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Sehnsucht nach „Nimmerland“, Sehnsucht nach Gemeinsamkeit

Die Schauspieler der Theatergruppe „Dunkel Munkel“ sind blind und teils mehrfach behindert. Doch nicht das körperliche Handicap ist die größte Hürde in ihrem Leben. Von Roland Böhm

Hauptdarsteller Remy Dreiß  (l.) ist mehrfach behindert (Foto:  Oper Stuttgart)

Hauptdarsteller Remy Dreiß (l.) ist mehrfach behindert (Foto: Oper Stuttgart)

Remy Dreiß ist gerade mal 18. Leicht gebückt sitzt er auf der Bühne. Er singt solo und ohne Unterstützung von Instrumenten. Im voll besetzten Stuttgarter Kammertheater. Er ist einer der beiden Hauptdarsteller des surrealen Musiktheaterprojekts „Nimmerland“ der Jungen Oper. Remy Dreiß ist behindert. Seit der Geburt. Er sieht nur dann richtig, wenn er geradeaus schaut. Und auch beim Gehen ist er stark beeinträchtigt, wie er es nennt. Das Wort „behindert“ mag er nämlich gar nicht.

Auf der Bühne finde Dreiß die Gemeinschaft, die er sucht. Die er liebt. „Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt er. Seit 2006 spielt der junge Mann in der Theatergruppe „Dunkel Munkel“ der zur Nikolauspflege Stuttgart gehörenden Betty-Hirsch-Schule. Sieben sehende junge Menschen, die bereits in Produktionen der Jungen Oper wie „Momo“ auftraten, und zehn sehbehinderte Schüler wirken an diesem Abend an der Uraufführung von „Nimmerland“ mit.

Sie haben das Stück auch erfunden, geschrieben, komponiert und gestaltet. „Wir haben nicht nur Texte auswendig gelernt“, berichtet Remy Dreiß stolz. Als Lohn gibt es nach 75 Minuten viel Applaus.

Die Probleme heißen Mobbing, Streit und Einsamkeit

„Nimmerland“ ist ein Ort der Sehnsucht und Anarchie (Foto: Oper Stuttgart)

„Nimmerland“ ist ein Ort der Sehnsucht und Anarchie (Foto: Oper Stuttgart)

Die gefühlvollen Lieder von Remy und die wunderbaren Geschichten von Moderatorin Julia im „Radio Nimmerland“ lassen die Zuhörer von der sagenumwobenen Insel träumen: einen Vater, dem der Alltag über den Kopf wächst, eine alleinerziehende Lastwagenfahrerin, die keine Zeit für Gutenachtgeschichten hat, einen Junge, der zum Arzt muss, weil er Elfen sieht. Nimmerland, die Heimat von James M. Barries „Peter Pan“, ist ein Ort der Sehnsucht und Anarchie. Er wird von den Jugendlichen interpretiert, verfremdet und weitergesponnen.

Gesucht wird ein Ort, an dem sie ihrer bedrohlichen Realität entkommen können, sei es aus Einsamkeit, wegen Mobbings oder Streits. „Wir sehnen uns nach einem Nimmerland, weil es oft so schwierig ist, mit anderen Menschen klarzukommen“, sagt Regisseurin Barbara Tacchini. Und es bleibt die Erkenntnis: „Für die Jugendlichen ist nicht die Behinderung die größte Hürde im Leben, sondern Mobbing, Streit und Einsamkeit.“

Unterstützung von Klangkünstlern

Das Inklusionsprojekt „Nimmerland“ ist nicht nur von Behinderten und Nichtbehinderten, es ist auch für sehende und blinden Zuschauer gleichermaßen spannend. Vor allem akustisch hat das Stück einiges zu bieten, mit Kompositionen für Metall-, Holz- , Glas-, und Wasserinstrumente. Da tropft Wasser in Blecheimer, wird mit Ketten gerasselt. Rohre und Schläuche werden zu Instrumenten für einen Sturm, durch Glasspiele, Klangplättchen und Geigenbögen entstehen einzigartige Töne und Geräusche. Unterstützt wurden die Jugendlichen von Klangkünstler Jochen Fassbender und Regisseurin Barbara Tacchini.

Auch Stuttgarts Opernintendant Jossi Wieler ist am Ende ganz angetan. „Wichtig“ seien solche Projekte, sagt er, „für die Theaterwelt aber auch für unsere ganze Gesellschaft“. Behinderungen seien „ein Teil unserer Welt“. Sich damit zu befassen, notwendig. „Absolut!“, sagt Wieler. Hauptdarsteller Dreiß hat derweil einen neuen Traum: Nach der Uraufführung von „Nimmerland“ hat er bei der Jungen Oper nach einem Job gefragt. „Wenn das klappt, springe ich in die Luft.“

Noch zwei Aufführungen


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Foto: Oper Stuttgart
Nach der gestrigen Premiere finden noch zwei weitere Aufführungen im Kammertheater Stuttgart neben der Staatsgalerie statt:

Freitag, 14. März 18 Uhr
Samstag, 15. März 15 Uhr

Karten unter: 0711/20 20 90
Eintritt: Erwachsene 12 €, Jugendliche 7€
Veranstalter: „Junge Oper Stuttgart“
Weitere Infos: http://www.oper-stuttgart.de/spielplan/nimmerland

(RP/dpa)

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