""

Stephen Hawking (1): Genie oder Gaukler?

Stephen Hawking in schwerelosem Zustand bei einem Simulationsflug der NASA, 2007

Der berühmteste Rollstuhlfahrer der Welt feiert heute seinen 70. Geburtstag. ROLLINGPLANET gratuliert und stellt in einer zweiteiligen Serie den britischen Physiker vor, der als klügster Mann der Welt gilt. Heute Folge 1: Flucht vor Hitler, Ausbruch der Krankheit und Außerirdische.

Kindheit, Jugend und ein ehrgeiziger Vater

Sein vollständiger Name ist Stephen William Hawking. Er wurde während des Zweiten Weltkriegs am 8. Januar 1942 in Oxford (Großbritannien) geboren. Um der Bombardierung durch Hitlers Truppen zu entgehen, waren seine Eltern aus dem Londoner Stadtteil Highgate ins 90 Kilometer entfernte Oxford gezogen.

Vater Frank war Tropenarzt und wollte unbedingt, dass auch sein Sohn als Mediziner arbeitete. Der nahm sich jedoch schon mit neun Jahren vor, lieber Wissenschaftler zu werden. Noch vor dem Schulabschluss nahm Stephen Hawking, 17 Jahre jung, probeweise an einer Aufnahmeprüfung für die Elite-Uni Oxford teil. Er bestand sie mit Auszeichnung und ergatterte sogar ein Stipendium. Er studierte Physik.

Das macht er an seinem heutigen Geburtstag

Offizielles Porträt auf seiner Homepage (www.hawking.org.uk)

Stephen Hawking wird an diesem Sonntag eine öffentliche Vorlesung in Cambridge halten. Dort wird – wie es in wissenschaftlichen Kreisen zu Ehren eines renommierten Geburtstagskindes üblich ist – ein Symposium für Hawking ausgerichtet. Diese wissenschaftliche Tagung mit mehr als 100 Kollegen und Schülern aus aller Welt findet bereits seit Donnerstag statt – bisher ohne die Anwesenheit von Hawking, der wegen Krankheit absagen musste. Heute will er sich jedoch ans Pult schleppen – heutiger Höhepunkt neben Hawkings erhofftem Auftritt wird eine Festrede von Saul Permutter sein, der im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Physik erhielt.

Das ist sein Geburtstagswunsch

Hawking wünscht sich einen ziemlich besten Freund, wie wir vor einigen Tagen aus der Presse erfahren haben. Er sucht einen Assistenten für 29.800 Euro Jahresgehalt. Erforderliche Qualifikationen: technisch und mit dem Computer topfit, Organisationstalent (Reisen für Hawking und sein Pflegepersonal vorbereiten, mindestens drei Monate im Jahr unterwegs sein), begnadeter öffentlicher Redner und in der Lage, eine Vorlesung zur höheren Astrophysik vorzubereiten.

Die Nachricht erschien nicht ohne den obligatorischen Hinweis, dass Hawking „an den Rollstuhl gefesselt ist“. Das hat behinderte Menschen in der Bloggerszene aufgebracht (ROLLINGPLANET berichtete: Niemand fesselt so viele Rollstuhlfahrer wie die Journalisten von der “Welt” )

Was wäre Stephen Hawking ohne seine Behinderung?

Als junger Student (undatiert, Foto: nabeelzeeshan.com/blog)

Vermutlich jemand, der Playboy statt Wissenschaftler ist. Oder er hätte sich trotzdem für eine Karriere als Astrophysiker entschieden, wäre aber heute außerhalb seines Fachbereichs kaum einem Menschen bekannt. In Physikerkreisen wird Hawking weitaus vorsichtiger bewundert, als sein Ruhm in der Welt der Nichtwissenschaftler vermuten lässt. Die von oberflächlichen Medienmenschen kreierte Hawking-Formel lautet: „Wissenschaftliche Thesen, die kein Normalsterblicher versteht“ + „Rollstuhl“ = muss ein „Genie“, „der klügste Mensch der Welt“ oder „Ein Jahrhundertgenie wie Albert Einstein“ („Spiegel“) sein.

