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Spitzensportreform beschlossen: Was ändert sich nun für den Behindertensport?

Der Innenminister verlangt mehr Erfolg – der DOSB setzt deshalb auf ein neues Potenzialanalysesystem.

Macht Druck auf den DOSB: Innenminister Thomas de Maizière (Foto: dpa)

Macht Druck auf den DOSB: Innenminister Thomas de Maizière (Foto: dpa)

Die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat am Samstag in Magdeburg mit großer Mehrheit (bei 439 Stimmberechtigten nur eine Gegenstimme und fünf Enthaltungen) für eine Spitzensportreform gestimmt. Dazu 11 Fragen und Antworten – inklusive eines Blicks auf den Behindertensport:

1. Was ist das Ziel der Reform?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière will den Abwärtstrend des deutschen Sports stoppen und fordert ein Drittel mehr Medaillen. In Rio hatte es 42 Plaketten, davon 17 goldene gegeben. 1992 in Barcelona waren es kurz nach der Wiedervereinigung noch 82, davon gar 33 goldene. Anschließend ging es stetig bergab, und das Erbe der auf Medaillen getrimmten DDR war schnell aufgebraucht. Über Atlanta 1996 (65), Sydney 2000 (56) und Athen 2004 (49) folgte schließlich in Peking 2008 mit 41 Mal Edelmetall der Tiefpunkt. In London waren es dann 44 Medaillen, allerdings davon nur elf Mal Gold.

Der Deutsche Behindertensport-Verband (DBS) holte 2016 in Rio de Janeiro mit 57 Medaillen neun weniger als in London 2012. Allerdings blieb die Zahl der Goldmedaillen gleich, und im Medaillenspiegel verbesserte sich Deutschland von Rang acht auf Platz sechs – vor allem dank starker Leichtathleten und Radsportler. Schlecht war dagegen die Ausbeute der Schwimmer. Nachdem diese bei Olympia ganz ohne Medaille geblieben waren, waren es bei den Paralympics nur drei, darunter keine goldene.

2. Wie sieht das Grundgerüst der Reform aus?

Das Strukturprojekt ist zukünftig verstärkt auf Erfolg ausgelegt. Durch ein Potenzialanalysesystem (POTAS) werden Sportler und Disziplinen zukünftig in drei Cluster eingeteilt und nach ihren Erfolgsaussichten in den nächsten vier bis acht Jahren bewertet. Sportarten, die nach dieser Einschätzung nicht auf Topniveau wettbewerbsfähig sind, erhalten weniger Förderung. Nicht mehr die Erfolge der Vergangenheit, sondern Potenziale und Perspektiven sollen nun für die Klasseneinteilung und somit für die Höhe der Fördergelder maßgeblich sein. Dazu soll durch die Reduzierung der Olympia- (13 statt 19) und Bundesstützpunkte (165 statt 204) eine stärkere Konzentrierung erreicht werden.

3. Was heißt das für weniger erfolgreiche Sportarten?

Sportarten mit geringen Erfolgsaussichten müssen mit erheblichen Einschnitten rechnen und erhalten wohl nur eine Art Grundversorgung. Das sorgt für Unmut bei diversen Verbänden. So merken die Gewichtheber etwa an, dass sie aufgrund der Dopingproblematik in ihrer Sportart keine Chancengleichheit haben. Auch stellt sich die Frage, ob eine Goldmedaille im Rodeln, das von deutlich weniger Nationen betrieben wird, sportlich wirklich eine höhere Wertigkeit besitzt als ein siebter Platz in der Leichtathletik gegen die gesamte Weltelite.

4. Was sagen die Verbände?

Die Sportverbände sind verärgert, dass sie quasi vor vollendete Tatsachen gestellt worden sind. Das Bundesinnenministerium habe im Alleingang eine Reform vorangetrieben, ohne Rücksprache mit den Verbänden zu halten. Die Verbände stören sich, dass das Konzept derart auf Medaillengewinne fixiert ist. Erfolge könnten nicht per Computer berechnet werden.

5. Haben die Verbände überhaupt eine Wahl?

Nein. Mehr Geld als die bisherigen 167 Millionen Euro gibt es zukünftig vom Bund nur, wenn das Reformpaket verabschiedet wird. So werden die Verbandsbosse wohl oder übel zustimmen. Das haben sie bereits signalisiert.

