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So geht es: Wie Arbeitgeber Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung nutzen

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung unterwegs in Augsburg: Er will, dass Betroffene raus aus den Werkstätten kommen.

Eine Rollstuhlfahrerin arbeitet als Telefonserviceberater im Servicecenter. (Foto: dpa)

Eine Rollstuhlfahrerin arbeitet als Telefonserviceberater im Servicecenter. (Foto: dpa)

Ein sehbehinderter Bäcker, ein Gehörloser, der Lieferungen zusammenstellt oder ein Lagerarbeiter, der einen seiner Arme nicht bewegen kann: Noch immer ist das die Ausnahme. Denn oft finden Betroffene keinen normalen Job, sondern arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), wie sie zum Beispiel die Lebenshilfe betreibt.

BehindertenbeauftragterDas soll sich ändern. „Ich möchte, dass behinderte Menschen Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen“, sagte der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe (Foto: Federico Gambarini/dpa). Behinderte würden auf diese Weise besser in die Gesellschaft integriert.

Anlass des Appells: Hüppe war am Donnerstag in Augsburg (Bayern) bei der Veranstaltung „Unternehmen Inklusive Arbeit in Augsburg“, zu der er gemeinsam mit der Handwerkskammer für Schwaben und der IHK Schwaben eingeladen hatte.

Aber es geht auch um wirtschaftliche Interessen – viele Unternehmen könnten von Menschen mit Behinderung profitieren: „Wir können es uns angesichts des Fachkräftemangels nicht leisten, die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung nicht zu nutzen“, so Hüppe. Die Botschaft scheint – bei allem Pessimismus – hin und wieder anzukommen.

Es gibt auch vorbildliche Beispiele

Ein Beispiel dafür ist die Bäckerei „Der Beck“ aus Erlangen. Dort arbeiten 1280 Angestellte, 51 von ihnen haben eine Behinderung. Sie arbeiten im Verkauf, in der Produktion oder in der Verwaltung. Spezial-Arbeitsplätze gibt es nicht. „So haben die Menschen mit Behinderung eine sinnvolle Aufgabe und sind Teil des Ganzen“, erklärt Personalchef Ralf Ullok.

Einer der Bäcker etwa kann nur Sachen in nächster Nähe sehen, kann aber vieles über den Tastsinn ausgleichen. Ein gehörloser Mitarbeiter stellt die Touren für die Belieferung der Filialen zusammen. „Wir schauen uns die Fähigkeiten und Stärken an und überlegen dann: Welcher Arbeitsplatz könnte passen und welche Hürden müssen wir verschieben?“

Zahl von Menschen in WfbM verdoppelt

Die bayerische Bäckerei ist kein Einzelfall mehr: Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Jahr 2011 in Deutschland gut 930.000 Schwerbehinderte beschäftigt – 140.000 mehr als 2006. Der Softwarekonzern SAP will bis 2020 ein Prozent der rund 65.000 Stellen im Unternehmen mit Menschen mit autistischer Störung besetzen (ROLLINGPLANET berichtete: Sapperlot! Achtet auf Chancen, nicht auf Defizite). In Deutschland ist jeder Betrieb, der mehr als 20 Angestellte hat, verpflichtet, fünf Prozent schwerbehinderte Mitarbeiter einzustellen.

Trotz solcher Quoten und Initiativen: Die Zahl derer, die in Behindertenwerkstätten arbeiten, hat sich laut Hüppe in den letzten Jahren auf fast 300 000 verdoppelt. „Immer mehr Menschen mit Behinderung kommen gleich nach der Schule in eine neue Sonderform der Beschäftigung, in Werkstätten für behinderte Menschen, Berufsbildungswerke und andere Einrichtungen. Jedenfalls machen sie ihre berufliche Ausbildung häufig nicht in Betrieben, sondern in außerbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen, und das erschwert ihnen später den Einstieg in den Beruf.“

