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Späte Genugtuung für einen Visionär im Klassenzimmer

„Inklusion ist keine Aufgabe der Schulen, sondern eine für die ganze Gesellschaft“: Wie sich Dieter Voß seit langem für die Teilhabe behinderter Kinder am regulären Unterricht einsetzt und gegen faule Ausreden kämpft. Von Kathrin Aldenhoff

Bundespräsident Joachim Gauck (l.) begrüßte im Schloss Bellevue in Berlin bei seinem Neujahrsempfang den Schulamtsdirektor und Pionier im Bereich der Integration behinderter Schüler, Dieter Voss aus Nordrhein-Westfalen (Foto: Axel Schmidt/dapd)

Mit seinen großen, kräftigen Händen streicht Dieter Voß über die Tischplatte. So als wolle er all die Bedenken wegwischen, mit denen ihn Lehrer, Eltern und Kollegen jahrzehntelang konfrontiert haben. Sätze wie „Die sind unter sich doch am glücklichsten“ und „Die können da gar nicht mithalten“ hat der 65-Jährige in seinen 40 Jahren Schuldienst unendlich oft gehört. Mit „die“ sind Kinder mit sogenannter geistiger Behinderung gemeint. Und deren Teilhabe am regulären Schulunterricht ist seine Lebensaufgabe.

Wofür der Visionär aus dem Münsterland kämpft, ist heute unter dem Stichwort „Inklusion“ in aller Munde. Zum Schuljahr 2014/2015 sollen in Nordrhein-Westfalen schrittweise behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam an Regelschulen unterrichtet werden. Weil sich Dieter Voß schon seit seiner Zweiten Staatsprüfung 1977 mit dem Thema befasst, war der pensionierte Schulamtsdirektor mit rund 60 engagierten Bürgern am Donnerstag zum Neujahrsempfang bei Bundespräsident Joachim Gauck eingeladen. „Als ich die Einladung gesehen habe, da war ich platt“, sagt er. Auch wenn er der Meinung ist, dass er nichts Besonderes gemacht habe.

Inklusion ist für ihn eine Frage der christlichen Werte

Voß war Grund- und Hauptschullehrer, hat acht Jahre eine Schule für verhaltensauffällige Kinder in Borken geleitet und war als Schulamtsdirektor im Kreis Recklinghausen zuständig für die Förderschulen. Er ist gläubiger Christ. Gemeinsames Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern war für ihn immer auch eine Frage christlicher Werte: „Mit welchem Recht schließen wir Kinder aus? Wir dürfen Menschen nicht ins Abseits stellen“, sagt er bestimmt.

Deshalb setzte er sich dafür ein, dass sich Regelschulen für behinderte Kinder öffnen: Es war ein mühsames Vorhaben. Er hat diskutiert und immer wieder versucht, Vorurteile abzubauen. Oft gehe es dabei um Kleinigkeiten. Zum Beispiel wenn Schulen keine behinderten Schüler aufnehmen wollen, weil es keinen Aufzug gebe. „Das sind vorgeschobene Argumente“, meint er und schüttelt den Kopf.

Nach 17 Jahren im Schulamt ging er 2011 in Pension. Aber nur, um kurze Zeit später im Auftrag der Bezirksregierung Münster ein Fortbildungszentrum für Lehrer mit dem Schwerpunkt Inklusion aufzubauen. „Das hat mich gereizt“, sagt Voß und seine kleinen blauen Augen blitzen. Schon rund 2.500 Lehrer aus NRW haben an den Fortbildungen am Stift Tilbeck in Havixbeck teilgenommen. Sie lernen dort zum Beispiel, wie sie mit Sonderpädagogen gemeinsam den Unterricht gestalten können.

Am Anfang gab es keine Anerkennung im Kollegium

Dass das gar nicht so einfach ist, weiß auch Heike Stein. Die 59-jährige Sonderpädagogin arbeitet seit 16 Jahren an der Marktschule Ickern in Castrop-Rauxel. Die Grundschule war eine der ersten Schulen, an denen 1997 der „Gemeinsame Unterricht (GU)“ eingeführt wurde – einer der Erfolge von Dieter Voß. Kinder mit erhöhtem Förderbedarf werden dort in besonderen Klassen zusammen mit den anderen Kindern unterrichtet, ein zusätzlicher Sonderpädagoge betreut sie. „Am Anfang war es schwierig, im Kollegium Anerkennung zu finden“, sagt Stein. Sie sei auf viel Ablehnung gestoßen und auch deshalb ist sie Dieter Voß dankbar: „Das war Pionierarbeit, was er da geleistet hat.“

Der gemeinsame Unterricht sei aber noch lange keine Inklusion, sagt Voß. „Inklusion ist, wenn nicht mehr ausgewählt, aussortiert und stigmatisiert wird. Und da sind wir noch ganz am Anfang.“ Der Unterricht werde intensiver vorbereitet, die Lehrer könnten so besser auf die individuellen Belange aller Kinder eingehen. Und Heike Stein erzählt, dass sich ihre Schüler schnell daran gewöhnen, dass zum Beispiel ein Kind mit Downsyndrom in der Klasse sitzt: „Sie lernen, ganz normal mit Menschen mit Behinderung umzugehen.“

Das ist für Dieter Voß das Wichtigste. „Inklusion ist keine Aufgabe der Schulen, sondern eine für die ganze Gesellschaft“, sagt er.

(dapd)

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