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Senk ju vor träwelling

Kaum ein Unternehmen behandelt seine behinderten Kunden so rüde und gedankenlos wie die Deutsche Bahn – vermutlich auch deshalb, weil sich kaum einer dagegen wehrt, findet ROLLINGPLANET-Autor Johann Löwe.

Wer den Zug wählt, kann in unserem Fall nie sicher sein, ob er tatsächlich je dort ankommt, wo er hinwill. Oder, ob er nicht von Menschen beschimpft wird, die sich in ihrer Uniform sehr wichtig und omnipotent fühlen.

Noch in den achtziger Jahren wurden Rollstuhlfahrer ins Gepäckabteil verfrachtet, wo sie neben Paketen und Fahrrädern ihrem Ziel entgegenrüttelten. Ein Jahrzehnt dauerte es, bis der damalige Staatskonzern Pro­tes­te gegen diese Praxis erhörte und fand, dass Behinderte auch neben den üblichen Passagieren sitzen dürfen.

Vier Jahre lang bin ich aus beruflichen Gründen fast jeden Monat für 500 Euro Zug gefahren. Hier einige meiner Erlebnisse:

Ein Zugschaffner hindert Gäste daran, mich in den Zug zu tragen, weil ich ihn nicht um Genehmigung gefragt habe. Als die Passanten es dennoch gegen seinen Widerstand geschafft haben, will er mich wieder hinaustragen lassen und lässt von seinem Vorhaben erst ab, als das ganze Abteil aufschreit (München).

Ein anderes Mal weigert sich der DB-Vertreter, mich mitzunehmen, ob­wohl Mit­arbeiter des Roten Kreuzes daneben stehen, um mich in den Zug zu laden. Begründung: Der IC ist verspätet (Heidelberg).

In der Nacht werde ich trotz Vor­anmeldung vergessen und lande zwei Orte weiter an einem Bahnhof, hoch oben durch Treppen vom Eingang getrennt; kein Personal in Sicht, eine Stunde später befreit mich die Polizei (Sinsheim).

Obwohl mein Abteil fast menschenleer ist, zwingt ein Unformierter eine ältere Dame, ihre schweren Koffer, die sie verbotenerweise neben meinem Behindertenplatz abgestellt hat, durch den halben Zug zu schleppen. Da hilft es nichts, dass mich ihr Gepäck nicht stört (Mannheim).

Ein anderer Uniformierter weigert sich, die Behindertentoilette aufzusperren (nach Hamburg: „Nein, das Klo ist nicht kaputt. Aber es ist für die Schaffner reserviert“).

Während in den Interregio-Zügen auch ein Rollstuhlfahrer den Speise­wagen erreichen kann, weil direkt neben seinem Abteil angeordnet, ist bei den ICEs das Restaurant zwei Wagen weiter untergebracht – in 90 Prozent aller Fälle wegen der schmalen Gänge für einen Rollstuhl nicht erreichbar. Ein grundsätzliches Umrangieren der Wagen würde dies schnell ändern.

Die größte Unverschämtheit: In­zwischen müssen sich Behinderte mindestens 24 Stunden vor ihrem Abreisetermin bei der Bahn anmelden. Spontane Reisen sind damit ausgeschlossen. Für einen Journalisten ist das eine Art Berufsverbot.

Vor vier Wochen habe ich mir ein Au­to gekauft. Senk ju vor träwelling.

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