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Viele Medien kümmern sich zu wenig um Untertitel und Gebärdensprache

Von der Teilhabe, wie sie in der Behindertenrechtskonvention gefordert wird, sind taube Menschen noch ein gutes Stück entfernt.

Immerhin, in diesem Fall gab es Untertitel: „Ich fühle mich wohl und werde immer fetter“, sagte angeblich der wieder fitte Mario Götze. Das war vor vier Jahren im ZDF. Ein lustiger Fehler, der mal passieren kann – anders sieht es dagegen bei der grundsätzlichen Problematik aus. Experten beklagen, dass Medien nicht genug Untertitel und Gebärdensprache anbieten. Darüber kann man dann weniger lachen. (Screenshot: Michael Bundscherer)

Immerhin, in diesem Fall gab es Untertitel: „Ich fühle mich wohl und werde immer fetter“, sagte angeblich der wieder fitte Mario Götze. Das war vor vier Jahren im ZDF. Ein lustiger Fehler, der mal passieren kann – anders sieht es dagegen bei der grundsätzlichen Problematik aus. Experten beklagen, dass Medien nicht genug Untertitel und Gebärdensprache anbieten. Darüber kann man dann weniger lachen. (Screenshot: Michael Bundscherer)

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. organisierte am 12. September 2017 die Fachtagung „Barrierefreie Medien“ im ZDF-Kongresszentrum in Mainz, bei der über 80 Teilnehmer anwesend waren. Unter den Teilnehmern waren Bundestagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, Landesbehindertenbeauftragter, Vertreter des Bundesministeriums Arbeit und Soziales, Rundfunkräte, Medienbeauftragte und Vertreter der Hörbehindertenverbände. Schirmherrin der Fachtagung war Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder. Daniel Büter, Referent für politische Bildung und Öffentlichkeitsarbeit des Deutsche Gehörlosen-Bundes, berichtet über die Tagung.

Verschärfung des Rundfunkstaatsvertrages gefordert

Grußworte sprachen Heike Raab (Staatssekretärin und Bevollmächtigte beim Bund und in Europa für Medien und Digitales), Dr. Eckart Gaddum (Hauptredaktionsleiter Neue Medien ZDF), Matthias Roesch (Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung des Landes Rheinland-Pfalz), Prof. Dr. Ulrich Hase (Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten – Selbsthilfe und Fachverbände e.V.) und Helmut Vogel (Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V.).

Bernd Schneider (Referatsleiter barrierefreie Medien in der Deutschen Gesellschaft) referierte über die Entwicklung der Untertitel und der Gebärdensprache im Fernsehen. Seit 2013 sind Gehörlose nicht mehr vom Rundfunkbeitrag befreit. Es gab kurzzeitig einen starken Anstieg der barrierefreien Angebote, aber seitdem stagniert der Ausbau der Untertitelung. Die Verbände fordern eine jährliche Steigerung um 10 Prozent, bis 100 Prozent erreicht sind, um keine weiteren 30 Jahre auf ein vollständig barrierefreies Angebot warten zu müssen. Von der Teilhabe am Medienangebot, wie sie in der 2009 von Deutschland ratifizierten „UN-Konvention für Menschen mit Behinderung“ gefordert wird, ist man noch ein gutes Stück entfernt.

86 Prozent können dem Programm nicht immer folgen

Annegret Haage (Wiss. Mitarbeiterin der technischen Universität Dortmund) stellte die repräsentative Studie zur Mediennutzung von Menschen mit Behinderungen vor. Diese wurde im Auftrag der Aktion Mensch und der Medienanstalten durch die Technische Universität Dortmund und das Hans-Bredow-Institut durchgeführt. 86 Prozent der Zuschauer mit Hörbehinderung gaben an, dass sie dem Programm nicht immer folgen können. Das lineare Fernsehen ist der Ort, an dem gleichberechtigte Teilhabe gewünscht wird. Es reicht nicht aus, Angebote in Gebärdensprache ausschließlich im Internet anzubieten.

H.-Günter Heiden, Publizist und von 2011 bis 2015 Koordinator der Behindertenrechtskonvention (BRK)-Allianz stellte das Ergebnis der Staatenprüfung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Bezug auf Untertitel und Gebärdensprache bei öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Sendern dar. Er betonte, dass eine Konkretisierung und Verschärfung des Rundfunkstaatsvertrages unbedingt erforderlich ist. Hierzu sollten auch die Landesrundfunkgesetze und Landesmediengesetze einbezogen werden.

Bei Phoenix und Arte noch 30 Jahre warten?

Nach der Mittagspause stellten Georg Schmolz (ARD), Jürgen Kleinknecht (ZDF), Ferdinand Sacksofsky (ProSiebenSat. 1 Media SE) und Maren Rolfes (Mediengruppe RTL Deutschland GmbH) die barrierefreien Angebote ihrer Rundfunkanstalt vor. Sie nahmen zusammen mit den Medienpolitischen Sprechern Josef Dötsch (CDU) und Daniel Schäffner (SPD) sowie der behindertenpolitschen Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Katrin Werner, und Bernd Schneider von der Deutschen Gesellschaft, auf dem Podium Platz und diskutierten den Weg zu einem barrierefreien Medien-Angebot.

Nach dem 21. Geschäftsbericht der KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) ist bis 2020 eine jährliche Steigerung von ca. 3,4 Prozent für den Ausbau der Barrierefreiheit geplant. Bei Sendern, die bisher noch keine bis wenig Untertitel ausstrahlen wie z.B. Phoenix, Arte oder ARD Alpha müssten Gehörlose weitere 30 Jahre warten, bis 100 Prozent erreicht sind.

Der Bayerische Rundfunk finanziert „Sehen statt Hören“, die einzige vollständig inklusive Sendung im linearen TV-Programm, zu über 90% allein. Dadurch steht dem Sender weniger Geld für den Ausbau der Untertitelung zur Verfügung. Da erfreulicherweise nahezu alle Dritten Programme der ARD die Sendung übernehmen, sollten sich aus Gründen der Gleichbehandlung auch alle ARD-Rundfunkanstalten entsprechend ihrem Anteil an den Gebühreneinnahmen an der Finanzierung beteiligen.

(PM)

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