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Shanghai, die Automesse und die Vogelgrippe

Am Wochenende startet die internationale Automesse in der 23-Millionen-Metropole. Wie sehr müssen sich Besucher und Touristen fürchten? Von Andreas Landwehr

Die Hafenstadt Shanghai ist die bedeutendste Industriestadt der Volksrepublik China (Foto: Ralf Hanke/pixelio.de

Die Hafenstadt Shanghai ist die bedeutendste Industriestadt der Volksrepublik China (Foto: Ralf Hanke/pixelio.de)

Die Angst vor der Vogelgrippe hat Geflügel vom Speiseplan verbannt. Auf dem Fleisch- und Gemüsemarkt an der Guangyuan Straße in Shanghai gibt es weder Hühner noch Enten zu kaufen. „Na klar, wegen der Vogelgrippe will niemand mehr Hühnchen kaufen“, sagt der Händler, der seinen Laden dicht gemacht hat. „Alle fürchten sich.“ Ob er viel Umsatz verliert? „Was soll ich machen?“, antwortet er. „Nach einer Weile wird es schon wieder gehen.“

Shanghai ist Zentrum des Ausbruchs

Die 23-Millionen-Metropole Shanghai und die umliegende Region ist das Zentrum des Ausbruchs der Vogelgrippe in China. Seit Ende März ist das bis dahin kaum bekannte Virus H7N9 erst in Shanghai und dann in den Nachbarprovinzen Zhejiang, Anhui und Jiangsu entdeckt worden.

Seit einer Woche sind die ersten Fälle auch in Peking bekanntgeworden. Die Furcht vor einer Epidemie geht um. Eine Reisewarnung seitens des deutschen Auswärtigen Amts gibt es derzeit jedoch nicht.

Ausgerechnet in der Vogelgrippe-Krise kommen die Vertreter der Automobilindustrie aus aller Welt zur Shanghaier Automesse, die am Samstag eröffnet und zehn Tage dauert. Einige hunderttausend Besucher werden erwartet.

Messe Hostessen auf der Shanghai Auto Show (Archivfoto)

Messe Hostessen auf der Shanghai Auto Show (Archivfoto)

Jeder Schnupfen erscheint da verdächtig – wie etwa bei dem Vertreter eines großen deutschen Zulieferers, den „nur eine Erkältung“ erwischt habe, wie er versichert. „Keine Sorge, ich habe keine Vogelgrippe“, schüttelt er die Hände irritierter Besucher zur Begrüßung – und schnieft in sein Taschentuch.

Zwischen Gelassenheit und Angst

Doch im Auge des Sturms in Shanghai geben sich die Menschen erstaunlich gelassen. Das Leben geht seinen normalen Gang. Kaum jemand läuft in überfüllten U-Bahnen mit einer Gesichtsmaske herum, obwohl sie in China gern als Schutz gegen Grippeinfektionen getragen wird. „Es sind doch nur ein paar Dutzend Fälle“, sagt der Monteur einer Autowerkstatt. „Auf mehr als 20 Millionen Shanghaier ist das nichts.“ Nein, er habe keine Angst.

„Solange es nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, ist es halb so schlimm“, wiegelt der Monteur weiter ab. „Es wird doch nur von Vögeln, Hühnern und Enten übertragen.“ Ob er denn selber noch Huhn esse? „Nein, auf keinen Fall“, wird er plötzlich hektisch.

„Passen sie auf. Essen Sie bloß kein Geflügel“, warnt er. „Man weiß nie. Wenn man sich einmal angesteckt hat, ist es zu spät.“ Seine Reaktion ist typisch für eine widersprüchliche Mischung aus Gelassenheit und Furcht, die Besuchern in Shanghai begegnet.

Geflügelmarkt in China (Foto: dpa)

Geflügelmarkt in Nanjing (Foto: dpa)

Erste Reisebuchungen wurden abgesagt

So mancher chinesischer Tourist überlegt sich, ob er in diesen Tagen noch nach Shanghai reist. Eine Reisewarnung gibt es nicht, aber Zeitungen berichten, dass Touren ins Jangtse-Delta derzeit nicht sonderlich gefragt seien.

Erste Buchungen seien abgesagt worden, heißt es aus Reisebüros. Doch versichern Tourismusbehörden, der Besucherverkehr sei nicht beeinträchtigt.

Für Verunsicherung sorgen Nachrichten, dass 40 Prozent der Patienten nicht einmal mit Geflügel in Kontakt gekommen seien. Ein Junge hatte das Virus auch, ohne Symptome zu zeigen. Auffällig ist ferner die hohe Todesrate. Bisher sind fast ein Viertel der registrierten Infizierten gestorben.

Auf der Jagd nach dem Virus

Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wollten am Freitag damit beginnen, dem Virus und den Übertragungswegen auf die Spur zu kommen – gemeinsam mit chinesischen Wissenschaftlern (ROLLINGPLANET berichtet hier über die Ergebnisse: Neue Vogelgrippe: Ist sie doch viel gefährlicher als gedacht?).

Solange sich das rätselhafte Virus weiter verbreitet, kommt den Shanghaiern wohl kein Huhn mehr auf den Tisch. Aber wer etwas länger sucht, findet auf dem Markt an der Guangyuan Straße doch noch Hühnerfleisch. „Hier habe ich Flügel, wenn sie unbedingt wollen“, sagt eine Verkäuferin und holt auf Nachfrage eine gefüllte Plastikschale aus der Kühltruhe hervor.

In scharfer, roter Marinade aufgereiht liegen darin Hühnerflügel. „Wollen sie?“, fragt sie mit dem herzlichen Lachen einer Marktfrau, die sich nicht so leicht erschrecken lässt. „Einige Leute haben Angst, aber wir fürchten uns nicht.“

(dpa)

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