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Sotschi-Paralympics enden mit einem Affront gegen Ukraine

Rückblick und Vorschau: Deutschlands neue Paralympics-Generation um die fünffache Goldsiegerin Schaffelhuber will den Schwung nutzen.

Schlussfeier für die Paralympischen Winter-Spiele in Sotschi (Foto:  Epa/Sergei Chirkov/dpa)

Schlussfeier für die Paralympischen Winter-Spiele in Sotschi (Foto: Epa/Sergei Chirkov/dpa)

Die 11. Winter-Paralympics sind nach neun Wettkampftagen Geschichte. Um 21.35 Uhr Ortszeit verkündete Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komiteets (IPC), am Sonntag im Fischt Stadion von Sotschi das Ende der Spiele. Bei der Show stellte sich auch Pyeongchang als nächster Gastgeber der Welt-Behindertenspiele 2018 vor. Die deutsche Mannschaft, für die der blinde Langläufer und Biathlet Wilhelm Brem bei der Schlussfeier die Flagge ins Stadion trug, hatte mit einem Mini-Aufgebot von nur 13 Athleten insgesamt 15 Medaillen eingeheimst.

Schlaglichter der Sotschi-Paralympics

Stars, Wetterkapriolen und Skurrilitäten – die 11. Winter-Paralympics in Sotschi und Krasnaja Poljana hatten einiges zu bieten. Eine Zusammenstellung aus neun Wettkampftagen.

TATJANA McFADDEN: Die 24-jährige, hüftabwärts gelähmte Amerikanerin sorgte für einen der emotionalsten Augenblicke der Spiele. Nach ihrem 12-Kilometer-Rennen (bei dem sie Platz 5 erreichte) schloss sie ihre leibliche und ihre Adoptivmutter in die Arme – erstmals bei einem Sportereignis. Ihre leibliche Mutter hatte sie vor 20 Jahren zur Adoption freigegeben, weil sie mit der Behinderung ihrer Tochter überfordert war.

ROMAN PETUSCHKOW: Der russische Loipen-König ist auch der Medaillenhamster dieser Spiele. Sechs Siege bei sieben Starts mit dem Ski-Schlitten im Biathlon und Langlauf sind in Sotschi unerreicht.

SIR PHILIP CRAVEN: Bei seinen letzten Winter-Paralympics hatte der IPC-Chef alles im Griff – außer den deutschen Verbandspräsidenten Beucher, der nicht mit Wladimir Putin zu Mittag essen wollte.
Philip Craven (r) heute im paralympischen Dorf (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)


Philip Craven (r) nach seiner Ankunft vor elf Tagen im paralympischen Dorf (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)


ZUSCHAUER: Es kamen sogar deutlich mehr Fans als noch vier Jahren in Vancouver. Die Tribünen waren oft proppenvoll. „Die russischen Massen verdienen auch einen großen Dank dafür“, bemerkte IPC-Chef
Craven.

WETTER: Hätte in den zehn Tagen unterschiedlicher kaum ausfallen können. Erst Sonne und frühsommerliche Temperaturen, dann Regen, Nebel und Schnee. Wer den Wintermantel zu Hause ließ, wurde bestraft.

MATTHIAS LANZINGER: Sechs Jahre nach seiner Beinamputation gab der einstige alpine Weltcup-Fahrer sein Paralympics-Debüt. Ein durchaus beeindruckendes: Österreichs „Quereinsteiger“ holte zweimal Silber.

SNOWBOARD: Die Boardercrosser feierten Paralympics-Premiere. Noch ohne faires Klassifizierungssystem, das Sportlern mit schwererer Behinderungen auch Chancen eingeräumt hätte. Die Show aber war gut.

DOPING: Einen Fall gab es – und zwar schon vor Beginn der Spiele. Beim italienischen Sledgehockey-Spieler Igor Stella wurde ein verbotener Salbenwirkstoff entdeckt. Konsequenz: 18 Monate Sperre.

SEILBAHN: Was für eine Gondelei! Nur mit der Seilbahn ging es kilometerweit zum Langlauf-Stadion. Mit verblüffender Zuverlässigkeit drehten die Gondeln fast rund um die Uhr ihre Runden.

BRIAN MCKEEVER: Kanadas paralympischer Langlauf-Star bewies auch in Sotschi seine Ausnahmestellung. Bei den Siegen über 10 und 20 Kilometer (ver)brauchte der Sehbehinderte gleich zwei Begleitläufer.

