Sebastian Dietz: „Aufgeben ist keine Option“

Für den querschnittgelähmten Paralympics-Sieger von 2012 scheint nichts unmöglich. Von Andreas Hardt

Sebastian Dietz (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Sebastian Dietz (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Für Sebastian Dietz ist nichts unmöglich. Zumindest ist das sein Lebensmotto. „Aufgeben ist keine Option. Man muss alles versuchen“, sagt der 31-Jährige. Und Dietz muss es wissen: Denn nach einem schweren Unfall lernte er entgegen aller Prognosen wieder laufen, schaffte es als Paralympics-Sieger und Weltmeister an die Weltspitze der Para-Leichtathletik, ist erfolgreicher Fußballtrainer geworden. Zudem schulte er vom Diskuswerfer zum Kugelstoßer um – mit neuer Drehtechnik.

„Für einen Tetraplegiker mit Gleichgewichtsstörungen ist das nicht leicht“, erklärt Dietz, „aber es hat sich gelohnt.“ Mit Trainer Alexander Holstein erarbeitete er sich mühevoll die Drehstoßtechnik. Holstein erinnert sich: „Ende 2014 haben wir uns entschieden, auf Drehtechnik umzustellen. Die Leute haben uns zunächst für bekloppt erklärt. Aber es geht doch.“

Tetraplegie setzt sich aus den griechischen Wörtern für „vier“ und „Schlag, Lähmung“ zusammen. Sie ist eine Form der Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmaßen, also sowohl Beine als auch Arme, betroffen sind. Im Gegensatz dazu sind bei Paraplegikern nur zwei Gliedmaßen wie die Beine beeinträchtigt. Weitere Informationen dazu auf ROLLINGPLANET: Samuel Koch, Para, Tetra, Sex: Was ist Querschnittlähmung?

In Rio kann Dietz seinen Titel nicht verteidigen

Bei den Europameisterschaften ab Freitag in Grosseto/Italien startet Dietz als Favorit im Kugelstoßen. „Mein Fokus für das Jahr liegt aber klar auf den Paralympischen Spielen in Rio“, sagt der gebürtige Wormser: „Die EM ist ein wichtiger Schritt dahin. Es ist von großer Bedeutung, Wettkampfpraxis zu sammeln. Ich würde sagen, derzeit habe ich 70 Prozent meiner angestrebten Rio-Form.“

Wie sich Gold bei den Paralympischen Spielen anfühlt, konnte er schon 2012 in London erleben – „traumhaft“ war es, vor 80.000 Zuschauern im Olympiastadion. Damals siegte Dietz als Weltrekordler im Diskuswurf. Verteidigen aber kann er seinen Titel in Brasilien nicht. Denn der Diskuswurf für seine Startklasse wurde nach London aus dem Programm gestrichen: „Das hat mich ziemlich genervt.“

Schockreaktion à la Dietz

An Aufgabe dachte der inkomplette Tetraplegiker nie, der seit einem Verkehrsunfall 2004 unter anderem von Lähmungen links, Muskelschwund rechts und Spastiken betroffen ist. Also konzentrierte sich auf das Kugelstoßen, das für Rio in der Klasse F36 (Ganzkörperlähmung mit Spastik an allen vier Extremitäten) neu ins Programm aufgenommen wurde.

Ende Oktober 2015 gewann Dietz in Doha mit der neuen Technik mit 14,87 Metern WM-Gold. Am 18. Mai überbot er die Rio-Norm mit 14,72 Metern um mehr als einen Meter und führt die Weltrangliste an.

Wie im Sport kämpfte sich Dietz auch nach seinem schweren Unfall als 19-Jähriger ins Leben zurück. Zunächst hatten ihm die Ärzte eine Lähmung von der Halswirbelsäule abwärts vorausgesagt. Inakzeptabel, befand Dietz nach dem ersten Schock. Er kämpfte, lernte tatsächlich wieder gehen.

Leidenschaft für Fußball

Jetzt ist er Profi, trainiert sechsmal in der Woche und kann vom Sport leben. Neben der Unterstützung durch den Verband und der Sporthilfe hat Dietz auch Sponsoren. Er hält Vorträge und nahm im Mai sogar im Wettkampf mit Nichtbehinderten an einer Fernsehshow teil.

Nur den geliebten Fußball kann Dietz aktiv nicht mehr ausüben. Doch der einst talentierte Torwart kann nicht davon lassen. Seit Jahren trainiert er die Landesliga-Fußballerinnen des SC Enger. „Ich kenne mich mit Trainingsmethodik gut aus, die Mädels akzeptieren das vollkommen.“ Behinderung? Spielt keine Rolle. Für Dietz ist nichts unmöglich.

(dpa)

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