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Sind wir nicht alle ein bisschen behindert? „Ziemlich beste Freunde“ werben für Solidarität

Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Sellou traten gestern Abend erstmals gemeinsam in Deutschland auf. Wie war es?

Abdel Sellou und Philippe Pozzo di Borgo auf der Bühne: Das ist nicht die Live-Vorführung des im Film gezeigten Ohrenorgasmus, sondern da wird ein Kopfhörer für die Übersetzung zurecht gerückt (Foto: Aktion Mensch/Stefan Trappe)

Fast 50 Rollstuhlfahrer sind gekommen, viele Gehbehinderte, Blinde und Taube. Sie alle wollen den Mann sehen oder hören, der mit seiner Lebensgeschichte in dem Film „Ziemlich beste Freunde“ (ROLLINGPLANET Themenspezial) Millionen Menschen zum Lachen und zum Weinen gebracht hat. Philippe Pozzo di Borgo, der querschnittsgelähmte französische Ex-Manager, wird am Montagabend von seinem einstigen algerischen Pfleger (manche Medien schreiben inzwischen auch: Assistent) Abdel Sellou auf die Bühne der Berliner Columbiahalle geschoben, die beiden grinsen sich an.

„Der Film war nicht sein oder mein Erfolg“, sagt der inzwischen 61-jährige Pozzo di Borgo. „Der Erfolg war, dass plötzlich so viele Leute über das gesprochen haben, was sie zuvor nicht wahrhaben wollten.“ 42 Jahre war der erfolgreiche Manager einer Champagnerfirma alt, als er nach einem Gleitschirmunfall von den Halswirbeln an abwärts gelähmt in einem Krankenhaus aufwachte. Wenig später stirbt seine Frau.

Abdel Sellou war ein sozial Behinderter

„Abdul war mein Schutzteufel“, sagt Pozzo di Borgo. „Ich kann gar nicht alle Dummheiten erzählen, die er gemacht hat. Aber er hat mich vor dem Versinken in die Depression gerettet.“ Die wahnwitzigen Autojagden des schrägen Assistenten mit seinem gelähmten Schützling, die skurrilen Pflegesituationen, die Gaunereien, von denen der Film erzählt – all das soll wirklich passiert sein. „Ich war ein sozial Behinderter“, erzählt Abdel Sellou freimütig. „Philippe ist mein Schutzengel geworden.“

Philippe Pozzo di Borgo mit einem Publikumsgast (Foto: Aktion Mensch/Stefan Trappe)

Eigentlich aber will der adelige Millionär diesen Internationalen Tag für Menschen mit Behinderung nutzen, um sein neues Buch vorzustellen. Gemeinsam mit den ebenfalls sozial engagierten Franzosen Jean Vanier und Laurent de Cherisey hat er unter dem Titel „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ ein Plädoyer für eine neue, solidarische Gesellschaft herausgebracht.

Das gegenwärtige Gesellschaftssystem sei in einer Sackgasse, weil es nur auf Leistung und Fitness ausgerichtet sei, schreibt er darin. „Die Angst vor der eigenen Zerbrechlichkeit ist groß, aber das muss nicht so bleiben, wenn wir das Risiko eingehen, uns füreinander zu öffnen. Nicht aus Mitleid. Aus Respekt und Interesse.“

“Schwieriger, Chancen zu erkennen, als sie zu bekommen“

Für die vielen Behinderten im Saal wird die Lesung von Gehörlosendolmetschern in Zeichensprache übersetzt, Experten beschreiben die gezeigten Ausschnitte aus „Ziemlich beste Freunde“ für Sehbehinderte. Der Hanser Verlag und die Aktion Mensch wollen mit diesem „barrierefreien Abend“ ein Beispiel für das selbstverständliche Miteinander von Behinderten und Nicht Behinderten geben.

Unterstützung bekommen Pozzo & Co von dem blinden österreichischen Extrembergsteiger Andy Holzer und der Contergan-geschädigten ZDF-Moderatorin und Dressurreiterin Bettina Eistel. „Es spielt Null-Komma-Null Rolle, wieviele Augen oder Arme du hast, das Leben findet in einer Vision im Kopf statt“, sagt Holzer. „Es ist schwieriger, die Chancen zu erkennen, als sie zu bekommen.“

Pozzo hat nach eigener Schilderung die Chancen genutzt, die er durch seinen verrückter Pfleger bekam. Durch ihn habe er auch seine zweite Ehefrau kennengelernt und lebe mit ihr und zwei Adoptivtöchtern in Marokko, erzählt er. Abdel Sellou sei mittlerweile ebenfalls verheiratet und Vater dreier Kinder. „Wir sind eine große Familie geworden“, so Pozzo. „Glück ist kein Zustand, sondern eine Einstellung.“

Lesetipp: Bericht von Lisa Seelig auf der Webseite von Aktion Mensch

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