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Staatliches Museum für Ägyptische Kunst öffnet sich blinden Menschen

Exponate anfassen erlaubt: In München können sehbehinderte Menschen eigenständig Geschichte erleben – und manchmal Unerwartetes erfahren. Von Fabian Nitschmann

Livia Buoni-Hofmann (l.) und Sabine Friedrich (r.), beide blind, ertasten eine Sphinxfigur im Museum für Ägyptische Kunst in München. Das Staatliche Museum für Ägyptische Kunst möchte mit einem aufwendig erstellten Audioguide auch Blinden einen authentischen Museumsbesuch ermöglichen. (Foto: Alexander Heinl/dpa)

Livia Buoni-Hofmann (l.) und Sabine Friedrich (r.), beide blind, ertasten eine Sphinxfigur im Museum für Ägyptische Kunst in München. Das Staatliche Museum für Ägyptische Kunst möchte mit einem aufwendig erstellten Audioguide auch Blinden einen authentischen Museumsbesuch ermöglichen. (Foto: Alexander Heinl/dpa)

Sabine Friedrich hat ihre Hände auf ein Tausende Jahre altes Abbild eines Pharao-Kopfes gelegt. Ihre Finger erkunden den alten Stein in Sekundenschnelle. Als sie erfährt, dass der Kopf schwarz-weiß gesprenkelt ist, ist die 71-Jährige irritiert. Braun und einfarbig hatte sie ihn sich vorgestellt – passend zur glatten Oberfläche. Doch selbst sehen kann sie den Pharao nicht.

Sabine Friedrich ist blind. Der Verlust der Sehkraft begann bei ihr mit vier Jahren. Seit sie 45 ist, sieht sie nichts mehr. Nur zwei Prozent Sehkraft hatte sie die meiste Zeit ihres Lebens – von Farben hat sie daher aber eine Vorstellung. Im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst in München (SMÄK) ist Friedrich Teilnehmerin eines Projekts, das sie als großes Privileg wahrnimmt: Sie hat die Möglichkeit, zahlreiche Exponate mit den Händen zu erkunden.

Und dieses Privileg nutzt die neugierige Frau gerne. „Lasst mich mal kurz schauen“, sagt Friedrich sofort, sobald sie vor das nächste Ausstellungsstück geführt wird. Sie lacht und lässt ihre Hände über eine knieende Pharao-Figur gleiten. Quadratische Knie, ausgeprägte Muskulatur – Friedrich hat bereits nach wenigen Sekunden Details erfasst, die den umstehenden Sehenden noch gar nicht aufgefallen sind. Erst danach hat Friedrich Lust, sich die fachlichen Erläuterungen zu dieser Figur anzuhören.

Wenn die Projektleiterin dazu lernt

Gemeinsam mit fünf weiteren Blinden sammelt Friedrich derzeit im Museum sämtliche Eindrücke, die anderen Blinden einen eigenständigen und besonderen Museumsbesuch per Audioguide möglich machen sollen. Dazu gehört auch die genaue Beschreibung der Exponate mit Details, die viele Museumsbesucher nie entdecken würden. „Ich habe nie darauf geachtet, dass Horus-Figuren – also Mischwesen aus Falken und Menschen – so aussehen und sich so anfühlen, als würden sie Knickerbocker tragen“, sagt Projektleiterin Mona Horncastle. „Wir bekommen so für blinde Besucher besondere Informationen und Eindrücke, die man nur haben kann, wenn man die Exponate anfasst. Nun können wir aber nicht jeden alles anfassen lassen.“

Für das SMÄK ist das Blinden-Projekt der nächste Schritt bei der Inklusionsarbeit. Bereits jetzt bekommt das Museum viel Lob für sein Engagement in Sachen Barrierefreiheit. „Das SMÄK ist ein herausragendes Beispiel, weil dort für mehrere Gästegruppen etwas gemacht wird», sagt der Vorsitzende des Vereins „Tourismus für alle“, Rüdiger Leidner. Leidner ist zudem Tourismus-Beauftragter des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands. Auch bei einer Zertifizierung durch das Projekt „Reisen für alle“ ist das SMÄK laut Leidner positiv aufgefallen: Nur 2 der bislang 53 untersuchten Museen bieten Informationen in Blindenschrift – das SMÄK gehört dazu.

Hinter den Schenkeln eines Sphinx

„Wir wollen weiter wissen, was die Betroffenen bei der Barrierefreiheit brauchen. Wir sind interessiert, das Angebot weiter auszubauen“, sagt Roxane Bicker, Museumspädagogin im SMÄK. Sie begleitet die Blinden durch das Museum und liefert das Expertenwissen zu den Exponaten. Mona Horncastle führt dieses Expertenwissen sowie die Eindrücke der sechs Blinden zusammen, die ersten Skripte werden derzeit geschrieben. Ende des Jahres soll dann der fertige Audioguide im Museum angeboten werden können.

Dieser richtet sich dann zwar vornehmlich an Blinde, könnte aber auch für Sehende eine Bereicherung sein. Projektleiterin Horncastle etwa, die zuvor mit Gehörlosen im Museum gearbeitet hat, schaut inzwischen anders auf die Ausstellungsstücke:

„Ich glaube, dass ich deutlich sensibler und genauer geworden bin. Und das ist nachhaltig für unsere weitere Arbeit hier im Museum.“

Livia Buoni-Hofmann (78), eine der blinden Teilnehmerinnen des Projekts, empfiehlt zudem, Exponate immer von allen Seiten anzuschauen. „Hinter den Schenkeln eines Sphinx habe ich beim Befühlen plötzlich etwas Rundliches entdeckt, das wohl nicht zu einem Weibchen gehört.“ Seitdem kann sie sich merken: Ein ägyptischer Sphinx – meist eine Mischung eines Löwen und eines Pharaos – ist immer männlich.

Webseite: Museum für Ägyptische Kunst in München

(dpa)

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