.


Commerzbank

36.453 Beschäftigte, davon 1.492 Schwerbehinderte und gleichgestellte Mitarbeiter/innen. (Anm.d.Red.: Dies entspricht eine Quote von 4,09 Prozent.)

Nach dem für Sommer 2012 geplanten Internet-Relaunch werden wir die Mindestanforderungen erfüllen.


Henkel

In Deutschland arbeiten insgesamt circa 8.500 Henkel-Mitarbeiter, weltweit sind es rund 48.000 Mitarbeiter. In Deutschland arbeiten bei Henkel rund 250 Mitarbeiter mit einer Schwerbehinderung, oder nach Sozialgesetzbuch (SGB), Neuntes Buch (IX), den Schwerbehinderten Gleichgestellte. Die Quote betrug für das Jahr 2010 3,1 Prozent.

Wir bemühen uns bei der technischen Entwicklung unserer Internetseiten, die größtmögliche Barrierefreiheit im Rahmen unserer Möglichkeiten zu erreichen. Als global tätiges Unternehmen ist es zum Teil schwierig, stets die dezentrale Inhalts-Pflege nach Anforderungen der Barrierefreiheit sicherzustellen. Dennoch versuchen wir auch in der inhaltlichen Pflege des Internetangebots, die Webinhalte barrierefrei zu gestalten. Im Rahmen von Schulungen werden beispielsweise die internationalen Inhalts-Verantwortlichen für die Bedeutung des Themas für Henkel sensibilisiert und zu einer entsprechenden Aufbereitung der Inhalte angehalten. Einen Grad von Barrierefreiheit, wie er beispielsweise für öffentliche Einrichtungen gesetzlich gefordert ist, erreichen wir jedoch nicht.


Merck

Mitarbeiter in Deutschland: 10340 (Stand 31.12.2010)
Davon schwerbehindert: 315 (Stand 31.12.2010) (Anm.d.Red.: Dies entspricht eine Quote von 3,05 Prozent.)

Internetangebot: teilweise barrierefrei (nach W3C)


Munich Re (Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft)

Die Gleichbehandlung behinderter Menschen ist uns ein besonderes Anliegen. Munich Re (Rückversicherung) arbeitet am Standort München seit Jahren sehr eng mit Integrationseinrichtungen zusammen. In der Vereinbarung zur Integration von Menschen mit Behinderung verpflichtete sich das Unternehmen 2008, Behinderte bei Neueinstellungen stärker zu berücksichtigen. Ein Integrationsteam mit Repräsentanten des Arbeitgebers, des Konzernbetriebsrats und der Konzernschwerbehindertenvertretung ist dafür verantwortlich, dass die Vorgaben dauerhaft Anwendung finden. Zudem investiert ERGO (das große Erstversicherungsunternehmen der Gruppe) mit mehreren Maßnahmen in die Ausbildung und Gesundheit von Menschen mit Behinderungen. Das Service Center von ERGO in Spanien beschäftigt ausschließlich Mitarbeiter mit körperlicher Behinderung, welche die Kunden telefonisch beraten. Auch ERGO Hestia in Polen hat diese Idee übernommen und hierfür eine eigene Stiftung gegründet.
Munich Re als Gruppe beschäftigt (mit Stand 31.12.2010) in Deutschland insgesamt 24.537 Mitarbeiter, davon 732 behinderte Mitarbeiter. (Anm.d.Red.: Dies entspricht eine Quote von 2,98 Prozent.)

Munich Re richtet sich für die Prüfung der Barrierefreiheit der Corporate Website nach dem sogenannten BITV-Test. Dieser überprüft, inwieweit Informationstechnik barrierefrei umgesetzt ist, so wie in § 11 des BGG („Gleichstellungsgesetz“) geregelt.

Für Munich Re haben die Spezialisten der Pfennigparade den Test auf Barrierefreiheit durchgeführt. Nach diesem Test erreicht die Corporate Website derzeit einen durchschnittlichen Wert, der noch unterhalb des Wertes liegt ab dem ein Webauftritt als „gut zugänglich“ bezeichnet werden kann. Munich Re hat jedoch einige Maßnahmen identifiziert, die Website wird laufend optimiert werden. Eine vollständige Barrierefreiheit wird jedoch aus Gründen konkurrierender Anforderungen nicht erreicht werden. Die Corporate Website muss z.B. Anforderungen niedrigerer Browserversionen erfüllen und möchte weiterhin an bestimmten Stellen multimediale Elemente nutzen.

DAX-UNTERNEHMEN, DIE DIE AUSSAGE VERWEIGERN

19 DAX-Firmen

wollten sich – trotz mehrfacher Nachfrage – nicht dazu äußern, ob sie die Schwerbehindertenquote ernst nehmen:

adidas
Bayer
Beiersdorf
BMW
Deutsche Börse
Deutsche Post
Deutsche Lufthansa
E.ON
Fresenius
Fresenius Med Care
HeidelbergCement
Infineon Technologie
K+S
Linde
MAN
SAP
Siemens
ThyssenKrupp
Volkswagen


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Zum Themenschwerpunkt Inklusion in Unternehmen


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