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Stephen Hawking: „Ich bin der Archetypus eines behinderten Genies“

Weltphysiker, Haustyrann und Frauen-Nichtversteher: Der Popstar der Wissenschaft wird 75 – und zum Mahner. Von Silvia Kusidlo

Stephen Hawking bei einem Schwerelosigkeitstest im Jahr 2007 (Foto: NASA)

Stephen Hawking bei einem Schwerelosigkeitstest im Jahr 2007 (Foto: NASA)

Körperlich total hilflos, aber der brillante Geist läuft auf Hochtouren: Stephen Hawking gehört zu den größten Wissenschaftlern aller Zeiten. Am 8. Januar wird das Genie 75 Jahre alt – nach der Prognose seiner früheren Ärzte müsste er schon seit Jahrzehnten tot sein. Erst kürzlich wurde er wieder behandelt: nach einem Treffen mit dem Papst in einem Krankenhaus in Rom.

Von Reisen rund um den Globus hält das Hawking, der in einem Rollstuhl sitzt und seit einem Luftröhrenschnitt vor etwa 30 Jahren nicht mehr sprechen kann, nicht ab. Er ist stets mit einem Stab von Leuten unterwegs, darunter auch Krankenschwestern. Hawking lebt mit der unheilbaren Muskel- und Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Seit Jahrzehnten ist er nahezu bewegungsunfähig. Nur mit Hilfe eines Computers kann er sich mühsam verständigen.

An ALS erkrankte Hawking als Physikstudent. Die Krankheit schritt bei ihm sehr langsam voran – ein Wendepunkt in seinem Leben: „Plötzlich begriff ich, dass es eine Reihe wertvoller Dinge gab, die ich tun könnte, wenn mir ein Aufschub gewährt würde.“ Mit großem Ehrgeiz und scharfem Verstand brachte er es weit. 1979 wurde er Professor für Mathematik in Cambridge, über 30 Jahre lang hatte er dort den berühmten Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik inne.

Amyotrophe Lateralsklerose
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) führt zu zerstörten Nerven und fortschreitender Muskellähmung. Die Betroffenen können sich im Verlauf der Erkrankung nicht mehr bewegen. Sie haben Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen und Atmen, bleiben in der Regel aber geistig fit. Die Krankheit tritt häufig um das 50. Lebensjahr auf, etwa die Hälfte der Patienten stirbt innerhalb der ersten drei Jahre. Nur in Ausnahmefällen leben sie länger als ein Jahrzehnt mit der unheilbaren Krankheit. Die Todesursache ist meist Atemlähmung. In Deutschland gibt es nach Informationen der ALS-Hilfe etwa 8000 ALS-Patienten, rund 2000 Patienten sterben im Jahr.
Der schon als junger Mann an ALS erkrankte Hawking gehört zu den Langzeitüberlebenden. Der deutsche Maler Jörg Immendorff starb 2007 an der Krankheit.
Vor drei Jahren rückte die Krankheit ins Bewusstsein vieler Menschen: Zahlreiche Prominente schütteten sich bei der „Ice Bucket Challenge“ einen Eimer Eiswasser über den Kopf, um zum Spendensammeln im Kampf gegen ALS aufzurufen.

Hawking-Strahlung ließ sich bisher nicht nachweisen

Hawking begeisterte die Fachwelt mit seinen Theorien zum Ursprung des Kosmos und zu monströsen Schwarzen Löchern. „Ich möchte das Universum ganz und gar verstehen“, sagte er. „Ich möchte wissen, warum es so ist, wie es ist, und warum es überhaupt existiert.“ Sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ machte ihn bei Laien populär.

Schwarze Löcher sind keine Endstationen. Zwar saugen sie durch ihre enorme Schwerkraft alles ein, was ihnen zu nahe kommt, lassen nicht einmal das Licht entkommen. Hawking konnte aber in der Theorie zeigen, dass Schwarze Löcher langsam verdampfen – eine Folge der Quantenphysik. Das Verdampfen dauert extrem lange. Die entstehende Hawking-Strahlung ließ sich daher bisher nicht nachweisen.

Bereits als Doktorand hatte Hawking 1965 zusammen mit dem Briten Roger Penrose einen wichtigen mathematischen Beleg für die Urknalltheorie geliefert. Die Idee vom Urknall war damals noch umstritten, unter anderem weil in ihm die Naturgesetze nicht mehr gelten und so eine Art Schöpfungsakt notwendig zu werden schien.

„Die Menschen sind fasziniert“

Stephen Hawking im Dezember 2016 bei einem Empfang von Papst Franziskus.  (Foto: IWN)

Stephen Hawking im Dezember 2016 bei einem Empfang von Papst Franziskus. (Foto: IWN)

Hawking beschäftigte sich mit Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie und konnte zeigen, dass sie einen Anfang des Universums voraussagte – „ein Ergebnis, das die Kirche interessiert zur Kenntnis nahm“, wie Hawking in seiner Autobiografie „Meine kurze Geschichte“ (Rowohlt, 2013) schrieb. Später betonte er jedoch, dass der Anfang des Universums nicht zwangsläufig in einer sogenannten Singularität gelegen haben muss.

Machten ihn nur seine Theorien berühmt? Hawking argwöhnte, dass da noch etwas anderes dahinterstecken könnte: „Ich bin der Archetypus eines behinderten Genies“, sagte er dem Sender BBC. „Die Menschen sind fasziniert von dem Gegensatz zwischen meinen extrem eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten und den gewaltigen Ausmaßen des Universums, mit dem ich mich beschäftige.“

Hawking ist eine Art Popstar der Wissenschaft und schreckt auch nicht davor zurück, zu populären Themen wie Zeitreisen und Außerirdischen Stellung zu nehmen. In den vergangenen Jahren scheint er eine Wandlung durchzumachen, tritt oft als Mahner auf. Intelligente Roboter, Klimaerwärmung, Atomkrieg und durch Gentechnik hergestellte Viren könnten die Erde gefährden, warnt er.

Darüber denkt er jeden Tag nach

Stephen Hawking bei einem seiner zuletzt seltenen öffentlichen Auftritte am 30. April 2013 in London (Foto: EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA/dpa)

Stephen Hawking bei einem seiner zuletzt seltenen öffentlichen Auftritte am 30. April 2013 in London (Foto: EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA/dpa)

Seine Botschaft: Die Menschheit müsse sich Ausweichmöglichkeiten im All schaffen für den Fall, dass es zu einer hausgemachten Katastrophe kommt. Gemeinsam mit dem russischen Milliardär Juri Milner plant er, eine Armee nur etwa briefmarkengroßer Raumschiffe auf eine 20-jährige Erkundungsreise zum Sternensystem Alpha Centauri zu schicken. „Früher oder später müssen wir zu den Sternen schauen.“

Das Privatleben kam trotz seiner Forschungen nicht zu kurz: Hawking war zweimal verheiratet und hat drei Kinder. 30 Jahre lang war er mit seiner Jugendliebe verheiratet, die Ehe scheiterte. Später nannte seine Ex-Frau ihn einen Haustyrannen: „Sein Ruhm trug ihn aus dem Orbit unserer Familie.“ 1995 heiratete Hawking seine Pflegerin, die Verbindung hielt elf Jahre. In einem Interview mit der Zeitschrift „New Scientist“ sagte er auf die Frage, worüber er jeden Tag am meisten nachdenke: „Frauen. Sie sind ein komplettes Rätsel.“

(RP/dpa)

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