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Stephen Hawking und Die Entdeckung der Unendlichkeit

Am 25. Dezember kommt das Leben des Physikers in die Kinos. Interview mit Eddie Redmayne, der das Genie im Rollstuhl spielt.

Neuer Kinofilm: Die Entdeckung der Unendlichkeit

Neuer Kinofilm: Die Entdeckung der Unendlichkeit

Der Brite Stephen Hawking ist eine Ikone der Astrophysik. Seine Erkenntnisse über das Universum machte er in populärwissenschaftlichen Büchern sogar für Laien verständlich. Das eigentliche Interesse der Öffentlichkeit gilt aber nicht nur seiner Arbeit – der 72-Jährige lebt seit seinem 21. Lebensjahr mit der nervenzerstörenden Krankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Er sitzt im Rollstuhl und kann sich mittlerweile nur noch mit Hilfe eines Sprachcomputers unterhalten. Am 25. Dezember kommt ein Film über Hawkings Leben zwischen Genie und körperlichem Verfall in die Kinos: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (Regie: James Marsh)

Eddie Redmayne spielt darin den berühmten Wissenschaftler – eine Rolle, die dem 32-Jährigen viele schlaflose Nächte bereitete, wie er im nachfolgenden Interview erzählt. Und das nicht nur wegen seiner schlechten Schulnoten in Physik. Schon jetzt wird er als möglicher Anwärter auf einen Oscar gehandelt.

Redmayne ist derzeit einer der gefragtesten jungen Schauspieler. Im Theater ist er ebenso zu sehen wie im Kino, etwa im Film „Meine Woche mit Marilyn“ oder im Musical „Les Misérables“. Für seine Rolle als Stephen Hawking wurde er kürzlich mit einem Hollywood Film Award geehrt. Auch in mehreren Miniserien fürs Fernsehen spielte der aus London stammende Schauspieler mit, etwa in „Die Säulen der Erde“ oder „Elizabeth I.“

Cordula Dieckmann traf Redmayne in München und stellte die Fragen.

Interview: „Er war sehr freundlich, Gott sei Dank.“

Eddie Redmayne (Foto: EPA/Facundo Arrizabalaga/dpa)

Eddie Redmayne (Foto: EPA/Facundo Arrizabalaga/dpa)

Herr Redmayne, Sie spielen Stephen Hawking, einen berühmten Astrophysiker. War das in der Schule zufällig Ihr Lieblingsfach?

(lacht) Nein, ich habe Physik abgelegt, als ich 13 oder 14 war. Eine der größten schauspielerischen Herausforderungen bei dem Film war für mich, mir selbst so viel über Physik beizubringen, dass ich den Zuschauern glaubhaft vermitteln konnte, dass ich wusste, worüber ich redete.

Wie waren Sie denn in dem Fach?

Unbrauchbar! Wirklich schlecht. Mein ehemaliger Physiklehrer wird wahrscheinlich hysterisch werden bei dem Gedanken, dass ich versuche, Stephen Hawking zu verkörpern.

Sie haben Kunstgeschichte in Cambridge studiert, wo auch Hawking lehrte. Haben Sie ihn auf dem Universitätsgelände mal getroffen?

Ich habe ihn ein paar Mal auf dem Campus gesehen. In Cambridge ist er eine Art Rockstar. Wenn man ihm dort begegnet, ist er immer von vielen Leuten umringt. Es war nicht leicht, einen Blick auf ihn zu erhaschen, aber wenn man es geschafft hat, war es immer sehr aufregend. Ich wusste nur wenig darüber, was er alles geleistet hat. Deshalb war das Drehbuch zu dem Film für mich wie ein Lehrbuch.

Felicity Jones und Eddie Redmayne spielen Jane und Stephen Hawking (Foto: Universal)

Felicity Jones und Eddie Redmayne spielen Jane und Stephen Hawking (Foto: Universal)

Als Sie sich auf den Film vorbereitet haben, sind Sie ihm aber begegnet. Wie war das für Sie?

Das war wirklich etwas Besonderes. Allerdings war das erst kurz vor den Dreharbeiten. Ich wollte ihn eigentlich schon vorher besuchen, ich habe mich vier Monate lang auf den Film vorbereitet. Aber Stephen war äußerst beschäftigt. Er musste sich um einen Dokumentarfilm kümmern, der kurz darauf erscheinen sollte. Außerdem war er dabei, einige äußerst knifflige Probleme irgendwo im Universum zu lösen. Er ist ein sehr beschäftigter Mann.

Aber dann hat es endlich doch noch geklappt.

