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Sieht cool und nicht behindert aus: App macht iPhone zum Hörgerät

„BioAid“ verspricht präzise Feineinstellungen und soll schwerhörigen Nutzern – auch und gerade der jungen Generation – helfen.

Nick Clark, einer der App-Entwickler, demonstriert die Innovation der schwerhörigen Wendy-Lecluyse (Foto: University of Essex)

Nick Clark, einer der App-Entwickler, demonstriert die Innovation der schwerhörigen Wendy Lecluyse (Foto: University of Essex)

Die Zahl der Hörgeräte in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Während 2002 noch rund 562.000 Hörgeräte verkauft wurden, waren es im vergangenen Jahr bereits knapp 907.000 (ein Plus von 61 Prozent). Vermutlich wären es noch sehr viel mehr – wenn sich viele schwerhörige Menschen durch so ein Ding nicht stigmatisiert fühlten. Das Gefühl könnte sich mit „BioAid“ möglicherweise ändern, einer, wie die Entwickler sagen, „revolutionären Hörhilfe“.

Nach Einschätzung der Hörgeräteakustiker haben rund 14 Millionen Menschen in Deutschland Hörprobleme. Nur etwa 2,5 Millionen trügen aber Hörgeräte. In der Gruppe der über 65-Jährigen ist schon jeder Zweite schwerhörig.Vor allem zwischen 40 und 50 Jahren nimmt das Hörvermögen ab.

Zwei Hauptformen der Schwerhörigkeit

Je nachdem, von welchem Ohrbereich die Hörstörung ausgeht, unterscheiden die Ärzte zwei Hauptformen der Schwerhörigkeit:

Schallleitungsschwerhörigkeit: Störungen oder Erkrankungen im Außen- oder Mittelohr behindern oder verzerren die Weiterleitung der Schallwellen.

Typisch ist, dass die Betroffenen hohe wie tiefe Töne erst ab einer bestimmten Lautstärke hören, aber noch gut verstehen, was gesprochen wird.

Schallempfindungsschwerhörigkeit: Hier sind das Hörorgan mit den Sinneszellen im Innenohr oder der Hörnerv häufig bleibend geschädigt, so dass die Schallsignale nicht mehr einwandfrei in das Hörsystem des Gehirns gelangen. Die Störung kann auch im Gehirn selbst liegen. Zu den typischen Innenohrschwerhörigkeiten gehören die Altersschwerhörigkeit und die Lärmschwerhörigkeit.

Kennzeichnend für eine Innenohrschwerhörigkeit ist, dass die Betroffenen leise Töne, hier vor allem zunächst die hohen Töne, nicht mehr hören, normal laute Töne als leise empfinden, laute Töne jedoch als unangenehm laut. Es fällt ihnen schwerer, Gesprochenes richtig zu verstehen. Die Lautstärkeempfindlichkeit ist erhöht. Hintergrundgeräusche werden als störend empfunden. Das erschwert es besonders, Gesprächen unter mehreren Menschen zu folgen.

Eine innovative Lösung präsentieren nun Forscher der University of Essex (Großbritannien). Sie haben eine App in einer Beta-Version veröffentlicht, die das iPhone zur Hörhilfe macht. Basis dafür ist ein neuartiger Algorithmus, der besser das natürliche Hören im Ohr widerspiegeln soll. Dadurch verspricht das Projekt „BioAid“ (Webseite) eine bessere Feineinstellung, als sie bei derzeit handelsüblichen Hörgeräten möglich ist. Die gleichnamige App soll nun insbesondere schwerhörigen Nutzern helfen, die sich aus diversen Gründen noch kein klassisches Hörgerät antun wollen. Ihr Feedback wiederum soll den Wissenschaftlern helfen, langfristig eine neue Generation wirklich einfach nutzbarer Hörhilfen zu ermöglichen.

Mit Algorithmen (Rechenverfahren) wird schon seit längerem versucht, schwerhörigen Menschen das Leben zu erleichtern. So haben Forscher des Fraunhofer Instituts vor zweieinhalb Jahren eine Software für Handys und Telefongeräte vorgestellt, die das Kommunizieren erleichtern soll, indem sie Störgeräusche wegfiltert. Im Novemer ging der Deutsche Zukunftspreis an Forscher der Universität Oldenburg (Niedersachsen), die dank neuer Algorithmen Hörgeräte mit Zweiohr-Effekte und verbessertem räumlichen Klang entwickeln wollen. Dafür wird der Schall vom linken und rechten Ohr verglichen (ROLLINGPLANET berichtete). Bis in die 90er Jahre war die Hördiagnostik nur auf ein Ohr ausgerichtet.

