""

Special Olympics 2012: Chips und Cola im Visier

Tausende Athleten durchlaufen während der Wettkämpfe ein Gesundheitsprogramm – das macht Sinn: Das Risiko zusätzlicher gesundheitlicher Einschränkungen liegt bei Menschen mit geistiger Behinderung um 40 Prozent höher. Von Daniel Wehner

Nicht wirklich gesund: Cola & Chips (Foto: Geocoaching)

Der 18 Jahre alte Kai verzieht sein Gesicht und schüttelt den Kopf. „Chips esse ich nie“, sagt er, als ihn Dr. Thomas Meyer in der Münchener Olympiahalle nach seinen Essgewohnheiten fragt. Der Judoka ist einer von rund 5.000 Athleten, die an den Special Olympics (20.-26.5.) in der bayerischen Landeshauptstadt teilnehmen. Und er durchläuft als einer von Tausenden das Gesundheitsprogramm „Healthy Athletes“ am Rande der Sommerspiele.

Das Risiko zusätzlicher gesundheitlicher Einschränkungen liegt bei Menschen mit geistiger Behinderung um 40 Prozent höher. Die Projekt-Initiatoren bieten daher kostenlose Untersuchungen und sehen die Politik in der Pflicht. „Es muss eine gesetzliche Feststellung des Leistungsanspruchs für diese Menschen geben“, sagt Imke Kaschke, Leiterin des Gesundheitsprogramms, und erläutert: „Die Leistungen für Ärzte sind nicht spezifiziert auf Menschen mit geistiger Behinderung.“ Dabei bräuchten sie oft eine besondere Behandlung und Aufmerksamkeit, da sie ihren gesundheitlichen Zustand nicht selbstständig mitteilen könnten.

Nicht alle Athleten sind diszipliniert

Das gilt auch für Kai. Er hat eine Lernschwäche und kann sich nur schwer konzentrieren. Als er inmitten der bunten Stände steht, deren Angebot von der Kariesvorbeugung über Suchtprävention bis zum Sehtest reicht, wirkt er etwas verloren. Um ihn herum stehen auf großen Bannern Erkenntnisse wie: „In Deutschland sterben über 380 Menschen pro Tag an den Folgen des Rauchens“ oder „Bewegung mildert Angstzustände und Depression“. Er startet bei der Ernährungsberatung und schlägt sich gut. „Bei ihm kann man nicht sehr viel verbessern“, sagt Thomas Müller. Auf den Tischen stehen 0,5-Liter-Flaschen Cola. Zur Veranschaulichung sind sie bis auf 17 Stücke Würfelzucker leer. Doch Kai betont ohnehin, dass er weder Cola trinkt noch Chips isst.

Nicht alle Athleten sind so diszipliniert wie er. Die Ergebnisse des Gesundheitsprogramms, das 2004 ins Leben gerufen wurde, zeigen, dass rund 40 Prozent der Athleten übergewichtig sind und mehr als 70 Prozent unter Nagel- oder Hauterkrankungen leiden. Zudem benötigt fast jeder dritte Teilnehmer an dem Projekt eine Weiterbehandlung beim Hörspezialisten und sogar jeder zweite Untersuchte eine zahnärztliche Behandlung.

480.000 Menschen mit geistiger Behinderung

Die Veranstalter des Gesundheitsprogramms haben sich vorgenommen, bis zum Ende der Spiele 5.000 Menschen mit geistiger Behinderung kostenlos zu untersuchen. Dabei sind nicht nur Athleten in die Olympiahalle eingeladen. Denn sie seien nur die „Spitze des Eisbergs“, sagt Kaschke. Insgesamt gibt es 480.000 Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland, darunter 40.000 aktive Sportler.

Kaschke ist zuversichtlich, dass die Belange dieser Menschen in Zukunft stärker wahrgenommen werden. Trotz ihrer Forderung nach einer Gesetzesänderung sagt sie: „Es hat sich noch nie so viel bewegt, wie in den letzten zwei Jahren.“ Die Teilnehmerzahl an dem Gesundheitsprogramm habe sich zum Beispiel seit dessen Einführung verdoppelt. Und Athleten wie Kai machen ihr Hoffnung, dass auch die Ergebnisse der Untersuchungen künftig besser ausfallen.

(dapd)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN