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„Sprechen transportiert mehr als nur Worte“: Wie lassen sich Emotionen wiedergeben?

Jan-Oliver Wülfing entwickelt an der Uni Augsburg eine neue Kommunikationshilfe für Menschen mit Sprechbehinderung.

Jan-Oliver Wülfing arbeitet an einer computerunterstützten Kommunikationshilfe, die es Menschen mit Sprechstörungen ermöglichen soll, Emotionen „mitzutransportieren“. (Foto: privat)

Jan-Oliver Wülfing arbeitet an einer computerunterstützten Kommunikationshilfe, die es Menschen mit Sprechstörungen ermöglichen soll, Emotionen „mitzutransportieren“. (Foto: privat)

Mit einer melodisch flüssigen Sprechweise teilen wir in alltäglichen Situationen auch unbewusst unserem Gegenüber viel mit. Doch was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, ist für andere schwierig oder gar unmöglich. Das weiß Jan-Oliver Wülfing nicht nur durch seine berufliche Tätigkeit, sondern auch durch seinen persönlichen Hintergrund. Aufgrund einer Infantilen Zerebralparese sind seine Sprechfähigkeit sowie seine Feinmotorik eingeschränkt. Am Institut für Informatik der Universität Augsburg entwickelt er nun – gefördert im Rahmen des Projekts PROMI des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) – eine neue computerunterstützte Kommunikationshilfe für Menschen mit Artikulationsstörungen.

Im Mittelpunkt seines Dissertationsprojektes mit dem Arbeitstitel „What are Implications of Prosodic Speech for Augmented Communicators“ steht die Wiedergabe von Emotionen. „Vor allem die Übermittlung von Gefühlen ist bei der synthetischen, vom Computer erzeugten Sprache schwierig“, sagt Jan-Oliver Wülfing, der in Trier Computerlinguistik und Psychologie studiert und anschließend bereits in zwei Fraunhofer-Instituten geforscht hat. „Sprechen transportiert halt mehr als nur Worte.“ Eine Kommunikationshilfe, die diesen Nachteil ausgleicht, erleichtert den Betroffenen nicht nur die Teilhabe am beruflichen, sondern auch am sozialen Leben. Denn nicht nur fällt ihnen selbst das Sprechen schwer, soweit es ihnen nicht gar ganz unmöglich ist, vielmehr ist auch für ihre Zuhörer oder Gesprächspartner die Kommunikation unter Umständen schwierig oder anstrengend, was wiederum zu Berührungsängsten führen kann.

Nahezu 100.000 Menschen mit Sprachstörung in Deutschland

Prof. Dr. Elisabeth André, die an ihrem Augsburger Lehrstuhl für Multimodale Mensch-Technik-Interaktion die Dissertation Wülfings betreut, freut sich über ihren neuen Mitarbeiter und finanziert dessen Stelle zu 30 Prozent aus Mitteln ihres Lehrstuhls. „Allein in Deutschland leiden nahezu 100.000 Menschen an einer Sprachstörung“, hebt sie die Bedeutung des Projektes hervor und ist sich sicher: „Die von Herrn Wülfing zu entwickelnde Technologie wird es diesen Menschen ermöglichen, sich auf eine flexiblere und gleichzeitig natürlichere Art und Weise zu verständigen, als dies bei derzeit verfügbaren Kommunikationshilfen möglich wäre.“

PROMI: Promotionsstellen für schwerbehinderte Forscherinnen und Forscher

Ermöglicht wird Wülfings Forschungsvorhaben durch das Projekt PROMI: Aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales werden bundesweit an 15 Universitäten insgesamt 45 Promotionsstellen speziell für schwerbehinderte Forscherinnen und Forscher zu jeweils 70 Prozent vom BMAS finanziert, 30 Prozent trägt die jeweilige Universität. An der Universität Augsburg wurden bereits 2014/15 fünf dieser Stellen eingerichtet. Der Arbeitgeber-Service für schwerbehinderte Akademiker der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) führt das Projekt durch, er berät die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die beteiligten Universitäten und schlägt diesen geeignete Promotionskandidaten vor.

Das Ziel: Durch die Promotionserfahrung sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des PROMI-Programms anschließend leichter eine Beschäftigung finden, entweder im Wissenschaftsbetrieb, bei Behörden, Verbänden oder in der freien Wirtschaft. Denn trotz des Fachkräftemangels haben es Schwerbehinderte bei der Stellensuche nach wie vor besonders schwer. Obwohl auch sie in geringem Maße von den positiven Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt profitieren konnten, sind sie immer noch doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie der Bundesdurchschnitt, Akademiker eingeschlossen.

Hochmotiviert und mit ausgeprägtem Organisationstalent

Dabei bringen Behinderte potenziellen Arbeitgebern auch einen Mehrwert, wie Klaus Schuldes vom Arbeitgeber-Service für schwerbehinderte Akademiker der ZAV weiß: „Gerade schwerbehinderte Akademikerinnen und Akademiker sind während ihres Studiums hochmotiviert, denn sie müssen nicht nur die Herausforderung des Lehrplans, sondern auch des täglichen Lebens meistern. Und weil selbst die einfachsten Handgriffe, die für andere eine Selbstverständlichkeit sind, für sie eine Hürde darstellen können, verfügen sie über ein ausgeprägtes Organisationstalent.“

Diese Stärken hervorzuheben kann im Vorstellungsgespräch Pluspunkte verschaffen. Jan-Oliver Wülfing empfiehlt anderen Arbeitsuchenden mit Behinderung generell, gegenüber potenziellen Arbeitgebern offen mit ihrer Behinderung umzugehen. „Oft können sich Arbeitgeber unter einer medizinischen Bezeichnung wenig vorstellen“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. „Es ist besser, anhand praktischer und lebensnaher Beispiele zu schildern, wie sich die Behinderung auswirkt. Auch proaktiv auf Fördermöglichkeiten durch die Agentur für Arbeit hinzuweisen, halte ich für sinnvoll.“

(RP/PM)

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