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Singapur ist Asiens neues Las Vegas

Der Stadtstaat ist diszipliniert und reich. Neider sagen: langweilig. Seit 2010 gibt es aber zwei Kasinos. Der Erfolg ist phänomenal. Von Christiane Oelrich

Kartenspieler, die ihr Geld verzocken wollen, willkommen: "Black Jack" in Singapur (Foto: afd)

Kartenspieler, die ihr Geld verzocken wollen, willkommen: „Black Jack“ in Singapur (Foto: afd)

Ein Hauch von Kasino-Geruch liegt in der Luft, Parfüm und Spannungsschweiß, aber von Eleganz à la James Bond ist keine Spur. Es ist Mittagszeit im Spielkasino auf Singapurs Spaßinsel Sentosa, und das Geschäft brummt.

Männer und Frauen in Shorts und T-Shirts sitzen an den Daddelautomaten, alle Asiaten. Und wer schwache Nerven bekommt oder wen es wegen zu vieler Verluste in die Knie zwingt: Zwei Rollstühle stehen für alle Notfälle am Gang.

Zehn Meter weiter kommen die Roulette-Tische. „Rien ne va plus“ – nichts geht mehr – will man hören, aber hier drücken viele Croupiers nur noch ein Knöpfchen, und die Botschaft, dass keine Chips mehr platziert werden können, erscheint auf einer Anzeigetafel.

Seit drei Jahren wird gezockt

Seit Singapur 2010 zwei Kasinos mit hunderten Spieltischen und tausenden Automaten geöffnet hat, wird hier gezockt, was das Zeug hält. Im Erdgeschoss wettet das Normalvolk auf das Glück. Spieler knallen 100-Singapur-Dollar-Scheine auf die Kartenspieltische – etwa 60 Euro. Chips bis 5000 Dollar gibt es auch. Für die Klientel in den exklusiven Etagen ist das Peanuts. Dort werden Millionen bewegt.

Im Februar 2010 eröffnete Singapur sein erstes Spielcasino, um den Tourismus anzukurbeln – eine lange Schlange, vor allem mit Ausländern, bildete sich. (Foto: afd)

Im Februar 2010 eröffnete Singapur sein erstes Spielcasino, um den Tourismus anzukurbeln – eine lange Schlange, vor allem mit Ausländern, bildete sich. (Foto: afd)

„90 Prozent der Einnahmen kommen von VIP-Spielern“, sagt Melody Lu Chia-Wen der Zeitung „Macau Business Daily“. Die Soziologin hat Kasinos studiert. Sie ist gerade von Singapur an die Uni des anderen asiatischen Kasino-Standortes Macao in China gewechselt. Singapur sei mit seinen zahlreichen Fünf-Sterne-Hotels und Weltklassebanken mit Vermögensverwaltungen für die VIPs höchst attraktiv.

40 Milliarden USD pro Jahr

Der Stadtstaat ist schon jetzt einer der weltweit erfolgreichsten Kasino-Standorte. Macao liegt mit mehr als 30 Kasinos und einem Umsatz von rund 40 Milliarden US-Dollar im Jahr an der Spitze.

Dahinter macht Singapur aber dem legendären Las Vegas den Platz schon streitig: 5,85 Milliarden US-Dollar haben die Singapurer Kasinos Marina Bay Sands und Resorts World Sentosa 2012 umgesetzt, gut sechs Milliarden Dollar schaffte Las Vegas mit rund 40 Kasinos.

Die Spielstätten haben mehr als 50.000 Arbeitsplätze gebracht, Besucher gaben im ersten Kasino-Jahr 2010 rund 49 Prozent mehr aus als im Jahr davor.

Bald schon erfolgreicher als Las Vegas?

Die Asien-Pazifik-Region dürfte die USA schon 2015 abhängen, glaubt die Unternehmensberatung PricewaterhouseCooper: 43,4 Prozent der Glücksspieldollars würden dann in Macao, Singapur und anderswo gesetzt, 40,1 Prozent in den USA. Es geht um Milliarden: PwC schätzt den Umsatz weltweit dann auf 182,8 Milliarden Dollar (135,5 Mrd Euro), 55 Prozent mehr als 2010.

Die Philippinen und Japan wollen auch im großen Stil als Kasinostandorte einsteigen. Allein in Japan könnten 15 Milliarden Dollar im Jahr verdient werden, meinen Analysten der Citibank.

Singapur City (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Singapur City (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Aber der Stadtstaat hat auch – alles perfekt geplant – ein grünes Gesicht (Foto: Fitz Zühlke/pixelio.de)

Aber der Stadtstaat hat auch – alles perfekt geplant – ein grünes Gesicht (Foto: Fitz Zühlke/pixelio.de)

Kasinos? Ingerierte Ferienanlagen!

In Singapur haben die Landesväter lange um die Kasinos gerungen. Die Vorstellung, als Sündenpfuhl bekannt zu werden, schreckte sie ab. Staatsgründer Lee Kuan Yew war erst skeptisch: „Ich habe immer gesagt: Nein! Das bringt nur Mafias und Geldwäsche und andere Kriminalität“, erzählte er 2009. Dann sah er einen weltweiten Trend und änderte seine Meinung. „Sonst hätten wir einpacken können.“

Das winzige Land am Äquator gilt als „Nanny-Staat“: Wie eine Gouvernante gängelt die Regierung die Menschen. Was in ihren Augen schlecht ist, wird verboten – wie Sex zwischen Männern zum Beispiel oder Kaugummi ausspucken.

Das Wort „Kasino“ ist verpönt, offiziell ist von „integrierten Ferienanlagen“ die Rede. Damit sie vor Sucht bewahrt werden, müssen Einheimische 60 Euro Eintritt pro Besuch zahlen. Fast 50.000 haben Hausverbot – weil sie Sozialhilfeempfänger sind oder von ihren Familien als suchtgefährdet gemeldet wurden.

So schlimm wie in Macao wird es nicht

Die Citibank sieht beim Kasinogeschäft in Singapur bald erst mal ein Plateau erreicht. „Die Konjunkturabkühlung in Indien und Indonesien könnte den Zustrom von Spielern aus den beiden Ländern abkühlen“, heißt es. Macao-Verhältnisse streben die Landesväter ohnehin nicht an: Dort machen die Kasinoeinnahmen praktisch die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus. In Singapur sind es weniger als zwei Prozent.

(dpa)


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