BAUMÄNGEL: Der Pfusch am Bau war augenfällig. Allerorten sind Treppen ramponiert, Gehwegplatten ausgelöst und Gebäude reparaturbedürftig. Selbst die neuen Straßen sind zum Teil schon wieder aufgerissen.
Nur zwei Teilnehmerinnen: Silber für Anna-Lena Forster und Gold für Anna Schaffelhuber (r.) (Foto: Jan Woitas/dpa)Bei der Super-Kombination in der sitzenden Klasse holten die beiden Deutschen Anna Schaffelhuber (r.) Gold und Anna-Lena Forster (l.) Silber

Die politisierten Paralympics von Sotschi haben ihren Abschluss mit einem russischen Affront gegen die Ukraine gefunden. Im Bruch mit den Regeln hielt bei der feierlichen Finalshow am Sonntagabend Vize-Ministerpräsident Dmitri Kosak die Rede für Gastgeber Russland – fast zeitgleich mit dem ersten Ergebnis des umstrittenen Krim-Referendums. Eigentlich wäre dafür Organisationschef Dmitri Tschernyschenko zuständig gewesen. Selbst das Internationale Paralympische Komitee (IPC) musste offen eine Abweichung vom eigenen Protokoll einräumen.

Der Fall stelle eine „ganz besondere Ausnahme“ dar und sei Kosaks großen Verdiensten beim Sotschi-Projekt zuzurechnen, erklärte IPC-Präsident Philip Craven. „Er war verantwortlich für die barrierefreien Spiele und wird die Ausweitung dieser Philosophie auf ganz Russland anführen“, sagte der Brite. Später lobte er die „besten Paralympischen Spiele jemals“. Staatschef Wladimir Putin beobachtete das Spektakel mit bunten Feuerwerken, Lightshows und aufwendigen Inszenierungen wie Regierungschef Dmitri Medwedew von Ehrenplätzen auf der Tribüne, winkte sogar lächelnd ins Publikum.

„Weit über den Sport hinausgegangen“

Putins Vertrauter Kosak verzichtete auf politische Anspielungen, sagte einzig: „Diese Spiele sind weit über den Sport hinausgegangen.“ Wohlgemerkt mit Bezug auf die Behindertengerechtigkeit. Bestrebungen, dass bereits bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele vor wenigen Wochen ein Regierungsmitglied hätte sprechen sollen, waren noch vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) abgelehnt worden.

Die ukrainische Fahnenträgerin Ljudmila Pawlenko zeigte sich beim Einmarsch der Teams emotionslos. Die Langläuferin verzichtete im Gegensatz zu anderen Sportlern drauf, ihre Fahne zu schwenken. Als Zeichen stillen Protests hing diese nur am Rollstuhl. Fürs deutsche Team trug Langläufer und Biathlet Wilhelm Brem die schwarz-rot-goldene Flagge ins Fischt Stadion. Um 21.35 Uhr Ortszeit erklärte Craven die Spiele offiziell für beendet.

Erst kurz vor der Schlusszeremonie hatten die Ukrainer überhaupt ihre Teilnahme erklärt – trotz der Wählerbefragung auf der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel am selben Tag über den Beitritt zu Russland. „Ich glaube, dass die Paralympics eine weitere Eskalierung von militärischer Intervention auf ukrainischem Hoheitsgebiet gestoppt haben“, sagte Waleri Suskjewitsch, Präsident des ukrainischen Paralympics-Komitees, am Nachmittag bei einer Pressekonferenz.

„Erneuter Versuch, die Spiele zu instrumentalisieren“

Der wunderbare Präsident des Deutschen Behindersportverbands (DBS), Friedhelm Julius Beucher (Foto: dpa)

Der Präsident des Deutschen Behindersportverbands (DBS), Friedhelm Julius Beucher (Foto: dpa)

Abseits der Politik durfte sich Craven indes über Rekordspiele in fast jeder Hinsicht erfreuen. Es wurden nach offiziellen Angaben weitaus mehr Tickets als noch vier Jahren Vancouver für Paralympics mit den meisten teilnehmenden Athleten und Nationen der Geschichte verkauft. Die Russen heimsten bei 72 Entscheidungen sensationelle 80 Medaillen ein – ein Rekord bei Winter-Paralympics. Deutschland kam mit 15 Plaketten auf Platz zwei des Rankings. Hinter dem russischen Loipenkönig Roman Petuschkow (sechs Triumphe) wurde Anna Schaffelhuber mit fünf Goldmedaillen zweiterfolgreichste Athletin.