ROLLINGPLANET ist überzeugt, dass hinter dieser Etikette die Faszination für das Bild „Kaputter Körper – genialer Geist“ (wie ein Journalist schrieb, der dieser verlockenden Formulierung nicht widerstehen konnte) steckt. Zu Recht lässt sich behaupten, dass Stephen Hawking mindestens 70 mal so schlau ist wie alle ROLLINGPLANET-Mitarbeiter zusammen. Und ROLLINGPLANET ist sehr beeindruckt von der Leistung dieses Mannes – aber ist er deshalb wirklich das weltweit führende Superhirn? Oder ist der Superlativ nur dem Umstand zu verdanken, dass man einem behinderten Menschen insgeheim nicht zutraut, verdammt intelligent zu sein? Hawking ohne Rollstuhl und ohne den aufgrund seiner Krankheit verzerrten Gesichtsausdruck ist kaum vorstellbar. Dabei gab es bei ihm auch ein Leben ohne Behinderung. Es gibt andere eindrucksvolle Aufnahmen, die einen jungen, intellektuellen, äußerst gut aussehenden, körperlich nicht entstellten Mann zeigen – aber die zählen nicht.

In ihrer Vorliebe für spektakuläre Bilder übersehen die meisten Schlagzeilen-Produzenten: Viele seiner revolutionären Thesen konnte Stephen Hawking bisher nicht beweisen – oder er musste sie sogar widerrufen. Ein monumental bleibendes und anerkanntes Physikgesetz wie Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie, welche die Struktur und Dynamik des Universums als Ganzes beschreibt, ist Hawking bislang nicht gelungen. Auf den Nobelpreis wartet der Brite deshalb immer noch.

Ausbruch der Krankheit ALS und das Wunder

1963 wurde bei dem 21-jährigen Hawking – soeben hatte er seine Doktorarbeit begonnen – Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert. Da seine Hand zu dieser Zeit schon Lähmungserscheinungen zeigte, diktierte er seine Dissertation mehreren Helfern. Seit 1968 ist Hawking an den Rollstuhl gefesselt auf einen Rollstuhl angewiesen. Möglicherweise, sagt Hawking, wäre er ohne die Erkrankung niemals so erfolgreich geworden: Als Student sei er begabt gewesen, aber faul. Erst wegen der Lähmung habe er beschlossen, sich ganz auf seine Forschung zu konzentrieren.

„90 Prozent der Menschen mit ALS sterben innerhalb von zwei bis fünf Jahren, nachdem die Symptome zum ersten Mal auftauchen. Nur fünf Prozent leben länger als zehn, 15 oder 20 Jahre. Wir wissen nicht, warum Stephen solch eine Ausnahme ist“, beschreibt Brian Dickie, einer der weltweit führenden ALS-Experten, das medizinische Wunder Hawking.

Seine Hilfsmittel: Zunächst altmodisch, dann hochmodern

Der Wissenschaftler und sein Kommunikationsgerät (im Mai 2006 während einer Pressekonferenz in der Bibliothèque nationale de France)

Bei einem Besuch des Forschungszentrums CERN in Genf erlitt Hawking 1985 eine Lungenentzündung, die aufgrund seiner Grunderkrankung lebensbedrohlich war – und die häufigste Todesursache bei ALS-Betroffenen ist.

Aufgrund der eintretenden Atemnot entschlossen sich die Ärzte zu einem Luftröhrenschnitt. Seither kann Hawking nicht mehr sprechen. Zunächst kommunizierte er altmodisch: Er zog eine Augenbraue hoch, wenn jemand auf einer Tafel auf den von ihm gewünschten Buchstaben deutete.

Danach benutzte er einen Sprachcomputer. Mit einem Taster in der Hand konnte er aus einer Liste von Begriffen von einem Bildschirm wählen, die dann an einen Sprachgenerator geschickt wurden. So brachte er es auf bis zu fünfzehn Wörter in der Minute.

Mittlerweile steuern die Bewegung seiner Pupillen über ein Infrarotsignal das Gerät.

