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Sensationelles Hessenderby für die Geschichtsbücher

Die Rollstuhlbasketball-Bundesliga erlebte eines der verrücktesten Spiele der vergangenen zehn Jahre: RSV Lahn-Dill siegt 72:65 nach 7:31-Rückstand. Aufsteiger Roller Bulls St. Vith ist bereits wieder abgestiegen.

Am Schluss waren der RSV Lahn-Dill und Joe Bestwick (#4) doch noch obenauf. Björn Lohmann (#8) und Michael Paye (#5) beobachten die Szene nach einer Karambolage mit Benjamin Lenatz (rechts). (Foto: Armin Diekmann):

Das 32. Hessenderby zwischen dem RSV Lahn-Dill und den Mainhatten Skywheelers dürfte in die Geschichtsbücher der Rollstuhlbasketball-Bundesliga (RBBL) eingehen. Fünfzehn Minuten lang wurde der Gastgeber von den Skywheelers vorgeführt, ehe Kapitän Michael Paye & Co. ein schon längst verloren geglaubtes Spiel mit Herz und Kampfgeist noch einmal drehten.

Rund 1.050 Zuschauer rieben sich verwundert die Augen ob der Szenen, die sich in den ersten Minuten auf dem Parkett der Wetzlarer August-Bebel-Sporthalle abspielten. Nach dem 4:7 (4.) läutete ein Dreier von Sebastian Wolk („Der Spaßtiker“) eine Phase ein, die es wohl in den letzten zehn Jahren ob national oder international in dieser Form in der Spielstätte der Wetzlarer Rollis nicht mehr gegeben hatte. Frankfurt spielte Katz und Maus gegen einen mit zunehmender Spielzeit immer konfuser wirkenden RSV. Über 6:21 (11.) gerieten die Hausherren in einen 7:31-Rückstand (15.), der die Weichen bereits in Richtung einer klaren Heimniederlage stellte, ehe das Spiel für die Mannschaft von Trainer Nicolai Zeltinger richtig begonnen hatte.

Wie ein angeschlagener Boxer

Begeisternde Fankulisse: Mehr als 1000 Zuschauer sahen das Hessenderby (Foto: Armin Deckmann)

Doch was nach der zweiten Auszeit Mitte des zweiten Viertels folgte, war ein Kraftakt par excellence des nun wie ein angeschlagener Boxer sich dem drohenden Debakel entgegen stemmenden RSV Lahn-Dill. „Das war auch für mich eines der physisch anstrengendsten Spiele meiner Laufbahn“, gab RSV-Headcoach nach der Partie sichtlich gezeichnet und offen zu. Kapitän Paye war es, der mit einem so genannten Drei-Punkte-Spiel zum 10:31 (15.) seine Mannschaft zunächst wachrüttelte, ehe er und sein britischer Teamkollege Joe Bestwick wenig später für das 18:33 (18.) sorgten. Und als dann der US-Amerikaner selbst quasi mit der Halbzeitsirene einen „Dreier“ zum 24:35 in die Skywheelers-Reuse schweben ließ, „leckten nicht nur die Fans auf der Tribüne wieder Blut“, wie ein Vereinssprecher des RSV Lahn-Dill sagte (und ROLLINGPLANET hofft, dass die Zuschauer das nicht wirklich machen mussten.)

Nach dem Seitenwechsel ließen die Hausherren nun nicht mehr locker, verkürzten schnell auf 36:38 (24.) durch Nationalspieler Jan Haller aus der Mitteldistanz, ehe in einer nun äußerst emotionalen und verbissenen Begegnung zweier befreundeter Teams Routinier Dirk Köhler sein Team erneut mit der Sirene zum Ende des dritten Viertels mit 50:49 in Front brachte. Insgesamt hagelte es in diesem typischen Derby 36 Fouls, davon drei Unsportliche sowie zwei Technische Fouls.

„Werbung für unseren Sport“

Die Frankfurter Johannes Hengst (hinten) und Lars Lehmann (vorne) nehmen Joe Bestwick in die Zange (Foto: Armin Diekmann)

Bis auf 64:53 (35.) zogen die Mittelhessen im Schlussabschnitt nun davon und ließen damit die ersten fünfzehn rabenschwarzen Minuten vergessen. Doch wer dachte, dass die Frankfurter ob des aus der Hand gegebenen Spiels bereits die Köpfe hängen lassen, war spätestens nach dem zweiten Dreier von Nationalmannschaftskapitän Wolk zum 70:63 (40.) und zwei folgenden Freiwürfen von Sebastian Magenheim zum 70:65 eines Besseren belehrt. Doch nach dieser eindrucksvollen Aufholjagd ließ sich der neunfache Deutsche Meister die Partie nicht mehr aus der Hand nehmen.

„24 Punkte Vorsprung bedeuten gegen einen RSV Lahn-Dill anscheinend gar nichts. Ich finde es aber auch beeindruckend, wie zwei Mannschaften aus der Nachbarschaft sich auf dem Spielfeld derart bekämpfen und gleichzeitig nach Spielende so fantastisch miteinander umgehen. Dies war in allen Belangen Werbung für unseren Sport“, war am Ende auch Frankfurts Teammanager Pierre Fontaine von den vierzig Spielminuten in der August-Bebel-Sporthalle angetan. RSV-Trainer Zeltinger ergänzte: „Wir haben 15 Minuten ohne Herz gespielt, es dann aber noch rechtzeitig gefunden. Einen solchen Rückstand kann man jedoch nur aufholen, wenn man wie wir vom eigenen Publikum in solcher ein Art getragen werden, wie dies heute der Fall war“.

Mit diesem Erfolg hat sich der RSV Lahn-Dill drei Spieltagen vor Ende der Hauptrunde endgültig sein Playoff-Ticket gesichert, während mit Aufsteiger Roller Bulls St. Vith auch der erste Absteiger feststeht. Das Team aus den belgischen Ardennen ist nach der deutlichen 39:73-Niederlage bei den Köln 99ers auch rechnerisch nicht mehr vor dem Gang in Liga zwei zu retten.

Lahn-Dill: Michael Paye (22/1 Dreier), Joe Bestwick (21), Dirk Köhler (16), Jan Haller (11), Björn Lohmann (2), Thomas Böhme, Annabel Breuer, Thomas Gundert, Christopher Huber, Felix Schell, Marco Zwerger (n.e.).

Frankfurt: Sebastian Magenheim (18), Sebastian Wolk (17/2), Lars Lehmann (14), Benjamin Lenatz (12), Anne Brießmann (2), Johannes Hengst (2), Maria Kühn (n.e.), Jan-Niklas Neuroth (n.e.).

(aj)

Der 15. Spieltag im Überblick

Spiele
Goldmann Dolphins Trier – Jena Caputs: 87:50
RSV Lahn-Dill – Mainhatten Skywheelers: 72:65
Hamburger SV – RSC Rollis Zwickau: 58:70
Köln 99ers – Roller Bulls: 73:39
RSB Team Thüringen – USC München: 79:27

Tabelle
1. RSB Team Thüringen: 1157:761 – 26:4
2. RSC Rollis Zwickau: 1105:795 – 26:4
3. RSV Lahn-Dill: 1092:797 – 24:6
4. Mainhatten Skywheelers: 989:908 – 18:12
5. Goldmann Dolphins Trier: 1136:983 – 18:12
6. Köln 99ers: 922:1044 – 12:18
7. USC München: 751:977 – 10:20
8. Hamburger SV: 827:1058 – 8:22
9. Jena Caputs: 712:1081 – 6:24
10. Roller Bulls: 695:984 – 2:28

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