Bürokratische Hürden für Unternehmer

Und Hürden für den Berufseinstieg gibt es einige: Die Bürokratie zum Beispiel. So soll etwa ein Unternehmer, der einen Auszubildenden mit Lernschwäche einstellen will, einen 320-stündigen Kurs über Didaktik, Recht und Medizin belegen. „Der Betrieb, der bereit ist, jemanden mit einer Lernbehinderung einzustellen, dem wird es damit so schwer gemacht, dass er es dann doch nicht macht.“

Und es gibt immer noch Vorbehalte gegen Menschen mit Behinderung. Vor allem, weil die meisten nie gelernt haben, mit ihnen umzugehen. „Dann werden Sie sie als Unternehmer auch nicht einstellen. Auch nichtbehinderte Arbeitskollegen haben manchmal Berührungsängste.“

Hüppe setzt sich deshalb mit der Konferenzreihe „Unternehmen inklusive Arbeit – Mehrwert durch Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen“ für die Beschäftigung von Behinderten ein. Noch sei die Gesellschaft zu sehr auf die Schwächen fixiert, dabei sollten die Fähigkeiten genutzt werden.

Hier wird kein Blech gesprochen

Wie bei der „RO/SE Blechverarbeitung“ aus dem niederbayerischen Bad Birnbach: Dort arbeiten insgesamt 32 Mitarbeiter. Davon haben 17 eine Behinderung. Jeder entwickele seine eigene Technik für die anfallende Arbeit. Mit einer besonders großen Motivation: „Jeder Mensch mit Behinderung ist bemüht, seine Arbeit so gut zu machen wie der nichtbehinderte Kollege.“

Brunner hat sich 2005 nach einem Gehirntumor dazu entschieden, verstärkt Menschen mit Behinderung einzustellen. „Ich habe mir gesagt: Wenn du gesund nach Hause kommst, gibst du behinderten Menschen eine Chance, wieder in den Beruf einzusteigen.“ Er habe gemerkt: „Jeder könnte morgen behindert sein.“

(RP/dpa)


Inklusion in Unternehmen
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1 Kommentar

  • Michael Ziegert

    Oh Gottchen, was ist denn das für ein Bericht?

    Hat er wirklich von „Betroffenen“ gesprochen?

    Es gibt viele Arbeitslose mit Behinderung – es wäre schön, wenn auch über diese gesprochen wird.

    Die genannte Bäckerei hat 1270 Mitarbeiter, davon 5 Prozent sind ca 56. Tatsächlich arbeiten aber dort 51 Menschen mit Behinderung, also weniger als das SGB IX vorschreibt, um von der Ausgleichsabgabe befreit zu werden. Der Betrieb erfüllt also nicht mal seine Pflicht.

    Die Zahl der Menschen in WfbM hat sich verdoppelt – und warum? Weil viele Menschen dem Druck auf dem sogenannten Ersten Arbeitsmarkt nicht mehr gewachsen sind, von der Arbeitsgesellschaft ausgespuckt werden und in WfbM landen. Und die will man jetzt auch gleich wieder zurückschicken, ohne sich mal Gedanken über das System und unsere Gesellschaft gemacht zu haben? Es wird also – mal wieder – nicht zwischen Menschen mit körperlicher oder sog. geistiger Behinderung und psychischen Krankheiten unterschieden.

    Das Zitat „Jeder Mensch mit Behinderung ist bemüht, seine Arbeit so gut zu machen wie der nichtbehinderte Kollege.“ wird jeden Unternehmer zurückschrecken lassen. Weil es de facto besagt, dass Menschen mit Behinderung eben nicht so leistungsfähig sind.

    Und zum guten Schluss darf man eben nicht vergessen, dass Herr Hüppe in erster Linie Politiker ist. Ob er damit prädestiniert ist, objektiv und ohne Parteiinteressen die Anliegen einer Bevölkerungsgruppe zu repräsentieren, bezweifliche ich sehr.

    8. Juli 2013 at 08:37

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