Ein anderes Hilfsmittel war von Anfang an altmodisch: Sein Kopf. Da Hawking schon in jungen Jahren nicht mehr in der Lage war, seine Formeln auf Papier oder Tafeln zu schreiben, musste er damals wie heute seine hochkomplexen Berechnungen im Kopf ausführen – ein unglaubliches Vermögen.

Das ist die Amyotrophe Lateralsklerose

ALS ist eine seltene Rückenmarkserkrankung. Die Ursache: unbekannt. Es kommt zu einer fortschreitenden und nicht heilbaren Schädigung der Nervenzellen (Neuronen), die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Folge: Zunehmende Muskelschwäche, Muskelschwund und spastische Lähmung. ALS attackiert Männer 1,5 mal häufiger als Frauen. Meist tritt die Erkrankung zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr auf. Selten betrifft die ALS jüngere Patienten zwischen 20 und 30 Jahren, wie es bei Hawking der Fall war.

Bekanntestes Opfer in Deutschland war der Künstler und Kunstprofessor Jörg Immendorff (14.6.1945 – 28.5.2007).

Erstaunlich: Laut einer Studie der Universität Pavia (Italien) haben Fußballprofis ein erhöhtes Risiko, an ALS zu erkranken. Auch hier kennt man den Grund nicht.

Auf den Spuren von Newton – aber wie…

Isaac Newton

Mit 37 Jahren hat Hawking den ersten Gipfel seiner Karriere erreicht: Er wird Professor und Inhaber des Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik an der Uni Cambridge. Einer seiner Vorgänger war der legendäre Sir Isaac Newton (1643- 1727, Gesetz von der Gravitation/Schwerkraft), der sich am heutigen Geburtstag von Hawking im Grabe umdrehen würde, könnte er noch ein bisschen mitlauschen: Während Hawking Gott die Existenz abspricht, war Newton der Ansicht gewesen, dass das Universum allein schon wegen bestehender Naturgesetze nicht aus dem Chaos entstanden sein könnte. Er vermutete einen Gott hinter allem.

30 Jahre lang – von 1979 bis 2009 – lehrte Hawking an der Uni Cambridge. Entgegen anderslautender Meldungen gab Stephen Hawking seinen Lehrstuhl im September 2009 jedoch nicht aus gesundheitlichen Gründen auf, sondern deshalb, weil er die übliche Altersgrenze der Hochschule erreicht hat.

Hawking hat Gott abgeschafft

Schock für die Christen: 1981 nahm Hawking an einer „Kosmologietagung“ im Vatikan teil. Dort verkündete er, dass das Universum keine Grenzen hat. Das All sei nicht von Gott erschaffen, sondern ein Phänomen, das einfach vorhanden ist: „Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende; es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“

Auf dem Scheiterhaufen ist Hawking deswegen nicht gelandet, 27 Jahre danach hat der Papst ihn sogar eingeladen. Im November 2008 empfing Papst Benedikt XVI. den Aufmüpfigen. Erklärtes Ziel: Dialog zwischen der „wissenschaftlichen Wahrheit, Philosophie und Theologie“. So richtig scheint der Papst seinen Gast nicht überzeugt zu haben – der veröffentlichte 2010 das Buch „The Grand Design“ (Deutsch: „Der große Entwurf – Eine neue Erklärung des Universums“, bei Rowohlt erschienen) und erklärte erneut, warum es Gott nicht geben könne: „Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. (…) Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt dem Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.“

In einem Interview mit dem amerikanischen Sender ABC prophezeite Hawking den Sieg der Wissenschaft über die Religion. Gott sei für ihn die Verkörperung der Naturgesetze. „Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Religion, die auf Macht basiert, und Wissenschaft, die auf Beobachtung und Tatsachen beruht. Die Wissenschaft wird gewinnen, weil sie funktioniert.“ Gut, dass Newton sich nicht mehr empören kann.

