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Schwerstbehinderte und das Recht auf Arbeit UND Sinn

Die UN-Konvention zur Gleichstellung Behinderter fordert eindeutig auch berufliche Inklusion. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Von Anika von Greve-Dierfeld

David absolviert in einem mittelständischen Industrie-Betrieb in Müllheim (Baden-Württemberg) ein Praktikum (Foto: Dustin Karl/dpa)

David absolviert in einem mittelständischen Industrie-Betrieb in Müllheim (Baden-Württemberg) ein Praktikum (Foto: Dustin Karl/dpa)

David ist gerade auf Achse. Gewandt saust er durch die Gänge eines mittelständischen Unternehmens bei Freiburg. Er holt Post und Unterlagen, transportiert sie zu den Büros der Mitarbeiter, hält einen kurzen Plausch.

Auf Achse ist er mit seinem elektrischen Rollstuhl. Er plauscht mit Hilfe eines Sprachcomputers. Der 17-Jährige ist seit Geburt spastisch gelähmt. Den Mund zu schließen oder den Oberkörper aufzurichten, fällt ihm nicht ganz leicht, den Kopf gerade zu halten auch nicht. Ohne Assistenz geht fast nichts.

Aber David ist schnell und sehr geschickt mit seinem E-Rolli. Er ist aufgeweckt und interessiert. Er weiß ganz genau, was von ihm erwartet wird und hat Spaß: Bei seinem ersten Praktikum. Seine in 17 Jahren erste Chance, außerhalb des privaten Umfelds unter „Normalos“ zu sein – und tatsächlich was zu arbeiten.

Eine Klasse für sich

Während sich für viele Behinderte im Zuge der Inklusion, also der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, langsam manche Tür ins Arbeitsleben öffnet, sind Menschen mit so gravierenden Handicaps wie die von David eine Klasse für sich. Nach der Schule geraten sie in eine Falle, aus der es kaum einen Ausweg gibt.

Karin Terfloth„Sie fallen durch den Rost, wenn es um gezielte berufliche Förderung und die Chance geht, irgendwann einmal eine Tätigkeit in irgendeinem sinnvollen Zusammenhang zu verrichten“, sagt Wissenschaftlerin Karin Terfloth (Foto).

Die Professorin beschäftigt sich an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg speziell mit dem Thema „arbeitsweltbezogene Bildung und Tätigkeit für Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung“. Wer ein etwas leichteres Handicap hat, profitiere inzwischen vom großen Trend „weg von der Werkstatt“.

Schwerstbehinderte aber seien „stark bedroht von Exklusionstendenzen“, wie es Terfloth ausdrückt. „Der Arbeitsmarkt und überhaupt das Feld der Arbeit ist für sie schlichtweg verschlossen.“

Paragraf 136 des Sozialgesetzbuches

Den Grund sieht sie vor allem im Paragrafen 136 des Sozialgesetzbuches, der Schwerbehinderte in „werkstattfähig“ und „werkstattunfähig“ einteilt. „Solange das so ist, haben wir ganz klar eine Diskriminierung“ sagt Terfloth. Denn die „Werkstattunfähigen“ – bundesweit sind das Schätzungen zufolge etwa 16.000 Menschen – wandern direkt in die Förder- und Betreuungsbereiche (FuB) der Behinderteneinrichtungen.

Was dort fehlt: Ein einheitlicher Standard für Organisation, Strukturen, Inhalte, Qualität. Laut einer bundesweiten Studie von Terfloth und Kollegen wird der Tag in diesen Teilen der Einrichtungen dominiert von Pflege und Ernährung. „Satt, sauber, aufbewahrt, das ist leider oft das Image von dort“, sagt Terfloth.

„Die Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen überhaupt mal erkennen, dass jeder Mensch einen Bezug zur Arbeitswelt haben muss“, fordert die Wissenschaftlerin. „Jeder.“ Denn Arbeit, so sagt sie, ist keineswegs nur rational, zielgerichtet und produktionsorientiert, sondern: „Arbeit ist sinn- und identitätsstiftend.“

Fehlende Gelder für Assistenz

Hier geht die Post ab – allerdings nur im Rahmen eines Praktikums: David (Foto: Dustin Karl/dpa)

Hier geht die Post ab – allerdings nur im Rahmen eines Praktikums: David (Foto: Dustin Karl/dpa)

Die großen Träger von Behinderteneinrichtungen sind sich des Problems inzwischen durchaus bewusst. „Sie entwickeln Konzepte und bemühen sich, die Menschen im FuB-Bereich stärker in den Blick zu nehmen“, sagt Sigrid Döhner-Wieder, beim Landesverband der Lebenshilfe zuständig für Arbeit und berufliche Bildung. „Die Situation ,satt und sauber‘ gibt es aber leider auch.“

Größtes Problem seien fehlende Gelder für Assistenz und vor allem fehlende Standards für das Personal. Vielfach arbeiten dort Heilerziehungspflegehelfer, einer der am niedrigsten qualifizierten Berufsgruppen. Menschen mit unterschiedlichstem Bedarf an Hilfe und Assistenz können sie nicht unbedingt immer gerecht werden.

David: Ein Praktikum – aber was dann?

Die Werkstätten aber haben es sich inzwischen auf die Fahnen geschrieben, durchlässiger zu werden: Nach oben hin zum allgemeinen Arbeitsmarkt und nach unten hin zum FuB-Bereich, sagt Döhner-Wieder. „Auch Menschen mit hohem Hilfebedarf können arbeiten. Tätig sein hat eine große Bedeutung.“

Ob und was David später mal arbeiten wird, ist ungewiss. Dass er überhaupt ein Praktikum bekommen hat, ist ungewöhnlich – und immer noch mit großen Berührungsängsten verbunden. Die Firma hat es zwar gewagt, ihm mit erheblichem Aufwand für vier Tage einen Arbeitsplatz einzurichten, betont aber gleichzeitig die Einmaligkeit des Projektes. Mit Namen möchte sie lieber nicht genannt werden.

(dpa)

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4 Kommentare

  • Jana

    „Vielfach arbeiten dort Heilerziehungspflegehelfer, einer der am niedrigsten qualifizierten Berufsgruppen. Menschen mit unterschiedlichstem Bedarf an Hilfe und Assistenz können sie nicht unbedingt immer gerecht werden.“

    Ich denke, ich darf mich jetzt zu Recht beleidigt fühlen…

    19. September 2013 at 01:06
  • Michael Ziegert

    Hallo Jana,
    das ist allerdings eine ziemlich arrogante Aussage.

    Wir könnten ja mal nach der Qualifikation von Anika von Greve-Dierfeld als Journalistin fragen, die sie offenbar nicht belegen muss oder will oder kann.
    Oder wir könnten fragen, wie so eine Journalistin wohl drauf ist, wenn sie so was schreibt.

    19. September 2013 at 23:52
    • Jana

      Danke!

      20. September 2013 at 00:27
  • Jasmin

    Den Kern der Aussage trifft vielleicht eher, dass der „Pflegesektor“ an sich mit zu wenig Geld auskommen muss. Oder hälst du das Gehalt für deine gute und wichtige Arbeit, Jana, für ausreichend?

    Dass die Arbeitsassistenz fehlt ist das eigentliche Manko, auf diese haben „nicht-erwerbsfähige“ Menschen wie David nämlich keinen Anspruch, auch wenn sie sie in einem Fall wie bei diesem Praktikum gebrauchen könnten. Und um einem Berufswunsch nachzugehen sie sogar dringend benötigen würden!

    23. September 2013 at 23:27

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