Sehbehinderter gilt als erwerbsunfähig, wenn er seinen Arbeitsplatz nicht sicher & schnell erreichen kann

Landessozialgericht Baden-Württemberg entscheidet zugunsten eines Menschen mit Behinderung und erlaubt Erwerbsminderungsrente.

Der Arbeitsplatz gilt als unerreichbar, wenn man eine 500 Meter lange Strecke zu Fuß nicht in 20 Minuten zurücklegen kann. (Foto: Bernd Kasper/pixelio.de)

Der Arbeitsplatz gilt als unerreichbar, wenn man eine 500 Meter lange Strecke zu Fuß nicht in 20 Minuten zurücklegen kann. (Foto: Bernd Kasper/pixelio.de)

Um erwerbsfähig zu sein, muss man seine Arbeitsstelle sicher erreichen können. Ist der Betroffene aufgrund einer starken Sehbehinderung dazu nicht in der Lage, steht ihm eine Erwerbsminderungsrente zu. Dies ergibt sich aus einer Entscheidung des Landessozialgerichts Baden-Württemberg (Az.: L 13 R 2903/14). Das ist etwa dann der Fall, wenn man aufgrund der Sehbehinderung 500 Meter zu Fuß nicht in 20 Minuten zurücklegen kann, erläutert die Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV).

Der Fall

Ein Mann konnte aufgrund einer starken Sehstörung weder selbst Auto fahren, gefahrlos öffentliche Verkehrsmittel nutzen oder mittlere Strecken zu Fuß zurücklegen. Er hatte als Heimerzieher gearbeitet, als sich der Sehnervenkopf an beiden Augen entzündete. Dies führte zu einer dauerhaften Sehstörung mit deutlich eingeschränktem Gesichtsfeld. Zuvor war er wegen einer Depression dauerhaft arbeitsunfähig. Wegen der Sehbehinderung beantragte er Erwerbsminderungsrente. Die Deutsche Rentenversicherung lehnte den Antrag ab.

Das Urteil

Das Landessozialgericht sprach dem Versicherten die Rente wegen voller Erwerbsminderung zu. Zur Erwerbsfähigkeit gehöre auch die Fähigkeit, eine Arbeitsstelle aufzusuchen. Dies sei dem Mann nicht ohne besondere Gefahr möglich. Grundlage für die Entscheidung war ein Gutachten. Darin kam der Sachverständige zu dem Ergebnis, dass wegen der Augenerkrankung mit dem ausgeprägten Gesichtsfeldausfall eine deutlich erhöhte Gefährdung im Straßenverkehr sowie bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel eingetreten war. Ohne Begleitperson könne der Mann keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und wegen der starken Sehbehinderung eine Wegstrecke von 500 Metern nicht in der üblicherweise veranschlagten Zeit von 20 Minuten sicher zurücklegen.

(RP/dpa/tmn)

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2 Kommentare

  • Karina Wuttke

    Ich gönne es dem Mann vom ganzen Herzen. Ich bin aber selbst von Geburt an blind und kenne viele spät erblindet und Sehbehinderte Menschen die mit einem blinden Langstock oder einem Blindenführhund ihren Weg zur Arbeit seitigen das verstehe ich nicht so ganz

    4. Mai 2016 at 23:08
  • André Rabe

    Man hat hier den Eindruck, das eine Rehabilitation gar nicht zur Debatte gestanden ist. Wer hat den Mann nur beraten. Es gibt, so er denn wirklich nicht selbständig zum Arbeitsplatz kommt, auch die Möglichkeit eine Taxibeförderung finanziert zu bekommen. Aber all das scheint hier überhaupt nicht in Erwägung gezogen worden. Was für ein Signal sendet dieses Urteil?

    6. Mai 2016 at 08:23

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