So gefährlich ist die neue Kombi-Therapie gegen Multiple Sklerose

Aggressive Behandlungsmethode: Immunsystem wird zuerst zerstört und dann mit Stammzellen gänzlich neu aufgebaut. Ein Patient stirbt. Trotzdem sind Wissenschaftler optimistisch.

Prof. Mark Freedman glaubt an den neuen Therapieansatz. (Foto: Multiple Sclerosis)

Prof. Mark Freedman glaubt an den neuen Therapieansatz. (Foto: Multiple Sclerosis)

Aggressive Chemotherapie, gefolgt von einer Stammzellentransplantation, kann das Fortschreiten von Multipler Sklerose (MS) stoppen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Ottawa Hospital Research Institute (Kanada) mit 24 Patienten zwischen 18 und 50 Jahren. Bei 23 Teilnehmern verlangsamte die Behandlung den Ausbruch der Krankheit. Ein Patient starb jedoch.

Viel Hoffnung, aber auch Risiken

Laut der MS Society in Großbritannien verspricht diese Art der Behandlung viel Hoffnung, sei aber auch mit erheblichen Risiken verbunden. Weltweit leiden rund 200.000 Menschen an MS. Dabei greift das Immunsystem die äußeren Schichten der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark an. Die Diagnose wird bei den meisten Patienten in den 20er- und 30-Jahren gestellt. Ein Behandlungsansatz besteht in der Unterdrückung des Immunsystems mittels Chemotherapie und der Transplantation von Stammzellen über das Blut.

Für die aktuelle Studie ging das Team um Mark Freedman (siehe Video unten) weiter. Das Immunsystem wurde nicht nur unterdrückt, sondern gänzlich zerstört. In einem nächsten Schritt wird es mit Stammzellen aus dem Blut des Patienten wieder aufgebaut. Diese Zellen befinden sich in einem so frühen Stadium, dass sie noch nicht über jene Defekte verfügen, die MS auslösen. Laut den Studienautoren kam es bei den überlebenden Teilnehmern über einen Zeitraum von bis zu 13 Jahren zu keinem Rückfall und keiner erkennbaren Krankheitsaktivität.

Aggressive Behandlungsmethode

Alle Studienteilnehmer verfügten über eine schlechte Prognose und waren zuvor ohne Erfolg mit einer herkömmlichen immunsuppressiven Therapie behandelt worden. Ein Teilnehmer starb infolge der Chemotherapie. Freedman räumt zudem Einschränkungen bei den in „The Lancet“ veröffentlichten Forschungsergebnissen ein. Dazu gehören die geringe Anzahl an Teilnehmern und das Fehlen einer Kontrollgruppe. Größere klinische Studien seien nötig, um diese Ergebnisse zu bestätigen. Da es sich um einen aggressiven Therapieansatz handle, sollten die möglichen Vorteile gegen die Risiken abgewogen werden.

„Die Ergebnisse sind beeindruckend und übertreffen anscheinend die jeder anderen Form der MS-Behandlung“, schreibt Jan Dörr, MS-Experte an der Berliner Charité, in einem Kommentar zu der Studie in „Lancet“. „Die Untersuchung hat erstmals gezeigt, dass es möglich ist, jegliche mit der Krankheit verknüpfte Entzündung bei jedem Patienten über lange Zeit zu unterdrücken.“

Bei neuen MS-Behandlungsansätzen gibt es allerdings immer wieder verfrühte Begeisterung. Auch Dörr warnt, die Studie überzubewerten. Größtes Problem seien die Risiken der Chemotherapie. Sie gelte es zu verringern, „selbst wenn sie sich nicht hundertprozentig vermeiden lassen“. Zudem müsse die Behandlung bei einer größeren Gruppe von Patienten erprobt werden. Und sie müsse im direkten Vergleich mit anderen Verfahren bestehen. All das kann noch zehn Jahre dauern, schätzt Dörr.

(RP/pte)

Mark Freedman

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1 Kommentar

  • Maria

    Was für ein unseriöser Artikel. Es gibt keine Therapie ohne Risiken und je effektiver die Therapie ist, desto größer die Nebenwirkungen. Hier wurden Leute behandelt bei denen sämtliche verfügbare Therapien bereits versagt haben, da kann ein deutlich höheres Risiko gerechtfertigt sein.

    Zusätzlich stimmt die angebliche Zahl von weltweit 200.000 erkrankte auch nicht. Alleine mit dem Medikament Tysabri wurden bisher über 155.000 Menschen behandelt.

    29. Juli 2016 at 23:06

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