Sport ist Mord. Und Behindertensport ist Mord an Behinderten

So einfach ist das. Oder etwa nicht? Ein Kommentar von Walter B.

Der Handbiker Paco Valen stürzt bei einem Rennen in Valencia/Spanien (Archivfoto vom 17. November 2013: FCG/Shutterstock.com)

Der Handbiker Paco Valen stürzt bei einem Rennen in Valencia/Spanien (Archivfoto vom 17. November 2013: FCG/Shutterstock.com)

Sport ist Mord. Und Behindertensport ist Mord an Behinderten. So einfach ist das. Oder etwa nicht? Warum soll für den Behindertensport nicht gelten, was für den Sport der Normalos erwiesenermaßen zutrifft? Hier wie dort müssen sich die Leistungen immer wieder überbieten. Schneller, stärker, weiter ist die Losung – bei Behinderten wie bei Nichtbehinderten. Und nie darf die fatale Spirale zu tanzen aufhören. Sie dreht sich immer weiter – bis es eben Leben kostet. Die Geschichte des Sports ist voller Beispiele dafür.

Hochleistungssport, und von dem sprechen wir hier, basiert auf gnadenloser Konkurrenz, durch die der Gegner ausgeschaltet oder zumindest überboten wird. Natürlich zeigt man sich – hat man mal gewonnen – wieder versöhnlich, umarmt den Gegner sportlich oder schüttelt ihm wohlwollend die Hand. Solche Gesten verhindern, dass der Sport vollends ins Zwielicht gerät und seinen trotz allem noch erstaunlich guten Ruf ganz verliert.

Hochleistungssport muss auch immer wieder für neue Rekorde sorgen. Ohne dies würde das Interesse daran schnell erlahmen. Der ganze Zirkus würde sich totlaufen. Gibt es etwas Langweiligeres als Menschen zuzusehen, zum Beispiel Rollifahrern, die auf der Tartanbahn ihre schweißtreibenden Runden drehen, ohne dass dabei nicht zumindest entfernt die Möglichkeit besteht, dass ein neuer Rekord aufgestellt wird? Das wäre nur noch langweilig, öde, zumindest für die ZuschauerInnen. Sport ohne Zehntelsekunden ist wie eine Suppe ohne Salz: fade und kaum genießbar.

Und diese Zehntelsekunden haben natürlich längst auch im Behindertensport Einzug gehalten. Der hat deutlich zum Normalsport aufgeschlossen. Er führt nicht mehr ein Schattendasein, sondern ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wurde gleichsam normalisiert. Ein Zeichen dafür ist das Dopingproblem. Gratuliere!

Dabei war der Behindertensport ursprünglich mal ein eher therapeutisches Projekt, ein durchaus vertretbares Mittel der Rehabilitation, insbesondere von Querschnittgelähmten. Die therapeutische Botschaft war: Auch nach einem Unfall geht das Leben weiter. Und es macht auch weiterhin Spaß, unter anderem dank des Sports. Das Argument hat bei vielen jungen Unfallopfern verfangen – und der Sport so seine heilende Wirkung entfaltet. So weit, so gut. Was kann man schon dagegen haben?

Doch der Sport ist inzwischen zu einer Art Religion geworden – für die Behinderten ebenso wie für die Normalos. Blind glaubt man an seine erlösende Kraft. Sportfans sind die modernen Gläubigen, die bedingungslos für ihre Mannschaft, ihre Glaubensgemeinschaft eintreten, und letztlich auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Und Kritiker des Sports werden als Ketzer betrachtet, als Spielverderber und Nestbeschmutzer. Das könnte auch dem Verfasser dieser Zeilen blühen …

Dabei möchte er nur zu bedenken geben, dass sich mit der „Normalisierung“ des Behindertensports auch das Leistungsprimat – was sage ich? –, das Hochleistungsprimat endgültig in der Behindertenwelt breit gemacht hat. Leistungsstarke Behinderte sind gute Behinderte. Alle, die ihre Behinderung überkompensieren und besondere, hervorragende Leistungen erbringen, sei es im Sport, sei es beruflich, sei es wo immer, all die Behinderten werden bewundert und auf den Schild gehoben. Die sind Vorbilder – auch für die Normalos. Und die andern Behinderten? Die gehen vor lauter Euphorie vergessen.

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PS: Ich persönlich konnte nie, aber auch gar nie mit Sport etwas anfangen. Mein Körper hat sich jeweils innig geweigert, so barbarisch repetitive und sinnlose Bewegungsmuster auszuführen, wie sie im Training eben anfallen. Innert Kürze ist er wie natürlich in eine fast schon lethargisch zu nennende Behaglichkeit zurückgeglitten. Andere nennen das wohl Faulheit. Vielleicht bin ich deshalb zum Sportverächter, ja -ketzer geworden. Man möge einem armen Sünder vergeben.

Walter BDer Autor wurde 1956 in Basel geboren. Zwei Jahre später erkrankte er an Kinderlähmung und ist seither Rollifahrer. Zwar im Heim aufgewachsen, aber trotzdem kein Heimkind. Zwar ein Mensch mit Körperbehinderung, aber trotzdem nicht behinderter als die anderen auch. Walter B. veröffentlicht regelmäßig auf ROLLINGPLANET. Seine Artikel finden Sie auch auf seinem Blog WALTER BS TEXTEREIEN

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2 Kommentare

  • Stigmaman

    Kürzlich erst irgendwo gelesen: Wegen der vorgeschädigten Nervenzellen müssen Menschen mit durchgemachter Polio schon im normalen Alltagsbetrieb soviel Muskelkraft aufwenden, dass sie ihr Leben lang die Leistung eines Marathonläufers aufbringen müssen. Wenn die dann noch Hochleistungssport machen: Na Prost Mahlzeit! Insofern ist dem sportunlustigen Autor offensichtlich einiges erspart geblieben. Wäre auch schade, wenn wir deshalb seine Artikel hier nicht lesen könnten.

    17. November 2015 at 18:00
  • Karin Knoll

    Zum Thema „Sport ist Mord“ bin ich zu 100% der Meinung des Autors dieses Beitrags. Und auch dazu, dass dies selbstverständlich auch für den Behindertensport gilt – denn diesen althergebrachten Unterschied zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen gibt es doch längst nicht mehr (oder???)

    Am besten identifizieren kann ich mich mit dem Schlusswort des Autoren:

    „PS: Ich persönlich konnte nie, aber auch gar nie mit Sport etwas anfangen. Mein Körper hat sich jeweils innig geweigert, so barbarisch repetitive und sinnlose Bewegungsmuster auszuführen, wie sie im Training eben anfallen. Innert Kürze ist er wie natürlich in eine fast schon lethargisch zu nennende Behaglichkeit zurückgeglitten. Andere nennen das wohl Faulheit. Vielleicht bin ich deshalb zum Sportverächter, ja -ketzer geworden. Man möge einem armen Sünder vergeben.“

    17. November 2015 at 23:15

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