Deutschlands neue Paralympics-Generation


Paralympics 2014 _ Ski alpin


Hatte heute nochmal Grund zum Jubeln: Anna Schaffelhuber (Foto: Epa/Vassil Donev/dpa)


Deutschlands neue Paralympics-Generation hat es allen gezeigt: Angeführt von Fünffach-Siegerin Anna Schaffelhuber stürmte das deutsche Team bei den Spielen von Sotschi mit jugendlichem Elan, Frauen-Power und insgesamt 15 Medaillen auf Platz zwei der Nationenwertung. Neunmal Gold, fünfmal Silber, einmal Bronze – die Medaillenausbeute der nur 13 Sportler verblüffte selbst die Verbandsführung. „Das ist für mich eine Überraschung wie Sensation zugleich. Das ist eine Spitzenleistung unserer Nachwuchsathleten“, sagte Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Vier Jahre nach dem Abschied der Gold-Garanten Verena Bentele, Gerd Schönfelder und Martin Braxenthaler hat der DBS nicht nur den Umbruch geschafft. In „Gold-Anna“ Schaffelhuber hat der deutsche paralympische Sport gar ein neues Gesicht mit Starpotenzial. „Anna ist eine tolle Erscheinung. Anna kann unwahrscheinlich viel. Anna ist blitzgescheit, kommt unwahrscheinlich sympathisch rüber und fährt mit einer Präzision den Hang hinunter, dass der Weltelite nichts anderes bleibt als hinterher zu fahren“, lobte Beucher das Covergirl.

Nach dem medaillenlosen Samstag schlugen die deutschen Frauen wenige Stunden vor der Abschlussfeier in Sotschi noch einmal zu. In Rosa Chutor machte Anna Schaffelhuber im Riesenslalom mit dem fünften Gold im fünften Rennen ihren Siegeszug perfekt und krönte sich zur Alpin-Königin von Sotschi. „Ich wusste, dass in jeder Diziplin Gold möglich ist. Am meisten bin ich gespannt, wenn ich aus dem Traum in die Wirklichkeit zurückkomme“, meinte sie. Anna-Lena Forster wurde im gleichen Rennen Dritte. In der stehenden Klasse gewann Fahnenträgerin Andrea Rothfuss mit Silber ebenso ihre dritte Medaille wie Forster.
AndreaEskau


Andrea Eskau (Foto: dpa)


Andrea Eskau landete nach einer Woche mit Höhen und Tiefen im 5-Kilometer-Rennen mit dem Ski-Schlitten einen unerwarteten Gold-Coup. Damit gelangen ihr Paralympicssiege in drei Disziplinen: Mit dem Handbike im Sommer sowie im Biathlon und Langlauf im Winter. „Das ist ein unglaubliches Gefühl. Ich bin gesegnet“, meinte sie.

Anna Schaffelhuber (21), Anja Wicker (22), Andrea Rothfuss (24), Andrea Eskau (42), Anna-Lena Forster (18) – das „A-Team“, das alle deutschen Medaillen holte, ist im Schnitt gerade einmal 25,4 Jahre alt. Dabei hebt die querschnittgelähmte Eskau den Durchschnitt, doch ein Ende ihrer Karriere ist nicht in Sicht. Bis Rio de Janeiro 2016 will sie weitermachen und dort mit dem Handbike ihre Paralympicssiege von London möglichst wiederholen.

„Unsere junge Generation ist so herrlich unbekümmert. Das ist eine unglaubliche Grundlage für zukünftige Erfolge. Und Andrea Eskau gehört trotz ihres Alters nicht zum alten Eisen“, befand DBS-Chef Beucher.

Den Schwung von Sotschi will der Verband nun nutzen. Nachdem die Sporthilfe Paralympicsssieger erstmals wie Olympiasieger mit 20.000 Euro prämiert, sollen mit Blick auf die Paralympics in Rio 2016 und Pyeongchang 2018 weitere Anreize folgen. „Wir brauchen, um die Strukturen professionell zu erhalten, noch mehr Unterstützung. Wir brauchen mehr Geld, wir brauchen mehr paralympische Stützpunkte, aber wir brauchen auch die Athleten, die den Weg dorthin finden. Das ist die Herausforderung für den DBS vor Rio und Pyeongchang“, sagte Friedhelm Julius Beucher.

(RP/dpa)


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4 Kommentare

  • Handbiker

    Traurig fand ich die vielen Stürze. Ich kann mich nicht erinnern je einen Wintersportwettbewerb mit so vielen schweren Stürzen gesehen zu haben. Sowohl bei den Paralympics als auch bei den Olympics ging die Gefährlichkeit von Schnee, Piste und Halfpipe einfach zu weit. Liebe Verantwortlichen, bitte sorgt in vier Jahren für besser Bedingungen.

    16. März 2014 at 20:29
  • Karl Quade

    Bitte schreibt nicht so einen Unsinn: Im Finale der Superkombination gab es sehr wohl mehr Teilnehmer als unsere beiden Starterinnen.

    17. März 2014 at 07:31
    • ROLLINGPLANET
      Rollingplanet

      Hallo Herr Quade, wir haben die entsprechende Textstelle geändert.

      17. März 2014 at 10:56
  • Rolfi

    Ich hoffe, das IOC ist stolz darauf, die olympische Idee an Kriegstreiber wie Russland vergeben zu haben. Muss unglaublich schön sein, an Putins Rockzipfel zu hängen.

    17. März 2014 at 14:25

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