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Spektakuläre Inkontinenz-Therapie dank Enzymen und Nervenbrücke

US-Forschern ist es zum ersten Mal gelungen, querschnittsgelähmten Ratten ihre normale Blasenfunktion zurückzugeben. Von Lothar Epe

Ein nicht zerstörtes Rückenmark ist Voraussetzung für Blasenkontrolle (Foto: gw)

Ein nicht zerstörtes Rückenmark ist Voraussetzung für Blasenkontrolle (Foto: gw)

„Dass ich nicht mehr laufen kann, daran habe ich mich gewöhnt“, sagt ROLLINGPLANET-Autor Dirk Wessels, der seit seiner Jugend Paraplegiker ist und im Rollstuhl sitzt. „Aber nicht daran, dass ich meine Blase nicht mehr spüre. Das nervt mich mehr als meine Gehbehinderung.“

Ihn wie viele andere Betroffene wird deshalb vermutlich die folgende Nachricht elektrisieren – wenngleich es noch einige Jahre dauern wird, bis feststeht, ob sie tatsächlich einen Durchbruch bei der Inkontinenz-Therapie für Menschen bedeutet.

Yu-Shang-LeeWissenschaftlern der Case Western Reserve University in Cleveland (Ohio/USA) unter der Leitung von Professor Yu-Shang Lee (Foto) ist es eigenen Angaben zufolge erstmals gelungen, querschnittsgelähmten Ratten ihre normale Blasenfunktion zurückzugeben.

Dies berichten die Forscher in der Fachpublikation „Journal of Neuroscience“.

Experiment mit Ratten

In einem Experiment durchtrennten sie Ratten zunächst das Rückenmark auf Höhe des achten Brustwirbels. Als Folge waren die Tiere gelähmt und verloren auch die Kontrolle über ihre Blase. Anschließend wurde ihnen in einer Kombi-Therapie ein spezielles Enzymcocktail verabreicht, der ein vorher eingepflanztes Nervenstück dazu brachte, die Lücke im durchtrennten Rückenmark zu überbrücken. Enzyme sind Stoffe, die eine oder mehrere biochemische Reaktionen im Körper beschleunigen.

Der Cocktail, der aus Chondroitinase und einem Wachstumsfaktor besteht, wurde an den Nervenden injiziert. Dadurch war es den so präparierten Ratten drei Monaten wieder möglich, die Kontrolle über ihre Blasenfunktion zurück zu erlangen. Nach sechs Monaten gaben die behandelten Ratten fast wieder genauso viel Urin ab wie gesunde Kontrolltiere.

Das Enzym Chondroitinase

Mit dem Enzym Chondroitinase arbeiten Wissenschaftler bereits seit einigen Jahren, um durchtrennte Nervenfaser zusammen wachsen zu lassen – bei Ratten. Beim Menschen wurde der Erfolg dieser Methode bisher dadurch verhindert, dass es bei ihm viel schwerer ist, Enzyme an die Verletzungsstelle zu transportieren.

Wenn Nervenfasern im Rückenmark durchtrennt sind wie bei Querschnittgelähmten, gleicht die Verletzungsstelle einem Trümmerfeld mit zahlreichen „Stopp-Signalen“, die die nachwachsenden Fasern am Durchkommen hindern. Später bildet sich auch noch Narbengewebe. Viele Forscher suchen deswegen nach Methoden, die Stopp-Signale und das Narbengewebe zu entfernen, damit die nachwachsenden Fasern freie Bahn haben. Chondroitinase lautet einer der vielversprechenden Ansätze, um dieses Problem zu lösen.

Wie kommt das Enzym an die richtige Stelle?

Chondroitinase baut das Narbengewebe ab – allerdings war es bisher nicht so einfach, das Enzym an die Verletzungsstelle zu bringen. Professor Ravi Bellamkonda von der technischen Hochschule von Georgia erklärte bereits vor fünf Jahren:

„Chondroitinase ist sehr temperaturempfindlich. Bei Körpertemperatur bleibt es nur sehr kurz aktiv, man muss also zwei Wochen lang jeden Tag mit Pumpen und Kathetern immer wieder neues Enzym hinzufügen. Das hat aber viele Nachteile. Durch die Katheter bleibt die Verletzungsstelle offen und es kann leicht zu Entzündungen kommen, was im Rückenmark verheerende Auswirkungen haben kann. Außerdem lässt sich das Enzym nicht zielgenau verabreichen, so dass es einfach überall hin geht.“

Der indisch-amerikanische Wissenschaftler entwickelte eine Variante von Chondroitinase, die nicht so temperaturempfindlich ist. Die Körpertemperatur spielte also keine wesentliche Rolle mehr. Allerdings blieb immer noch die Frage, wie das Enzym an die benötige Stelle der Verletzung kommt.

Die Lösung mit der Nervenbrücke

Yu-Shang Lee und sein Team scheinen dafür nun eine Lösung gefunden haben – dank einer eingepflanzten Nervenbrücke, gewonnen aus einem Rippennerven. Die US-Forscher hoffen nun, diese Ergebnisse langfristig auf den Menschen übertragen zu können.

Davon würden dann möglicherweise zahlreiche Querschnittsgelähmte profitieren. Die Signale für die Fähigkeit zur Steuerung des kontrollierten Harnabgangs empfängt die Blase über das Rückenmark und das Gehirn. Da viele Querschnittsgelähmte diese Fähigkeit wegen der Durchtrennung im Rückenmarks verlieren, ist ihnen ein kontrollierter Harnabgang nicht mehr möglich.

Bisher nur bei einem bestimmten Typ Nervenfasern erfolgreich

„Die Speicherung und Abgabe des Urins ist bei den meisten Tieren und Menschen komplex und erfordert Informationen sowohl von der Blase und den Harngängen als auch vom Gehirn“, so die US-Wissenschaftler. Zunächst einmal seien weitere Studien nötig, um das Verfahren soweit zu verbessern, dass damit die Blasenfunktion bei Menschen wiederhergestellt werden könne.

Falls das klappt: Männer, es wird weiterhin im Sitzen gepinkelt! Noch funktioniert das Experiment nur mit einem bestimmten Typ von Nervenfasern – und nicht mit jenen, die erforderlich sind, damit Querschnittgelähmte wieder laufen können. Das aber, behauptet Dirk Wessels, wäre ihm dann völlig egal.

(RP)

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1 Kommentar

  • Ilona Lyn Koch

    Wenn das Wirklichkeit wird Langfristig- in derZukunft, wäre es der Wahnsinn und für viele Betroffene ein Segen,..

    29. Juni 2013 at 13:32

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