Stammzelltherapie an geistig behinderten Kindern mit Todesfolge

Mit ihrer umstrittenen Methode war eine Privatklinik in Düsseldorf für Eltern aus aller Welt die letzte Hoffnung – nun steht die damals behandelnde Ärztin vor Gericht. Von Frank Christiansen

Die wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Neurochirurgin Uta H. unterhält sich im Landgericht in Düsseldorf  mit ihrem Verteidiger Pierre Gärtner. (Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Die wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Neurochirurgin Uta H. unterhält sich im Landgericht in Düsseldorf mit ihrem Verteidiger Pierre Gärtner. (Foto: Monika Skolimowska/dpa)

Zehn Minuten sei sein Sohn Ricardo bei der Geburt ohne Sauerstoff gewesen, berichtet der Vater (29), als Zeuge eigens aus Italien nach Düsseldorf gereist. Das Neugeborene hatte schwerbehindert überlebt, es musste mit einer Sonde ernährt werden, konnte sich kaum bewegen. Es wird etwas entwickelt, das seinem Sohn helfen könnte, erfuhr der verzweifelte Vater damals. „Es wird mit Stammzellen experimentiert.“

Vor fünf Jahren: Die Eltern reisen mit ihrem inzwischen zwei Jahre alten Sohn nach Düsseldorf. Dort werden ihm in einer Privatklinik für eine fünfstellige Summe Stammzellen aus dem Knochenmark entnommen, aufbereitet und durch die Schädeldecke ins Gehirn gespritzt. Doch es kommt zu Komplikationen, Ricardo stirbt.

Angeklagte mit ungewöhnlichem Lebenslauf

Inzwischen sitzt die behandelnde Ärztin (59) auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts. Staatsanwalt Christoph Kumpa wirft ihr fahrlässige Tötung vor. Die Methode sei schon damals wissenschaftlich höchst umstritten gewesen und die Aufklärung der Eltern vor der Operation unzureichend.

Die Angeklagte wirkt beim Prozessauftakt mitgenommen. „Es fällt ihr sehr schwer, hier zu sein“, sagt ihr Anwalt Pierre Gärtner. „Was sie gemacht hat, ist weit entfernt von jeder Strafbarkeit.“

Als evangelische Pfarrerstochter hat sie sich beruflich kranken Kindern gewidmet. „Ich durfte in der DDR kein Abitur machen, weil ich nicht in der FDJ war.“ Deswegen wird sie erst Krankenschwester, später doch noch Kinderärztin. Sie entwickelt ein Mini-Endoskop für Kinderkörper, ist von minimalinvasiven Methoden begeistert, arbeitet in Afrika und im Jemen.

„Wir haben unglaublichen Erfolg erzielt“

Nach einer Forschungsstelle an der Uni Köln wird sie von der Düsseldorfer Privatklinik der Firma X-Cells angeworben. Dort behandelt sie geistig schwerbehinderte Kinder aus aller Welt mit Stammzellen, mehrere Hundert Kinder insgesamt. Sie habe zwölf Stunden am Tag gearbeitet und sei heute noch überzeugt: „Wir haben unglaubliche Erfolge damit erzielt. Kinder, die mit der Sonde ernährt werden mussten, konnten plötzlich essen.“

Die Kinder seien schulmedizinisch austherapiert gewesen, sagt ihr Anwalt. „Es war ein Heilversuch, eine Außenseiter-Methode, wissenschaftlich nicht anerkannt. Das haben wir immer klar gesagt“, betont die Neurochirurgin. Die Eltern seien darüber schriftlich und mündlich umfassend aufgeklärt worden, auch über das tödliche Risiko des Eingriffs von 0,5 Prozent.

Die Therapie sei damals als Versuch befristet zugelassen gewesen. Dass die neue Methode aus der Fachwelt viel Gegenwind bekommt, weiß sie, hält sie aber für normal und spornt sie eher an. „Extrem aufwendig“ habe sie die Eingriffe und die Erfolge mit ihrem Kollegen dokumentiert.

Stammzellen-Therapie angeblich nicht Todesursache

Dass der zweijährige Ricardo nach Hirnblutungen stirbt, sei eine sehr seltene Komplikation bei der Punktion gewesen, einer weltweit anerkannten Standardmethode. Die Stammzellen seien nicht die Ursache, behauptet die Medizinerin.

Der Privatklinik war Ende April 2011 von der Kölner Bezirksregierung und dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium die Stammzelltherapie verboten worden. Die Klinik ist inzwischen geschlossen und die Betreiberfirma pleite. Die angeklagte Neurochirurgin arbeitet inzwischen nicht mehr als Ärztin, sondern wieder in ihrem alten Beruf als Kinderkrankenschwester.

(dpa)

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1 Kommentar

  • dasuxullebt

    Ich freue mich schon auf die Kommentare zu diesem Beitrag, von Wegen wie böse es sei an geistig behinderten Kindern Experimente durchzuführen.

    Wenn die Eltern nicht ausreichend darüber informiert wurden, dass eines von zweihundert Kindern an dem Eingriff sterben kann, dann ist das ein ärztlicher Fehler – aber noch lange keine fahrlässige Tötung. Solch schwer behinderte Kinder haben nicht selten eine sehr kurze Lebenserwartung, die durch solche Maßnahmen verlängert werden kann. Sonst müsste jedes krebskranke Kind das bei einer kritischen aber potentiell lebensverlängernden OP stirbt als fahrlässige Tötung gelten. Es ist ein kalkuliertes Risiko, das man leider eingehen muss; wir haben leider als einzigen Erkenntnisgewinn Trial and Error. Und ich bin mir sicher, dass die Ärztin vorher viele Tierversuche durchführte. Irgendwer muss aber immer der erste Mensch sein an dem etwas probiert wird. So traurig das auch ist, wer das nicht akzeptiert der darf keine der medizinischen Fortschritte des letzten Jahrhunderts nutzen.

    21. Oktober 2015 at 14:25

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