Ziemlich cool und nicht behindert kommt nun also die Lösung aus Großbritannien daher. Die Verwendung eines Smartphones anstelle eines echten Hörgeräts ist den Wissenschaftlern zufolge kein Problem. „Die Soundqualität, die das Handy liefert, ist sehr hoch und die meisten Ohrhörer können das auch wiedergeben“, erklärt Projektleiter Ray Meddis. Wichtig sei vor allem die Wahl passender Kopfhörer, die möglichst ein Inline-Mikrofon haben sollten. „Das ist beim iPhone ohnehin Standard“, meint der Psychologieprofessor. Das macht das Smartphone als Hörhilfe praktischer.

Auswahl unter verschiedenen Profilen

Der in New York lebende Komponist Richard Einhorn (61) benutzt schon seit längerem eine (andere) iPhone-App zum Hören

Der in New York lebende Komponist Richard Einhorn (61) benutzt schon seit längerem eine (andere) iPhone-App zum Hören

Während herkömmliche Hörgeräte oft nur einfache Standardeinstellungen haben, bietet die BioAid-App sechs vorgegebene Profile, die zudem jeweils vier Regler für die Feinjustierung bieten. Das soll es Nutzern erlauben, durch Ausprobieren auch ohne professionellen Hörtest für sie persönlich optimale Einstellungen zu finden – und gleichzeitig die Hemmschwelle für die Nutzung senken.

Damit will das Team beispielsweise Menschen ansprechen, die zwar einen beginnenden Hörverlust bemerken, aber noch nicht auf klassische Hörhilfen zurückgreifen wollen. Auch junge Schwerhörige soll die Lösung ansprechen – immerhin sind iPhone-Ohrstecker cooler als ein echtes Hörgerät. Und diese „Zielgruppe“ ist nicht zu verachten: Fast jeder vierte Jugendliche in Deutschland hat inzwischen einen nicht heilbaren Hörschaden: „In Zukunft werden immer mehr Kinder und Jugendliche unter einer bleibenden Hörschädigung leiden“, so der Ohrenarzt und DAK-Experte Gernot Hermanussen.

Viele junge Menschen von bleibender Hörschädigung betroffen

Als Hauptursache für Schwerhörigkeit bei jungen Menschen gilt zu laute Musik bei Disco-Besuchen, Pop-Konzerten und die Dauerbeschallung über Mini-Kopfhörer. Besonders tückisch sei, dass Musiktöne angenehmer wahrgenommen werden als Baustellen- oder Verkehrslärm. „Wer jahrelang Musik mit Schalldruckpegeln über 100 Dezibel hört, schädigt die feinen Haarzellen im Innenohr so stark, dass am Ende eine bleibende Hörschädigung daraus wird“, so Hermanussen.

Dank „BioAid“ brauchen dann junge Menschen nicht mehr auf ihre geliebten Begleiter verzichten: „In der Praxis empfehlen wir die Verwendung von Ohrsteckern mit Inline-Mikrofon. Das erlaubt es, das Handy in der Tasche zu lassen und vermeidet viele Probleme“, betont in diesem Zusammenhang Meddis. Gleichzeitig sei die App auch darauf ausgelegt, ein möglichst gutes Hörerlebnis zu bieten.

Statt wie herkömmliche Hörgeräte einfach alle Geräusche zu verstärken, ist der BioAid-Algorithmus darauf ausgelegt, ähnlich wie das Ohr selbst Lärm oder plötzliche laute Geräusche zu dämpfen. Für die Verwendung ist es daher optimal, wenn die genutzten Ohrstecker auch schalldämpfend fungieren, damit der Nutzer wirklich nur das hört, was die iPhone-App vorgefiltert hat.

Rückmeldung von Nutzern erhofft

Wenngleich die iPhone-App gerade Nutzern, die vor klassischen Hörgeräten noch zurückschrecken, reale Vorteile verspricht, ist sie im Prinzip eine Testumgebung für den neuen Algorithmus. „Das Handy ist eine tolle Plattform, um Hörhilfs-Technologie aus dem Labor in die Hände der Öffentlichkeit zu bringen“, meint Nick Clark (Foto ganz oben), der wesentlich an der App-Entwicklung in Essex beteiligt ist.

Das Team erhofft sich von Usern Feedback für die Weiterentwicklung. Denn langfristig könnten immer kompaktere Handys in Kombination mit dem Algorithmus Hörgeräte ermöglichen, an denen bei Bedarf Experten Feinjustierungen auch aus der Ferne vornehmen können.

Demnächst auch für Android?

Dass BioAid erst für Apple-Geräte erschienen ist, hat einen einfachen Grund. „Ich habe mich zunächst dem iPhone gewidmet, weil es eine überlegene Audio-Latenz hat“, erklärt Clark. Inzwischen sollte Android aufgeholt haben, eine Portierung also möglich sein.

