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Sexualassistenz für Behinderte in den Niederlanden: Wie geil ist das wirklich?

Zuschuss für Streicheleinheiten – unser Nachbar gilt neben Dänemark in der Behindertenpolitik als besonders fortschrittlich. Zu Recht? Von Lothar Epe

Immer noch die große Ausnahme: Bordellbesuch eines geistig Behinderten in Hamburg (Foto: dpa)

Immer noch die große Ausnahme: Bordellbesuch eines geistig Behinderten in Hamburg (Foto: dpa)

Auch (oder gerade?) für Frauen und Männer mit Handicap gilt oft die Frage: Wie Sex bekommen, wenn niemand freiwillig und aus Liebe in Deinem Bett liegt? Weil Du den allgemeinen Schönheitsidealen nicht entsprichst? Der Bundestagsabgeordnete Ilja Seifert (Die Linke), Rollstuhlfahrer und Vorsitzender des Berliner Behindertenverbandes (BBV), weiß eine Notlösung.

In einem Interview sagte er kürzlich: Menschen mit Behinderung „haben nicht nur die gleiche Lust, sie haben auch das gleiche Recht, diese Lust auszuleben und man muss die Möglichkeiten schaffen, dass das auch funktioniert. Da könnten Prostituierte ein Weg sein, muss aber nicht, es geht auch anders, selbstverständlich. Aber ich muss erst mal überhaupt daran denken, dass es normal ist, diese sexuellen Bedürfnisse zu haben.“

Mitfühlen statt Mitleiden

Die Rede ist von richtigem Sex und Fühlen – nicht von Mitleid. So wie es die Niederländerin Nina de Vries (siehe auch Video ganz unten), die seit den 1990er Jahren in Berlin als Sexualassistentin für Behinderte tätig ist und als Pionierin auf diesem Gebiet gilt, sagte:

„Mitleid ist auch etwas Anerzogenes, gerade vor dem christlichen Hintergrund. In meiner Kindheit hießen Menschen mit Behinderung auch noch ,die Unglücklichen‘. Bei meiner Arbeit geht es mehr um Mit-fühlen als um Mit-leiden. Bei Mit-leiden setze ich voraus, dass der andere leidet, und das kann ich gar nicht wissen letztendlich.“

Eine Streicheleinheit ist relativ teuer – und für viele nicht erschwinglich. Deshalb wird in Deutschland oft gerne auf den Nachbarn verwiesen: Die Niederlande ist das einzige europäische Land, in dem Sexualassistenz für Menschen mit Behinderung bezuschusst wird.

Doch (aus Männersicht:) als Behinderter sich mal eben Sexualassistenz subventionieren lassen und dann rein mit der Nudel in die Trudl? So einfach geht das selbst im Tulpenland nicht. Auch hier haben die Götter vor die Erregung den Schweiß gesetzt. Und auf dem Weg zum Höhepunkt kommt ein/e Behinderte/r in mehrfacher Hinsicht mächtig ins Schwitzen.

Sexualassistenz als fortschrittliche Maßnahme

Entgegen Gerüchten profitieren in Wirklichkeit nur die wenigsten Betroffenen in den Niederlanden vom Zuschussmodell – das keineswegs flächendeckend ist.

Aktuelle Zahlen liegen lange zurück. Laut Pro Familia gab es 2004 in den Niederlanden 38 Gemeinden, in denen Sexualassistenz für Behinderte überhaupt bezuschusst wird. Selbst wenn inzwischen einige weitere Gemeinden hinzu gekommen sein mögen: Antragsteller müssen hohe Hürden überwinden, wenn sie in den Genuss eines staatlich unterstützten Grundbedürfnisses kommen wollen. Wer will, muss seine Bedürftigkeit sowohl in körperlicher als auch in finanzieller Hinsicht nachweisen.

Vor dem Geschlechtsakt ein Akt der Bürokratie

Eine wichtige Voraussetzung ist, dass die/der Behinderte nicht dazu in der Lage sein darf, selbst „Hand anzulegen“ – dieser bürokratische Akt kann für einige bereits so entwürdigend sein, dass sie/er darauf lieber verzichtet.