6. Wie ist die Meinung der Athleten?

DOSB-Präsident Alfons Hörmann irritierte mit seinen Aussagen. (Foto: dpa)

DOSB-Präsident Alfons Hörmann irritierte mit seinen Aussagen. (Foto: dpa)

DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte auf der Bundespressekonferenz von einem Manifest, einer 95-prozentigen Zustimmung der Athleten, gesprochen. Tatsächlich hat es aber eine konkrete Umfrage zur Reform nie gegeben. Sportler waren lediglich von der Deutschen Sport Marketing zur Marke Olympiamannschaft befragt worden. Daraus hatte Hörmann die Zustimmung zur Spitzensportreform abgeleitet. Entsprechend irritiert war die Athletenkommission ob der Aussagen. Viele Sportler fühlen ihre Leistung nicht gewürdigt, sollten sie nur an Medaillen gemessen werden. Auch die fehlende Transparenz auf dem Weg zur Reform wurde beklagt. Grundsätzlich befürworten die Athleten aber die Reform.

7. Welche Rolle spielt zukünftig der Behindertensport?

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensport-Verbandes (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/lhe)

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensport-Verbandes (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/lhe)

In der Reform werden die paralympischen Sportler aufgewertet. So sollen Spitzensportler mit Behinderung eine bessere Förderung erhalten und womöglich ins Olympia-Stützpunktsystem eingebunden werden. Schon beim Sportetat für 2017 wurde der deutsche Behindertensport aufgewertet. So hatte es einen Nachschlag von 1,5 Millionen Euro gegeben, wodurch sich die Zuwendungen auf nun 7,5 Million Euro erhöhten (ROLLINGPLANET berichtete).

Mit bisher nur sieben hauptamtlichen Trainern in 23 paralympischen Sportarten „sind wir nicht zukunftsfähig“, hatte Friedhelm Julius Beucher, Präsident des DBS, in der Vergangenheit immer wieder betont: „Professioneller Leistungssport kostet Geld. Ein Athlet, der sich vorbereitet auf Tokio und die kommenden Spiele, hat nur eine Chance, wenn wir das Angebot der dualen Karriere ausbauen.“ Entsprechend erwartungsvoll blickt Beucher der Reform entgegen.

8. Mal die Funktionäre weggelassen: Wer vertritt die Behindertensportler?

Manuela Schmermund errang zuletzt bei den Paralympics in Rio de Janeiro den 5. Platz im Kleinkaliber-Dreistellungskampf. 2004 in Athen wurde sie Paralympicssiegerin mit dem Luftgewehr. (Foto: Privat/manuela-schmermund.de)

Manuela Schmermund errang zuletzt bei den Paralympics in Rio de Janeiro den 5. Platz im Kleinkaliber-Dreistellungskampf. 2004 in Athen wurde sie Paralympicssiegerin mit dem Luftgewehr. (Foto: Privat/manuela-schmermund.de)

Deutsche Spitzensportler wollen ihre Interessen künftig besser organisieren. In den nächsten Jahren soll eine „professionell und eigenständig agierende Athletenvertretung“ entstehen. Die Gründung einer Gewerkschaft ist dabei jedoch offenbar nicht das Ziel. In der neunköpfigen Athletenkommission vertritt die querschnittgelähmte Sportschützin und fünffache Paralympics-Teilnehmerin Manuela Schmermund (44) aus Niederaula/Hessen den Behindertensport.

9. Wann soll die Reform kommen?

2017 und 2018 bezeichnet Hörmann noch als Übergangsjahre, von 2019 an soll das System greifen. Im kommenden Jahr soll es aufgebaut werden, insbesondere die POTAS-Kommission.

10. Gibt es mehr Geld für den Sport?

Ja. De Maizière hat bereits angedeutet, dass mehr Geld für eine Anschubfinanzierung nötig ist. Wie hoch der Zuschuss sein wird, ist noch unklar. Der Innenminister sprach lediglich von „substanziellen und dauerhaften Beträgen“. 2017 muss der Sport aber noch mit 167 Millionen Euro auskommen. Lediglich für den Aufbau der POTAS-Kommission werden zusätzlich 700.000 Euro bereitgestellt.

11. Wie geht es mit der Reform nach der DOSB-Mitgliederversammlung
weiter?

Im Februar soll das Projektpapier dem Bundeskabinett vorgelegt werden, im Frühjahr könnte es dann im Bundestag diskutiert werden.

(RP/Stefan Tabeling/dpa)

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