Er selbst will sich dem in absehbarer Zeit aber nur widmen, falls es einen echten Run auf die iOS-Version gibt. Doch wäre denkbar, dass andere Interessenten in die Bresche springen. „Der Kernalgorithmus ist quelloffen, also könnte jeder seine eigene Umsetzung vornehmen“, betont der BioAid-Entwickler.

BioAid ist nicht die erste, derzeit aber offensichtlich die fortschrittlichste Hörhilfe in Kombination mit dem iPhone: Der in New York lebende Komponist Richard Einhorn (61) nutzt für Gespräche normalerweise sein Hörgerät. In einem lauten Restaurant helfen ihm indes schon seit längerem Kopfhörer und eine iPhone-App, die den Ton verstärkt. Einhorn setzt als Mikrofon ein Blue Mickey ein und als App Sound AMP R. Als Kopfhörer kommt bevorzugt Emtymotic hf5 zum Einsatz.

Link für App

Kompatibel mit iPhone, iPod touch und iPad. Erfordert iOS 6.0 oder neuer. Die App ist für iPhone 5 optimiert.

iTunes-Store: http://itunes.apple.com/gb/app/bioaid/id577764716

(RP/pte)

[toggle title=“Textversion (Englisch)“] Professor Ray Meddis explains BioAid, a revolutionary new type of hearing aid

Professor Ray Meddis, Department of Psychology, talks about BioAid – a free mobile app that turns an iPhone into a revolutionary new type of biologically-inspired hearing aid.

“We’ve been doing research in hearing for a very long time and we wanted to try and use these ideas to help somebody at the end. BioAid is a hearing aid on a mobile phone or on a music player. We wanted to produce a completely different kind of hearing aid and it was very difficult to do that using an industrial type of hearing aid that you might get from the NHS.

“Well there are two problems that you’ll experience when your hearing goes if it hasn’t already gone and that is that you miss little quiet sounds. So making these critical sounds louder is one of the main functions of a hearing aid. The second issue which is not addressed by most hearing aids is the fact that people with a hearing impairment are often very sensitive to loud sounds and one of the features of BioAid is that it not only makes quiet sounds louder but it also makes very loud sounds quieter so it makes the whole listening experience more comfortable.

“Two kinds of people who are affected by hearing loss. My hearing is going and my wife is affected because she thinks she’s told me something but I’ve heard something quite different but also the individual misses out themselves because they are not hearing everything, they are watching a drama on the TV, they miss some critical thing which has been said. And also if you are sensitive to very loud sounds, you certainly could never go to a disco or children’s’ party or even a noisy restaurant without experiencing a lot of unpleasantness and for that reason people often find it easier just to stay home and that’s very sad.

“A lot of people don’t get on with their hearing aids at all. It doesn’t sound right, doesn’t provide enough benefit, it’s irritating; it’s difficult to change the batteries, so in the end they find it easier just not to wear them.

“The first real advantage to the hearing aid on the phone is it’s completely free. So a lot of people may hesitate about going along to have a hearing test because they know that they may be talked into spending thousands, maybe a number of thousands of pounds.

“There are about twenty different settings. There are six main settings and variations on each one and from our own work in the laboratory we found that these cover most of the different types of hearing impairment. We normally find that people are very quick to find the one that they like.

“There are lots of ways in which BioAid can make a contribution to the future. One of them comes from the fact that a lot of people do not have access to good health care so they will never in their lifetime be able to afford a hearing aid or have access to a hearing test and that would open to the whole world the possibility of having or at least trying out a hearing aid without having to find their way to a major city and have a hearing test or come up with a great deal of money.

“The other thing is that to develop a new hearing aid is a very expensive operation and for that reason it is only attempted by large multi national corporations. But a hearing aid on an Iphone is a much cheaper proposition so in terms of the rapid development of hearing aids in the future, we think the mobile platforms offer a very important avenue.

“It is very important for us to, for as many people as possible to try the app and give us feedback. This is after all a research project and it’s only through feedback from such people that we can produce a better product for the future.”[/toggle]

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1 Kommentar

  • Peter

    Naja, sehe ich um ehrlich zu sein eher als Rückschritt!
    Ich meine, wer will schon ständig mit Kopfhörern in den Ohren rumlaufen?
    Und heutige Hörgeräte sind alles andere als auffällig! Manche sind nur noch so groß, wie eine Kaffeebohne (z.B. das hier von Hansaton (ganz unten): https://www.audibene.de/hoergeraete/hansaton/auriga/).
    Es lässt sich halt (noch) nicht alles per Handy machen!

    2. April 2013 at 13:33

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