Außerdem muss sie/er in finanzieller Hinsicht „bedürftig“ sein. Wenn die oder der Betroffene finanziell nur einigermaßen über die Runden kommt, kann sie/er sich den Antrag sparen. Und wie geldtechnisch hilfsbedürftige Behinderte den Restbetrag, der nach einem Zuschuss noch offen ist, bezahlen sollen, ohne finanziell nicht gleich wieder als Nichthilfsbedürftig dazustehen, ist nicht definiert.

Durchschnittlich kosten in den Niederlanden Sexualassistenz etwa 80 Euro pro Stunde. Die Zuschüsse aus der Stadtkasse können nur sehr schwer beziffert werden, weil sie von Fall zu Fall von der Gemeinde unterschiedlich entschieden werden und keine Statistiken vorhanden sind.

Nicht immer gibt es Sex

Richtig freie Auswahl haben Betroffene übrigens nicht: Finanziert werden nur Sexualassistenten, die in einer der drei Dienstleistungsorganisationen (SAR: Stichting Alternatieve Relatiebe middeling), PIC (Prostitutie Informatie Centrum) oder SEB (Sociaal Erotische Bemiddeling) organisiert sind.

Viele dieser Sexualassistenten bieten keinen Geschlechtsverkehr oder Oralsex an, sondern belassen es bei Berührungen und Massagen. Sinnlichkeit statt Sex mag ein weiser Weg sein. Und als Behinderte/r wird man nichts dagegen haben, wenn die oder der Sexualpartner/in eine psychologische Ausbildung hat – auf der Matratze könnte dann manch eine/r allerdings auch Wert auf andere Kriterien legen.

Zudem haben sich in den Niederlanden Initiativen für Frauen und Männer mit geistiger Behinderung nicht gehalten.

Nicht überall, wo Inklusion drauf steht, ist Inklusion drin

In der Praxis bedeutet das: Die Katze beißt sich in den buchstäblichen Schwanz statt sonst was mit ihm zu machen. Die Gemeinden können sich mit stolz geschwellter Brust als besonders inklusionsfähig verkaufen, ohne (von wenigen Ausnahmen abgesehen, die nicht schmerzen) in die Stadtkasse greifen zu müssen.

So verführerisch der Ansatz ist: Auch in den Niederlanden wird inklusionstechnisch nur mit Wasser gekocht und eher verhütet statt sich hemmungslos hinzugeben.

(Der Autor lebt in den Niederlanden)

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4 Kommentare

  • Willi Schroeder

    SEX auf Kosten der Allgemeinheit … NICHT geil …

    14. April 2013 at 17:51
    • tobias üäö

      und du kein verständnis für andere und deren wünsche und bedürfnisse wenn die welt nur aus leute wie dir besteht würde die menscheit verhungern

      25. April 2016 at 14:56
    • Sera

      Wem es zu weit her ist sich in andere hinein zu versetzen, der sollte sich selbst einmal fragen:
      Was würde ich für eine Behandlung erwarten, wenn ich morgen einen Unfall hätte und für den Rest meines Lebens auf Unterstützung angewiesen wäre?
      selbst wenn es einem „Gut“ geht und man „nur“ körperlich eingeschränkt oder entstellt ist. Man würde sicherlich schnell merken wie schlimm man diskriminiert wird und wäre froh und dankbar für ein geschütztes und lebenswertes Umfeld. Außerdem geht es ja darum den Menschen mit Behinderung ein möglichst „normales“ Leben zu ermöglichen damit sie in Zukunft weniger Hilfe benötigen. Sexualentwicklung gehört meiner Meinung nach auch dazu.

      1. Dezember 2016 at 16:29
  • David

    Herr Schröder,

    Ihre Aussage ist zu kurz gefasst und gedacht, der besagte Personenkreis kann nicht einmal selber masturbieren, daher ist aus meiner Sicht die Sexualassistenz durchaus gerechtfertigt, da hier eben ein Assistenzbedarf besteht!

    Genauso wie beispielweise bei einem Toilettengang oder der Nahrungsaufnahme, warum sollte der verhandene Assistenzbedarf nun bei der Sexualität aufhören?

    14. April 2015 at 19:52

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