Ja, als ich ihn traf, war es wirklich beeindruckend. Die Begegnungen mit ihm haben einen einzigartigen Rhythmus. Es gibt sehr lange Pausen. Er braucht sehr lange, um zu kommunizieren. Ich habe angefangen, diese Pausen mit Informationen über ihn selbst zu füllen – ich habe ihm von ihm selbst erzählt. Es dauerte 40 Minuten, bis ich sich meine Aufregung gelegt hatte. Aber er war so lustig und witzig. In seinen Augen liegt so ein Glitzern, eine wunderbare Verschmitztheit. Es war ein großes Privileg für mich, ihn zu treffen.

Wie sind Sie damit klar gekommen, eine Person zu spielen, die noch lebt? Das ist ja auch eine große Verantwortung.

Ich habe nur wenig geschlafen. Diese Verantwortung ist zweischneidig. Sie kann einen lähmen, sie kann einen aber auch anregen und dazu bringen, hart zu arbeiten. Ich hoffe, letzteres war bei mir der Fall!

„Er hat ein Copyright an seiner Stimme“

Gemeinsam auf dem blauen Teppich: Eddie Redmayne und Stephen Hawking bei der Filmpremiere von „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ („The Theory of Everything“) am 9. Dezember in London. Erstaunlicherweise kommt der Film zunächst in Deutschland in die Kinos, ehe er im Januar auch in Großbritannien startet. (Foto: EPA/Facundo Arrizabalaga/dpa)

Gemeinsam auf dem blauen Teppich: Eddie Redmayne und Stephen Hawking bei der Filmpremiere von „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ („The Theory of Everything“) am 9. Dezember in London. Erstaunlicherweise kommt der Film zunächst in Deutschland in die Kinos, ehe er im Januar auch in Großbritannien startet. (Foto: EPA/Facundo Arrizabalaga/dpa)

Wissen Sie, ob Stephen Hawking der Film gefallen hat?

Er war sehr freundlich, Gott sei Dank. Kurz nach unserem Treffen wollte er sich den Film ansehen. Ich habe ihm gesagt, ich sei sehr nervös und ich bat ihn, mir zu sagen, was er über den Film denkt. Er dachte einige Zeit nach und sagte dann: „Ich lasse Sie wissen, wie es mir gefallen hat – gut oder das Gegenteil davon.“

Ich sagte, „Ok Stephen, wenn es das Gegenteil ist, sagen Sie einfach ,das andere‘, ohne weiter ins Detail zu gehen“. Aber er war so großzügig. Das Schönste war: Er besitzt das Copyright an seiner berühmten Stimme. Zuerst hatten wir deshalb im Film nur eine ähnliche Stimmversion benutzt. Aber nachdem er den Film gesehen hatte, gab er uns seine echte Stimme. Die Stimme, die Sie im Film hören, ist also seine. Das war für mich das Größte!

Eddie Redmayne als junger Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (Foto: Universal)

Eddie Redmayne als junger Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (Foto: Universal)

So sahen sie in Wirklichkeit aus: Stephen Hawking kann 1965 noch mit einem Krückstock laufen, als er Jane Wilder heiratet. (Foto: John Conradi)

So sahen sie in Wirklichkeit aus: Stephen Hawking kann 1965 noch mit einem Krückstock laufen, als er Jane Wilder heiratet. (Foto: John Conradi)

Es war sicher schwierig, einen Patienten mit ALS zu spielen, bei dem sich die Muskeln etwa im Gesicht irgendwann nur noch minimal bewegen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich habe vier Monate lang regelmäßig eine Klinik in London besucht und habe mich dort mit Spezialisten getroffen. Ich habe Menschen kennengelernt, die an ALS erkrankt sind, und ihre Familien.

Manche haben mich netterweise sogar zu sich nach Hause eingeladen, damit ich nicht nur sehe, mit welchen körperlichen Schwierigkeiten diese Krankheit verbunden ist, sondern auch, was sie emotional für die Familien und die Patienten bedeutet.

Ich habe sehr viele Dokumentationen über Stephen gesehen. Und ich habe viel Zeit vor dem Spiegel verbracht. Ich wollte lernen, die Muskeln im Gesicht genauso zu bewegen, wie er; Muskeln, die wir normalerweise nicht benutzen, weil wir das nicht nötig haben. Ich habe sehr viel ausprobiert.

Stephen Hawking bei einem öffentlichen Auftritt im April in London (Foto: EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA/dpa)

Stephen Hawking bei einem öffentlichen Auftritt im April in London (Foto: EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA/dpa)

Stephen Hawking hielt dazu eine Rede. (Foto: EPA/Christobal Garcia/dpa)

Stephen Hawking in diesem September bei einer Pressekonferenz (Foto: EPA/Christobal Garcia/dpa)

Von Stephen Hawking stammt der Satz: „So lange es Leben gibt, gibt es Hoffnung.“ Sollte man Mitleid mit ihm haben oder ist sein Leben so ausgefüllt, dass er dieses Mitleid nicht nötig hat?

