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„Storch und andere Geschichten“ von Helmut Gotschy: Eine Rezension

„Papaya mit Rosinen“ war ein fulminanter Erstlingsroman. Jetzt wissen wir, dass Helmut Gotschy auch Kurzgeschichten kann: „Sein Samen spritzte pulsweise in hohen Fontänen auf seine Schlafanzugjacke, rann über seine Finger und tropfte auf die Unterhose. Jochen atmete stoßweise und sein Herzschlag rauschte in den Ohren“.

Helmut Gotschy’s „Storch und andere Geschichten“

Wie selbstverständlich und ohne Effekthascherei

Ein Satz der Titelgeschichte „Storch“ aus „Storch und andere Geschichten“, in der der Autor die Sorgen und Nöte eines jungen Mannes beschreibt, der sich mitten in der Pubertät befindet. Was viele Autoren nicht einmal hinter vorgehaltener Hand erzählen, beschreibt Gotschy wie selbstverständlich und vor allem ohne Effekthascherei,. So wie es ist, bringt er die Dinge auf den Punkt, wodurch seine Schreibe authentisch daher kommt.

In fünfzehn Erzählungen berichtet uns Gotschy über das Leben. Der Autor fantasiert nicht in der Gegend herum. Seine Geschichten hätten genauso passiert sein können, wie er sie aufgeschrieben hat. Und zum Teil sind sie das auch.
Die Sprache von Gotschy ist klar, präzise und dicht. Seine Geschichten erwecken Erinnerungen. Und immer wieder überkommt den Leser das Gefühl, persönlich dabei gewesen zu sein.

Nicht mit erhobenem Zeigefinger

Dabei verpackt der Autor Lebensweisheiten in seine Texte, die dem Leser zwar irgendwie geläufig sind, an die er sich durch diese Stories aber gerne erinnert fühlt. Gotschy kommt uns hierbei aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinder, sondern erinnert uns durch seine Erzählungen in liebenswerter Weise an diese Lebensweisheiten. die in der Hektik des Alltags oft verloren gehen.

Eine Grundaussage, die sich wie ein roter Faden durch Gotschy’s Erzählungen zieht, aber im täglichen Leben oft nicht wirklich realisiert wird: Wir bilden uns ein,, wir hätten alles in der Hand. Dabei vergessen wir sehr gerne, dass wir zwar einerseits alle Möglichkeiten haben, unser Leben zu gestalten und trotz aller noch so gewaltigen Schicksalsschläge Einfluss auf unser Leben zu nehmen, die Wahl haben, wie wir unser Leben gestalten, dass wir es in der Hand haben, ob unser Leben ein schönes ist oder nicht. Andererseits geben wir hierbei immer wieder der Versuchung nach, unser Schicksal „steuern“ zu wollen. Wenn wir aber dran sind, dann erwischt es uns auch, ob wir das wollen oder nicht. Deshalb ist es umso mehr von Bedeutung, die uns zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll zu nutzen, sie nicht zu vergeuden und das Wesentliche im Blick zu behalten, was immer das für den einzelnen bedeutet mag. Die erste Erzählung von „Storch und andere Geschichten“, die der Autor einfach mit „June“ betitelt, ist hierfür ein Paradebeispiel.
Weiterentwicklungen von literarischen Skizzen aus dem Studium

Bei all dem blitzt immer wieder durch, dass sich Gotschy, was die Lebenserfahrung angeht, aus einer reichhaltigen Schatztruhe bedienen kann. Man spürt in jeder Zeile, dass Gotschy eine Menge davon versteht, worüber er schreibt: Vom Leben.

Bei den Erzählungen handelt es sich um eine Sammlung knapper, manchmal auch längerer, aber immer pointierter Texte. Es sind zu einem großen Teil Weiterentwicklungen von literarischen Skizzen aus dem Studium, das er am Institut für kreatives Schreiben – Inkas – absolviert hat.

Die Erzählungen sind alle zwischen den frühen siebziger Jahren und der Gegenwart angesiedelt. In jedem Fall sind sie alle und immer irgendwie autobiografisch. Und manchmal sind es „eins zu eins“ Erzählungen aus seinem realen Leben.

Immer lässt uns Gotschy ziemlich brutal mit dem Ausgang der Geschichten alleine. Er gibt uns so jede Menge Spielraum für eigene Gedanken. Für eigene Gedanken in Bezug auf die Frage, wie die Geschichte ausgehen könnte. Jedenfalls lässt er uns in den allermeisten Fällen mit einem „offenen Ende“ zurück. Sozusagen mit einem „Gerüst, in das der Leser seine Gedanken einhängen kann“. Ein eher unkonventioneller Ansatz, den der Autor jedoch bis auf wenige Ausnahmen gnadenlos durchzieht. Und das tut seinen Erzählungen gut.

Klare Botschaften und Geheimnisse: auf dem Weg zum Meister

So bergen die Texte neben klaren Botschaften auch Geheimnisse, deren Auflösung dem Leser überlassen bleibt. Das beginnt im Grunde schon mit den Überschriften, die in den allermeisten Fällen ebenfalls auf das Wesentliche beschränkt sind, nämlich auf ein einziges Wort.

Einige Texte erfordern sehr sorgfältiges Lesen, um Wesentliches nicht zu überlesen und somit die Pointen zu verpassen. Andere wiederum sind schnell durchgelesen und im besten Sinne des Wortes mit Leichtigkeit zu erfassen. Immer jedoch haben die Erzählungen die notwendige Tiefe, die eine gute Kurzgeschichte ausmacht.

Auch eher unkonventionell, aber sehr hilfreich: Offene Fragen beantwortet Gotschy im Schlusskapitel „Hintergründe“, das zu den einzelnen Erzählungen kurze Erklärungen abliefert.

Helmut Gotschy ist gelernter Handwerker. Über 30 Jahre hat er Drehleiern gebaut und hat es dabei zu einem der größten seiner Zunft in Europa gebracht. Spricht man nun im Zusammenhang mit der Schriftstellerei ebenfalls von einem Handwerk, dann hat sich der Autor auf dem Weg gemacht, auch hier ein Meister seines Fachs zu werden.

“Storch und andere Geschichten“ (ISBN-Nr.978-3-942063-69-2) ist 2011 als Hardcover-Version im Schweinfurter Wiesenburg-Verlag erschienen und kostet 16,80 Euro.

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Lothar Epe

Lothar Epe

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Lothar Epe ist verheiratet und hat drei Kinder. Als 56-Jähriger begann er 2011 ein Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin. Er hat das Post-Polio-Syndrom (Spätfolge der als Kind durchgemachten Poliomyelitis). Bei ROLLINGPLANET tritt Epe zweifach auf: Als ROLLINGPLANET-Redakteur und hier als privater Blogger, der unabhängig von der Redaktion schreibt, was ihm wichtig ist. Zum ausführlichen Profil.

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