So ticken Carmen und Ramona Brussig

Nicht ohne meine Schwester: Warum die Gold-Judoka-Zwillinge nicht ohne einander können.

Archivfoto: Die sehbehinderten deutschen Judoka-Zwillinge Carmen und Ramona Brussig bei den 13. Paralympischen Spielen in Peking. Da hat es noch nicht für Doppel-Gold, sondern „nur“ für Bronze und Silber gereicht. (Foto: dpa)

„Ich muss mich beeilen – irgendwie hab ich im Gefühl, dass gleich was passiert“, rief Carmen Brussig noch, als sie wie von der Tarantel gebissen durch die Mixed Zone Richtung Mattenrand hetzte. Anstelle den wartenden Reportern das Glück über die erste paralympische Goldmedaille ihrer Karriere in die Mikrofone zu diktieren, verfolgte sie lieber den unmittelbar im Anschluss startenden Kampf von Schwester Ramona.

Carmen Brussig gestern nach ihrem Sieg (Foto: dpa)

Und das unsichtbare Band, das die 35 Jahre alte Judoka mit ihrem eineiigen Zwilling verbindet, ließ Carmen auch diesmal nicht im Stich – nur 19 Sekunden dauerte es, bis die 15 Minuten jüngere Schwester ihre Gegnerin aus China aufs Kreuz gelegt hatte. (ROLLINGPLANET berichtete: Paralympics: Judo-Zwillinge Brussig gewinnen Gold)

Erfüllung eines Lebenstraums

Seit fast 30 Jahren tragen die Zwillinge den Judogi. Und obwohl beide seit langem in der Weltspitze erfolgreich sind und Ramona in Athen bereits einmal paralympisches Gold gewann, ist der Doppelerfolg für die beiden die Erfüllung eines Lebenstraumes.

„Wir machen so viel gemeinsam, tragen die gleichen Sachen, haben oft dieselben Gedanken. Da ist es doch wunderschön, dass wir auch zusammen Gold geholt haben“, sagte Ramona.

Das unsichtbare Band, dass die meisten eineiigen Zwillinge zusammenschweißt, ist bei den Brussig-Schwestern vielleicht sogar noch ein bisschen enger. Beide sind gelernte Konditorinnen, beide verfolgen dieselben Ziele im Leben – und beide sind extrem kurzsichtig. 90 Prozent ihrer Sehkraft fehlt den Brussigs. Um wenigstens Teile ihrer Umgebung scharf stellen zu können, haben die Schwerinerinnen immer ein Okular bei sich.

Die erzwungene Beschränkung auf die Innensicht war von Kindesbeinen an der Pfeiler ihrer engen Beziehung zueinander. Ramona arbeitet heute in Schwerin, Carmen bäckt im schweizerischen Lachen, jeden Tag telefonieren die beiden Schwestern miteinander: „Manchmal möchte ich gerade Carmens Nummer wählen, da klingelt schon das Telefon“, sagt Ramona. Ein Gedanke in zwei Köpfen quasi.

“Wir selbst sind Weg und Wegweiser“

Da ist es nur konsequent, dass sich die Zwillinge in London bei exakt denselben Konkurrentinnen revanchierten, denen sie noch 2008 unterlegen waren: Carmen besiegte in ihrem Finalkampf über 48 Kilo Kai-Lin Lee aus Taiwan, gegen die sie noch im Halbfinale von Peking verloren hatte; Ramona schickte Lijing Wajang in der Klasse bis 52 Kilo auf die Matte – noch 2008 war sie chancenlos geblieben.

Die Kraft für ihren spektakulären Doppelerfolg schöpften die Schwestern aus der absoluten Sicherheit heraus, dass sie sich immer auf die jeweils andere verlassen können, quasi: Nicht ohne meine Schwester. Oder um es mit Carmens Lebensmotto zu sagen: „Wir selbst sind Weg und Wegweiser, um unsere Ziele zu erreichen.“

(Julian Vetten/dapd)

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