Ist der Mann noch klar? Er glaubt an Aliens

Hawking gilt als glänzender Selbstvermarkter. Der Simpson- und Science-Fiction-Narr spielte sich selbst in „Star Trek“ – die Szene dauert drei Minuten, und natürlich gewinnt er auf der Leinwand gegen Albert Einstein und Isaac Newton beim Pokern. Trekkie ist er auch, wenn er sich wissenschaftlich äußert. Er ist überzeugt, dass die Menschen den All besiedeln müssen, um zu überleben: „Ich denke, dass die Zukunft der menschlichen Rasse langfristig im Weltraum liegt.“ Innerhalb der kommenden 200 Jahre sollte der Mensch seiner Meinung nach ins All umziehen.

Von Außerirdischen hat Hawking keine gute Meinung. In einer TV-Dokumentation warnt er davor, die sicherlich hoch entwickelten Aliens zu kontaktieren. Eine Kommunikation mit ihnen sei „zu riskant“ für die Menschen: „In meinem mathematischen Hirn machen die Zahlen allein das Denken über Außerirdische völlig rational. Die wahre Herausforderung ist, herauszufinden, was Außerirdische wirklich sind.“

Es sei wahrscheinlich, dass die Aliens wie Nomaden durchs All ziehen, um zu erobern und zu kolonisieren. „Wenn uns Außerirdische jemals besuchen, wird der Ausgang, so denke ich, genauso sein wie die Landung von Christopher Columbus in Amerika, was für die Eingeborenen nicht sehr gut ausging.“

Ein Reporter fragte erschrocken: „Verschwimmt mit Stephen Hawking die Grenze zwischen science (Wissenschaft) und science fiction?“

Sein bester Charakterzug

Freunde und Kollegen sind begeistert von Stephen Hawkings Charme – und Humor, den er sich trotz seiner gesundheitlichen Situation bewahrt hat. „Er ist extrem freundlich und aufgeschlossen, obwohl er so berühmt ist“, sagt seine ehemalige Doktorandin Fay Dowker, die Physikerin am Imperial College London wurde. „Und er liebt es, Scherze zu machen.“ Einmal, erinnert sich Dowker, sei sie im Sommer mit neuer und gewagter Frisur im Institut aufgetaucht – mit kahl rasiertem Schädel. „Hawking hat mich einfach nur angegrinst und gefragt: Fay, warum hast du gegen einen Rasenmäher gekämpft?“

ROLLINGPLANET hofft, dass das mit den Aliens auch nur ein Witz war.

Lesen Sie morgen auf ROLLINGPLANET Teil 2: Stephen Hawking mag Sex nicht nur mit den Ohren – und warum er wirklich Bestseller-Autor wurde

Fotos: Wikipedia/NASA/David Shapinsky from Washington, D.C., United States. Lizenz: Commons.Wikipedia/²°¹°°. Lizenz: Gemeinfreiheit. Wikipedia/National Portrait Gallery, London: NPG 2881. Lizenz: Commons

Videos

Link

Webseite von Stephen Hawking

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

5 Kommentare

  • Rene

    Tolles Porträt! Ich warte auf Teil 2! Es ist doch schon Montag 🙂

    9. Januar 2012 at 19:15
  • Rollingplanet

    Keine Sorge 🙂 Teil 2 erscheint im Laufe des heutigen Abends.

    9. Januar 2012 at 19:37
  • T.Stet

    Natürlich gibt es Außerirdische!

    12. Januar 2012 at 17:53
  • Enrico Geduhn

    Hab das Buch „Der grosse Entwurf“ gelesen oder besser zwei mal gelesen denn beim ersten mal habe ich nur Bahnhof und Abfahrt verstanden. Ansonsten kann ich nur sagen, RESPEKT Herr Hawking

    Den grössten Teil seiner extrem komplizierten Gleichungen berechnet er im Kopf…..

    Grüsse Enrico

    12. März 2012 at 14:24
  • Leon vs.

    Wer hat diesen artikel geschrieben? Hawking ist das größte Genie unser jetztigen Zeit und hat unser Verständniss des Universums revolotioniert. Es scheint so als ob sich der Autor des Textes wenig mit dem Thema beschäftigt hat. Und zu sagen das es keine aliens gibt ist so wie ein becher Wasser aus dem Ozean zu nehmen und daran festzulegen das es keine Fische in Meer gibt.

    27. Oktober 2017 at 14:36

KOMMENTAR SCHREIBEN