So viele Hürden lauern auf Studierende mit Behinderung

Ein Bundesland verspricht nun barrierefreie Universitäten als Markenzeichen.

Zusammen mit Expertinnen und Experten für Geh-, Seh- und Hörbehinderungen haben Vertreterinnen und Vertreter der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Denkmalschutzes das Audimax und das Universitätshochhaus begutachtet. (Foto: CAU/Raissa Nickel)

Zusammen mit Expertinnen und Experten für Geh-, Seh- und Hörbehinderungen haben Vertreterinnen und Vertreter der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Denkmalschutzes das Audimax und das Universitätshochhaus begutachtet. (Foto: CAU/Raissa Nickel)

Menschen mit Behinderung oder chronisch Kranke müssen noch viele Hindernisse überwinden, wenn sie ein Hochschulstudium absolvieren wollen. Dies gilt zum Beispiel auch für Schleswig-Holstein. Studenten beklagten den oft großen Aufwand bereits vor Studienbeginn, sagte der Landesbehindertenbeauftragte Ulrich Hase am Donnerstag in Kiel. Oft könnten sie erst mit einem Semester Verspätung anfangen, weil sie so viel organisieren müssten. Zuweilen lohne ein Studium auch finanziell nicht, weil angesichts der hohen Ausgaben für Hilfen vom späteren Einkommen nicht viel übrig bleibe.

Wie viele der 50.000 Studenten im Land behindert oder chronisch krank sind, konnte Hase nicht sagen. In Dänemark betrage die Quote fünf Prozent, die für Schleswig-Holstein etwa 2.500 bedeuten würde. Das Bewusstsein, etwas für Menschen mit Behinderung zu tun, sei an den Hochschulen im Norden gut ausgeprägt, sagte Hase. Es sei in den vergangenen Jahren viel getan worden, aber es müssten weitere Hürden abgebaut werden.

Einer Untersuchung zufolge sind in 90 erfassten Gebäuden nur 71 Prozent der Flure barrierefrei. 42 Prozent der Gebäude haben keine Türen, die ohne Hilfe vom Rollstuhl aus geöffnet werden können; bei einem Drittel fehlen Behinderten-Toiletten.

„Wir wollen die barrierefreie Hochschule zu einem Markenzeichen für unsere Hochschulen machen“, sagte Wissenschaftsstaatssekretär Rolf Fischer. Die Digitalisierung sollte als große Chance genutzt werden.

Die Kieler Universität als barrierefreies Denkmal

Taktile Leitsysteme, Bodenindikatoren sowie Braille-Beschriftungen und Audioausstattungen sind für Sehbehinderte nötig. (Foto: Raissa Nickel)

Taktile Leitsysteme, Bodenindikatoren sowie Braille-Beschriftungen und Audioausstattungen sind für Sehbehinderte nötig. (Foto: Raissa Nickel)

In den Hörsälen des Audimax standen Mobilität und Hörakustik auf dem Prüfstand. (Foto: Raissa Nickel)

In den Hörsälen des Audimax standen Mobilität und Hörakustik auf dem Prüfstand. (Foto: Raissa Nickel)

Die Kieler Universität soll barrierefrei werden. Ende März vergangenen Jahres trafen sich Betroffene, Denkmalschutzbehörden der Landesregierung und das Präsidium der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) erstmals zu einem Campusrundgang, um gemeinsam bauliche Schwachstellen aufzuzeigen. Nach dem Prinzip „Nicht über uns, sondern mit uns“ wurden unter Leitung von Expertinnen und Experten für Geh-, Seh- und Hörbehinderungen die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude Audimax und das Universitätshochhaus begangen.

Denkmalschutz und Barrierefreiheit vereinbar

„Die Anforderungen des Denkmalschutzes und der Barrierefreiheit zu verbinden, stellt eine besondere Herausforderung dar“, sagte Vizepräsidentin Professorin Anja Pistor-Hatam. Die engagierte Zusammenarbeit zwischen Denkmalschutzbehörden und Betroffenen für eine barrierefreie Universität sei dabei ein notwendiges und doch für die Bundesrepublik vollkommen neues Vorgehen. „Ich freue mich daher sehr, dass diese für die Betroffenen und Fachleute herausfordernde Aufgabe an unserer Universität jetzt praktisch erprobt und wissenschaftlich begleitet wird“, so Pistor-Hatam weiter.

Dr. Nils Meyer vom Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein machte deutlich, dass Denkmalschutz und Barrierefreiheit keine Gegensätze sein müssen: „Das Wie ist entscheidend. Der Denkmalschutz möchte bewahren, sollte aber auch eine behutsame, denkmalgerechte Weiterentwicklung und Ertüchtigung der Gebäude und Flächen ermöglichen. Dazu gehört auch die Barrierefreiheit. Wir freuen uns, dass das Präsidium der CAU auf uns zugekommen ist und stellen unsere Expertise für diesen Prozess gerne zur Verfügung.“

(RP/dpa/lno)

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