Die Einschränkungen und Hindernisse, mit denen er zu kämpfen hat, sind außerordentlich groß. Die Krankheit ist grausam und brutal. Jeder, der es schafft, mit ihr zu leben und diese Hindernisse zu überwinden, verdient allergrößten Respekt. Die Tatsache, dass Stephen das so umfassend und voller Energie meistert und dabei noch so außergewöhnliche Leistungen vollbringt, ist wirklich bewundernswert.

Danke für das Interview!

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Die Amyotrophe Lateralsklerose ist eine sehr ernste Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems. Sie ist seit mehr als 100 Jahren bekannt und kommt weltweit vor. Ihre Ursache ist mit Ausnahme der seltenen erblichen Formen bisher unbekannt. Die Abkürzung für Amyotrophe Lateralsklerose ist ALS. ALS hat nichts mit MS (Multiple Sklerose) zu tun, es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche Erkrankungen.

Pro Jahr erkranken etwa ein bis zwei von 100.000 Personen an ALS. Die Krankheit beginnt meistens zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr, nur selten sind jüngere Erwachsene betroffen. Männer erkranken etwas öfter als Frauen (1,6:1). Das Krankheitstempo ist bei den einzelnen Patienten sehr unterschiedlich, die Lebenserwartung ist verkürzt.

Welche Symptome zeigt die ALS?

Die ersten Symptome können bei den einzelnen Kranken an unterschiedlichen Stellen auftreten. Muskelschwund und -schwäche können sich z.B. zunächst nur in der Hand- und Unterarmmuskulatur einer Körperseite zeigen, bevor sie sich auf die Gegenseite und auf die Beine ausdehnen. Seltener ist ein Beginn in der Unterschenkel- und Fußmuskulatur oder in der Oberarm- und Schultermuskulatur. Bei einem Teil der Erkrankten treten erste Symptome im Bereich der Sprech-, Kau- und Schluckmuskulatur auf. Sehr selten äußern sich die ersten Symptome in Form von spastischen Lähmungen. Schon in den Frühstadien der ALS wird häufig über unwillkürliche Muskelzuckungen und schmerzhafte Muskelkrämpfe geklagt. In der Regel schreitet die Krankheit über Jahre gleichmäßig langsam fort, dehnt sich auf weitere Körperregionen aus und verkürzt die Lebenserwartung. Sehr langsame Verläufe über zehn Jahre und mehr sind jedoch bekannt – wie etwa bei Stephen Hawking.

Wie wird die ALS diagnostiziert?

Zuständig für die Diagnosestellung ist der Neurologe (Nervenfacharzt). Der Patient wird zunächst klinisch untersucht, insbesondere muss die Muskulatur im Hinblick auf Muskelschwund und Kraft sowie Faszikulationen beurteilt werden. Ebenso ist eine Beurteilung von Sprache, Schluckakt und Atemfunktion wichtig. Die Reflexe müssen geprüft werden. Darüber hinaus müssen andere Funktionen des Nervensystems, die von der ALS üblicherweise nicht betroffen sind, untersucht werden, um ähnliche, aber ursächlich unterschiedliche Erkrankungen zu erkennen und um Fehldiagnosen zu vermeiden.

Eine wichtige Zusatzuntersuchung ist die Elektromyographie (EMG), die den Befall des peripheren Nervensystems beweisen kann. Ausführliche Untersuchungen der Nervenleitgeschwindigkeit geben weitere Aufschlüsse. Außerdem sind Untersuchungen des Blutes, des Urins und bei der Erstdiagnostik meistens auch des Nervenwassers (Liquor) erforderlich. Verschiedene Bild gebende Untersuchungen (Kernspintomographie oder Röntgenaufnahmen) gehören ebenfalls zur Diagnostik. Im Wesentlichen müssen durch die Zusatzdiagnostik andersartige, z.B. entzündliche bzw. immunologische Krankheitsprozesse ausgeschlossen werden, die der ALS sehr ähnlich sein können, aber unter Umständen besser behandelbar sind.

Quelle: DGM/Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke e.V.

(RP/dpa)

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1 Kommentar

  • Bozdag

    Von Stephen Hawking stammt der Satz: „So lange es Leben gibt, gibt es Hoffnung.“ Sollte man Mitleid mit ihm haben oder ist sein Leben so ausgefüllt, dass er dieses Mitleid nicht nötig hat?

    19. Dezember 2014 at 18:59

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